Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt während der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24.10.2017 im Plenarsaal im Reichstagsgebäude in Berlin aus der Wahlkabine.

12.10.2018 | Von:
Hedwig Richter

Demokratiegeschichte ohne Frauen? Ein Problemaufriss

Demokratiegeschichte transnational

Zur Frauenbewegung gehörte die zunehmende internationale Vernetzung der Welt um 1900, die häufig als erste Globalisierung bezeichnet wird.[19] Und das ist die zweite Perspektiverweiterung: Es lohnt sich, Demokratiegeschichte transnational zu verstehen. Die Geschichte der Frauenwahlrechtsbewegung muss als integraler Teil dieser ersten Globalisierung verstanden werden. Auch wenn sich Aktivistinnen häufig innerhalb dezidiert nationalistischer Diskurse bewegten, engagierten sie sich insbesondere im nordatlantischen Raum für die gleichen Anliegen, ihre Organisationsformen ähnelten sich in vielen Ländern, und die Frauenrechtlerinnen betteten das Wahlrecht fast immer in einen größeren Zusammenhang von Sozialreformen und speziellen Frauenrechten ein. Die Aktivistinnen befanden sich in einem intensiven Austausch, und ihre prominentesten Vertreterinnen reisten rund um die Welt. Es ist daher kein Zufall, dass gerade die Studien zur Frauengeschichte den globalhistorischen und transnationalen Aspekt der Demokratiegeschichte betonen.[20]

Dabei bleibt für die Analyse die Frage wichtig, warum Demokratiegeschichten nationalen Narrativen folgen: Seit Demokratie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein globales Renommee errungen hatte und weithin zur Verheißung wurde,[21] betrifft Demokratie das Selbstbild, die Selbstdarstellung – das, was Personen, Gruppen oder Nationen als ihre Identität präsentieren. Nun sind nationale Erinnerungskulturen und Historiografien unverzichtbar für diese Selbstkonstruktionen. Demokratiegeschichte hängt also eng mit Identitätserzählungen zusammen – mit Vorstellungen von Gesellschaft, Nation und Staat und mit dem Verständnis von Herrschaft –, die allesamt häufig geschlechtlich konnotiert sind.[22]

Das erklärt auch die zahlreichen Exzeptionalismusgeschichten, die national ausgerichtete Forschungen in verschiedenen Ländern zur Einführung des Frauenwahlrechts hervorgebracht haben –, obwohl doch schon der Umstand, dass das Frauenwahlrecht in zahlreichen Ländern innerhalb weniger Jahre parallel eingeführt wurde, verdeutlicht, wie wenig plausibel rein nationale Erklärungen sind.

Für Historikerinnen und Historiker in der jungen Bundesrepublik beispielsweise war es wichtig, die Frauenbewegung in das historische Narrativ einer von jeher deutschen Demokratiefeindlichkeit einzubetten: Unter Missachtung zahlreicher Parallelen in anderen Ländern diagnostizierten sie einen besonders starken deutschen Antifeminismus, eine besonders schwache oder besonders nationalistische oder besonders auf "Mütterlichkeit" verengte Frauenbewegung im Deutschen Reich; allein in Deutschland sei die Frauenbewegung stark zerstritten gewesen und habe nicht an einem Strang gezogen.[23] Doch die Phänomene glichen sich in verschiedenen Staaten.[24] Wie die jüngere Forschung immer wieder betont, hat sich eben nicht nur der sozialistische oder ein kleiner, radikaler Flügel, sondern der Großteil der deutschen Frauenbewegung für das Wahlrecht interessiert und engagiert. Wie auch in anderen Ländern forderten nicht alle Frauen das allgemeine und gleiche Wahlrecht für alle, sondern häufig lediglich dasselbe Wahlrecht, wie es die Männer hatten, auch wenn dieses – was vor dem Weltkrieg oft vorkam – beschränkt war.[25]

Die Revolutionsnarrative tragen auch zu einer Verstärkung der nationalen Sondererzählungen bei. Die Demokratieunfähigkeit der Deutschen beispielsweise wird daran festgemacht, dass allein die Revolution von 1918/19 diesem Land das Frauenwahlrecht aufzwingen konnte. Das ist umso bemerkenswerter, als ansonsten die deutsche Demokratieaversion an der angeblichen Unfähigkeit zur Revolution nachgewiesen wird[26] und die Reformen als "Revolution von oben" in Preußen oder Baden im 19. Jahrhundert oft als ein deutscher Sonderweg gelten, obwohl auch sie schlicht der gängige europäische Pfad zu demokratischen Frühformen waren.

