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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt während der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24.10.2017 im Plenarsaal im Reichstagsgebäude in Berlin aus der Wahlkabine.

12.10.2018 | Von:
Gesine Fuchs

Wählen Frauen anders als Männer?

Geschlecht und aktives Wahlrecht

Die Wahlbeteiligung der Geschlechter hat sich in den vergangenen Jahrzehnten angeglichen. Die größte Lücke gab es 1957 mit 3,3 Prozent zuungunsten der Wählerinnen. Seit 2002 schwankt der Geschlechterunterschied zwischen 0,4 und 0,8 Prozent.[13] Die Wahlbeteiligung nach Alter weist größere Unterschiede auf: Die Beteiligungsraten steigen bis etwa 70 Jahre an und gehen dann zurück. Bei der Bundestagswahl 2017 gingen 67 Prozent der 21- bis 24-Jährigen, aber 81 Prozent der 60- bis 69-Jährigen zur Wahl.[14]

Insgesamt sind die Unterschiede in der Wahlbeteiligung zwischen den Geschlechtern also klein, und zwar kleiner als die Unterschiede beim deklarierten politischen Interesse. Die feministische Forschung hat wiederholt vermutet, dass die Frage nach dem "politischen Interesse" nur das Interesse an institutionalisierter "offizieller", also männlich definierter Politik messe und unter anderem deswegen Frauen hierbei stets niedrigere Werte aufwiesen als Männer. Die Politikwissenschaftlerin Bettina Westle hat diese Einwände mittels Umfragedaten intensiv untersucht. Sie fand, dass deklariertes politisches Interesse mit tatsächlicher politischer Partizipation verknüpft ist, und zwar in gleich starkem Maße sowohl mit Wahlen und Parteiarbeit als auch mit zivilgesellschaftlicher Initiative oder Protestbeteiligung, also mit sogenannten konventionellen und unkonventionellen Formen. Einen Teil des niedrigeren Partizipationsniveaus von Frauen konnte sie auf deren geringere Ressourcen zurückführen. Doch zeigen Frauen auch bei gleichem soziodemografischen Hintergrund hinsichtlich ihres Partizipationsniveaus, ihres politischen Interesses, ihrer subjektiven Kompetenz und der Einschätzung ihrer Einflussmöglichkeiten geringere Werte.[15] Wir treffen hier auf ein immer wieder zu beobachtendes Muster: Unterschiede in der politischen Partizipation sind nach Geschlecht häufig geringer als nach anderen sozialen Merkmalen ausgeprägt, doch bleiben die Geschlechtsunterschiede auch bestehen, wenn andere Eigenschaften konstant sind. Internalisierte Geschlechterrollenorientierungen können die Ursache für diesen "primär substanziellen Gender Gap"[16] sein, und eine ausgewogenere politische Beteiligung ist daher auch Ergebnis eines veränderten gesellschaftlichen Kontextes.

Welche Parteien wählen Frauen und Männer? Für einige Reichstagswahlen in der Weimarer Republik liegen geschlechtsspezifische Statistiken für einige, nicht unbedingt repräsentativ ausgewählte, Regionen vor. Sie zeigen, dass Frauen vor allem christliche, konservative sowie völkische Parteien wählten und weitaus seltener KPD und SPD unterstützten. Auch gesichert ist die Tatsache, dass Frauen die NSDAP erst spät, das heißt ab 1931 stärker unterstützten, während die Partei vorher vor allem von Männern gewählt wurde. Frauen haben Hitler also nicht an die Macht gebracht, wie in früheren Jahren noch verschiedentlich kolportiert wurde.[17]

