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6.5.2003 | Von:
Michael Haller

Zum Funktionswandel des Kulturjournalismus in der Mediengesellschaft

Das Feuilleton der großen Tageszeitungen wird immer mehr von politischer Tagesaktualität überfrachtet. Durch diese Entwicklung droht das Eigenständige des Künstlerisch-Kulturellen verloren zu gehen.

Einleitung

Als sich am 30. Januar 2003 der Todestag Mahatma Gandhis zum fünfundfünfzigsten Mal jährte, wäre dies ein schöner Anlass gewesen, im politischen Teil der Zeitungen über den Niedergang der Idee der Gewaltlosigkeit in den Zeiten des Terrorismus einen Kommentar zu schreiben. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) brachte zwei Wochen später eine genaue Beschreibung der Gewaltverhältnisse im heutigen Indien vor dem Hintergrund des politischen Konflikts mit Pakistan. Der Bericht erschien im Feuilleton (FAZ vom 17. 2. 2003) - wie schon viele dem Reich der Beliebigkeit entflohene Politikanalysen und -kommentare zuvor. "In diesem Krieg werden wir alle dümmer und gemeiner", lesen wir eine Woche später im Aufmacher des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, der über den soeben ausgebrochenen "Weltbürgerkrieg" mit der Keckheit des Ahnungslosen schwadroniert. Seine Überschrift scheint Programm: "Dümmer geht's immer."


Das war nicht immer so. Das verehrte Feuilleton der deutschen Publizistik - Umschlagplatz der aktuellen Kulturkritik, Brennpunkt der kulturpolitischen Analysen, Forum für die Gestaltungskraft der deutschen Sprache? Tempi passati.