So wird verständlich, warum Großbritannien seine militanten Suffragetten feiert und warum die deutsche Öffentlichkeit sich kaum an seine Rolle zu erinnern vermag, von der es im Zentralorgan der internationalen Frauenwahlrechtsbewegung "Ius Suffragii" 1919 hieß: Die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland sei "zweifellos der bedeutendste Sieg", der bisher je für die Sache gewonnen worden sei. "Deutschland", so hieß es weiter, komme "die Ehre zu, die erste Republik zu sein, die auf wahrhaften Prinzipien der Demokratie gründet, dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht für alle Männer und Frauen."[27] Der internationale Zugriff ignoriert allerdings nicht die Kategorie Nation; es geht vielmehr darum, die nationalen Geschichten transnational oder auch national vergleichend zu reflektieren und zu interpretieren.

Fußnoten

19.
Vgl. Michael Geyer/Charles Bright, World History in a Global Age, in: American Historical Review 4/1995, S. 1034–1060, hier S. 1044–1047.
20.
Beispielhaft sei hier auf zwei Aufsätze mit Forschungsüberblick verwiesen: Ida Blom, Structures and Agency. A Transnational Comparison of the Struggle for Women’s Suffrage in the Nordic Countries During the Long 19th Century, in: Scandinavian Journal of History 5/2012; Crook (Anm. 11). Vgl. generell zur Forschung über das Frauenwahlrecht den Literaturüberblick im Beitrag von Kerstin Wolff und in der Einleitung bei Richter/Wolff (Anm. 16).
21.
Vgl. Adam Tooze, Ein globaler Krieg unter demokratischen Bedingungen, in: Tim B. Müller/Adam Tooze (Hrsg.), Normalität und Fragilität. Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg, Hamburg 2015, S. 37–70; Crawford. B. Macpherson, The Life and Times of Liberal Democracy, New York 1977, S. 64–69.
22.
Vgl. Andrea Maihofer, Geschlecht als Existenzweise. Macht, Moral, Recht und Geschlechterdifferenz, Frankfurt/M. 1995; Iris M. Young, Das politische Gemeinwesen und die Gruppendifferenz. Eine Kritik am Ideal des universalen Staatsbürgerstatus, in: Herta Nagl-Docekal et al. (Hrsg.), Jenseits der Geschlechtermoral. Beiträge zur feministischen Ethik, Frankfurt/M. 1993, S. 267–304.
23.
Vgl. Herrad-Ulrike Bussemer, Frauenwahlrecht, in: dies. et al. (Hrsg.), Debatte um das Frauenwahlrecht in Deutschland, Hagen 1992, S. 5–19; Amy Hackett, The German Women’s Movement and Suffrage, in: Robert J. Bezucha (Hrsg.), Modern European Social History, Lexington 1972, S. 354–386; Barbara Holland-Cunz, Die alte neue Frauenfrage, Frankfurt/M. 2003, S. 43–49, passim; vgl. die detaillierte Widerlegung deutscher Sonderweggeschichten für das Frauenwahlrecht mit umfassender Literatur bei Gisela Bock, Das politische Denken des Suffragismus. Deutschland um 1900 im internationalen Vergleich, in: dies., Geschlechtergeschichten der Neuzeit. Ideen, Politik, Praxis, Göttingen 2014, S. 168–203.
24.
Vgl. Ute Planert, Wie reformfähig war das Kaiserreich? Ein westeuropäischer Vergleich aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive, in: Sven Oliver Müller/Cornelius Torp (Hrsg.), Das Deutsche Kaiserreich in der Kontroverse, Göttingen 2009, S. 165–184, hier S. 172.
25.
Vgl. umfassend dazu mit der neuesten Forschung Kerstin Wolff, Noch einmal von vorn und neu erzählt. Die Geschichte des Kampfes um das Frauenwahlrecht in Deutschland, in: Richter/Wolff (Anm. 16), S. 35–56; Susanne Schötz, Politische Partizipation und Frauenwahlrecht bei Louise Otto-Peters, in: ebd., S. 187–220; Angelika Schaser, Zur Einführung des Frauenwahlrechts vor 90 Jahren am 12. November 1918, in: Feministische Studien 1/2009, S. 97–110; Bock (Anm. 23), S. 168–203.
26.
Das erklärt auch, warum die stark parteipolitisch geprägte Sicht der Sozialdemokratin Marie Juchacz aus der ersten Rede einer Abgeordneten im deutschen Parlament vielfach als historische Tatsache zitiert wird: "[I]ch möchte hier feststellen, und zwar ganz objektiv, daß es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat." Rede Marie Juchacz, Stenographischer Bericht, Nationalversammlung, 11. Sitzung, 19.2.1919, S. 177.
27.
Ius Suffragii – International Woman Suffrage News 4/1919, S. 1.
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Autor: Hedwig Richter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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