Seit 1953 liegen, mit Ausnahme der Bundestagswahlen 1994 und 1998, sogenannte repräsentative Wahlstatistiken vor, die das Wahlverhalten nach Geschlecht und Alter abbilden und mit gekennzeichneten Wahlzetteln in ausgewählten Wahlkreisen erhoben werden. Die Abbildung zeigt den sogenannten Tingsten-Index für verschiedene Parteien bei den jeweiligen Bundestagswahlen. Dieser Index ist nach dem schwedischen Politikwissenschaftler Herbert Tingsten benannt und gibt an, ob eine Partei über- oder unterproportional beispielweise von Frauen und Männern gewählt wird. Die Zahlen zeigen, dass Frauen und Männer zum Teil deutlich unterschiedliche Parteien unterstützten.
Wahl der Parteien nach Geschlecht 1953–2017 (Tingsten-Index)Wahl der Parteien nach Geschlecht 1953–2017 (Tingsten-Index). (© Der Bundeswahlleiter, Wahl zum 19. Deutschen Bundestag am 24. September 2017. Heft 4: Wahlbeteiligung und Stimmabgabe der Frauen und Männer nach Altersgruppen, Wiesbaden 2018, S. 14 ff.; ders., Ergebnisse früherer Bundestagswahlen, Wiesbaden 2017, S.94 ff)

Zu Beginn ist der bereits genannte traditionelle Gender Gap sichtbar, das heißt, Frauen wählen konservativer als Männer. In den 1970er Jahren wandelt sich dies langsam (gender dealignment): Nun ist die Wahlentscheidung für die CDU/CSU bei beiden Geschlechtern in etwa gleich. Linke Parteien werden seitdem stärker als bisher von Frauen unterstützt. Gleichzeitig wandeln sich die Grünen von einer Männerpartei ihrer (radikaleren) Anfangszeit zu einer in den 2000er Jahren deutlich stärker von Frauen präferierten Partei. Die FDP und die Linke werden über die Zeit hinweg seltener von Frauen gewählt. Ein gender realignment ist also auf spezifische Art zu beobachten: Frauen wählen nicht einfach linker oder "wohlfahrtsstaatlicher", sondern SPD und Grüne stärker als die Linke. Seit 2009 wird die CDU/CSU wieder deutlich überproportional von Frauen gewählt; dies könnte man als leichte Tendenz zu einem "same gender voting" [18] interpretieren, wenn man das Geschlecht von Angela Merkel als Kanzlerin beziehungsweise als Kanzlerkandidatin ausschlaggebend für eine Wahlentscheidung setzt.[19] Für die Bundestagswahlen 2002 und 2005 lassen sich schwache Effekte nachweisen; Frauen, eher Jüngere und links Eingestellte, haben etwas häufiger mit der Erststimme Kandidatinnen gewählt oder einer Liste mit Spitzenkandidatin die Zweitstimme gegeben.[20]

Schließlich fällt auf, dass die Alternative für Deutschland deutlich weniger von Frauen gewählt wird: 2017 stimmten 9,2 Prozent der Frauen und 12,6 Prozent der Männer für diese Partei. Das ist insofern erstaunlich, als Frauen gleich häufig wie Männer rechtspopulistisch eingestellt sind.[21] In der internationalen Forschung wird vermutet,[22] dass eine weiterhin engere Kirchenbindung von Frauen die Wahl von Rechtspopulisten weniger wahrscheinlich macht und Frauen eher eine soziale Stigmatisierung bei entsprechender Wahlentscheidung fürchten als Männer. Auch könnten ein gewalttätiges und aggressives Image die Wahlbereitschaft für rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien schwächen. Frauen an der Spitze rechter Parteien könnten sie hingegen auch attraktiv für Wählerinnen machen. Dazu passt die Instrumentalisierung und Verschmelzung von feministischen Forderungen mit rassistischer Programmatik, wenn etwa Migranten für allen Sexismus im Land verantwortlich gemacht werden und dieser auf ihre Religion beziehungsweise Kultur zurückgeführt wird. Dazu wird die deutsche Mehrheitsgesellschaft als gleichberechtigt und freiheitlich kontrastiert (sogenannter Femonationalimus).[23] Zusammengefasst: Überzeugende Erklärungen für die relative AfD-Unattraktivität bei Frauen müssten noch gefunden werden.

Eine aktuelle Studie auf Grundlage einer selbstselektiven Online-Befragung zeigt, welche politischen Einstellungen, parteipolitischen Präferenzen und Partizipationsverhalten LGBTIQ*-Personen in Deutschland und Österreich haben. In Deutschland zeigte sich eine große Präferenz für linke Parteien (29 Prozent Grüne, 23 Prozent Linke, 21 Prozent SPD); bei Trans- und Queer-Personen präferierten gar über 40 Prozent die Linke – eine Partei, die eine ausdifferenzierte Agenda in Bezug auf Trans*personen hat;[24] spezifische, kleinere programmatische Unterschiede können also unter bestimmten Umständen zu unterschiedlichen Parteipräferenzen führen.

Fußnoten

13.
Vgl. Der Bundeswahlleiter, Ergebnisse früherer Bundestagswahlen, Wiesbaden 2017, S. 94.
14.
Vgl. ders., Wahl zum 19. Deutschen Bundestag am 24. September 2017, Heft 4: Wahlbeteiligung und Stimmabgabe der Frauen und Männer nach Altersgruppen, Wiesbaden 2018, S. 11.
15.
Vgl. Bettina Westle, Politische Partizipation und Geschlecht, in: Achim Koch/Martina Wasmer/Peter Schmidt (Hrsg.), Politische Partizipation in der Bundesrepublik Deutschland. Empirische Befunde und theoretische Erklärungen, Opladen 2001, S. 131–168.
16.
Bettina Westle, "Die unpolitische Frau" – Ein Methodenartefakt der Umfrageforschung?, in: Hanna Kaspar et al. (Hrsg.), Politik – Wissenschaft – Medien. Festschrift für Jürgen W. Falter zum 65. Geburtstag, Wiesbaden 2009, S. 179–201, hier S. 197.
17.
Siehe zu dieser Frage Jürgen W. Falter, Hitlers Wähler, München 1991, S. 136ff.; Birsl (Anm. 4), S. 71–76, S. 86–87.
18.
Einen Forschungsüberblick zu den Einflussfaktoren des Geschlechts auf Wahlentscheidungen bieten Marc Debus, Weder ein "modern gender gap" noch "same gender voting" in Deutschland? Zum Einfluss auf das individuelle Wahlverhalten bei den Bundestagswahlen zwischen 1998 und 2013, in: Harald Schoen/Bernhard Weßels (Hrsg.), Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 2013, Wiesbaden 2016, S. 273ff.; Bettina Westle/Steffen Kühnel, Geschlecht als Determinante des Wahlverhaltens? Analysen mit der Repräsentativen Wahlstatistik 2005, in: Frank Brettschneider/Oskar Niedermayer/Bernhard Weßels (Hrsg.), Die Bundestagswahl 2005. Analysen des Wahlkampfes und der Wahlergebnisse, Wiesbaden 2007, S. 293–320, hier S. 296ff.
19.
Vgl. Debus (Anm. 18), S. 289f.
20.
Vgl. Westle/Kühnel (Anm. 18), S. 312.
21.
Vgl. Beate Küpper, Das Thema Gender im Rechtspopulismus – empirische Befunde zur Anschlussfähigkeit bei Frauen und Männern, in: Femina Politica 1/2018, S. 66f.
22.
Vgl. Ella Daum, Warum Frauen rechts wählen, 25.8.2017, https://katapult-magazin.de/de/artikel/artikel/fulltext/warum-frauen-rechts-waehlen«.
23.
Sara Farris, Die politische Ökonomie des Femonationalismus, in: Feministische Studien 2/2011, S. 321–334; dies., In the Name of Women’s Rights. The Rise of Femonationalism, Durham 2017.
24.
Vgl. Dorothée de Nève et al., LGBTIQ*-Wahlstudie 2017 zur Bundestagswahl in Deutschland und zur Nationalratswahl in Österreich, in: Femina Politica 1/2018, S. 149–157, hier S. 151.
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Autor: Gesine Fuchs für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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