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12.10.2018 | Von:
Hoda Salah

Partizipation und Repräsentation von Frauen in arabischen Ländern

In Syrien, Tunesien, Ägypten und im Libanon erhielten Frauen in den 1950er Jahren das Wahlrecht – in Saudi-Arabien durften Frauen erst 2015 wählen gehen, und dies nur auf Gemeindeebene. Dies zeigt, wie unterschiedlich Prozesse der (politischen) Ermächtigung von Frauen in verschiedenen arabischen Ländern verlaufen sind. Alle Besonderheiten einzelner Gesellschaften und Frauenbewegungen zu behandeln, würde den Rahmen dieses Beitrags überschreiten, daher werde ich Entwicklungen in ausgewählten Staaten exemplarisch behandeln. Zunächst gehe ich auf die Wellen der Frauenbewegung bis in die Gegenwart ein, um anschließend einige Statistiken zur politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Integration von Frauen in arabischen Staaten zu präsentieren. Aktuelle Herausforderungen im Spannungsfeld von Staat, Religion und Zivilgesellschaft, in dem sich arabische Frauen als politische Akteurinnen und Trägerinnen des Wandels bewegen, skizziere ich am Schluss.

Die ersten drei Wellen der Frauenbewegung

Die erste Welle der Frauenbewegung ist in der sogenannten kolonialen Phase der arabischen Länder zwischen 1890 bis 1950 verortet. In Bezug auf Länder wie Ägypten oder dem Libanon wird in der Forschung diese Phase trotzdem oft als liberale Phase bezeichnet. Denn in dieser Zeit blühte die Kunstszene auf, insbesondere die Film- und Literaturproduktion. Neue Parteien und Bewegungen wie die Frauenbewegung, die Arbeiterbewegung, die marxistische Bewegung, die Muslimbruderschaft und die nationalistische Bewegung entstanden in dieser Zeit, die einen großen Gestaltungsspielraum bot. Seit dieser Frühphase hat sich bis heute die Frauenbewegung in verschiedenen arabischen Ländern weiter ausdifferenziert. Dazu gehören unterschiedliche Strömungen wie die säkularen, die liberalen, die nationalistischen, die kommunistischen und die islamischen Frauenbewegungen, die teilweise unterschiedliche Ziele verfolgen.

In ihrer Frühphase war die Frauenbewegung mit ihren Strömungen in den arabischen Ländern Bestandteil der Widerstandsbewegung gegen die britische, französische, italienische oder spanische Kolonialherrschaft. In Ägypten, Marokko, Tunesien oder Algerien verließen Frauen den abgeschlossenen Bereich des Harems, legten ihr Kopftuch beziehungsweise ihren Gesichtsschleier ab und nahmen an Demonstrationen gegen den Kolonialismus teil. Sie kämpften auch gegen ihre heimischen Genossen und Kontrahenten, die Frauenrechte ablehnten oder keine Frauen in ihren Parteien zulassen wollten. Die Frauenbewegung war zugleich auch Ausdruck des Zeitgeistes der "Al-Nahḍa", das heißt der arabischen Renaissance beziehungsweise Erwachen, Erneuerung oder Modernisierung.[1] Obwohl der Frauenbewegung weitgehend fromme Musliminnen, Jüdinnen und Christinnen angehörten, war sie weltlich ausgerichtet. Zu ihren Zielen zählten die Unabhängigkeit ihrer Länder, die Gleichberechtigung der Frauen, die Adaption liberaler Ideen der Moderne wie die Einführung der Demokratie sowie die Neuinterpretation religiöser Normen. Frauenrechtlerinnen forderten in den 1920er Jahren gleiche Bildungschancen und die Einführung des Wahlrechts und damit den Zugang zum politischen und öffentlichen Leben; sie kämpften aber auch um die Rechte der Frauen im Privatbereich. Hier traten sie in erster Linie für Reformen des Familienrechts ein, wie etwa für das Verbot der Polygamie.[2]

Die zweite Welle der Frauenbewegung entstand in den 1950er bis 1970er Jahren. In dieser Zeit übernahmen viele der postkolonialen, neu gebildeten arabischen Staaten sozialistische und panarabische Ideologien (mit Ausnahme des Libanons oder Monarchien wie in Marokko). Aus Angst vor einer drohenden inneren Spaltung beendeten die Machthaber in Tunesien, im Irak oder in Syrien die liberale Phase und schalteten beispielsweise in Ägypten, in Syrien oder im Sudan die verschiedenen Parteien, Bewegungen und Verbände unter einer eigenen staatlichen Organisation und sozialistischen Union zusammen. Die verschiedenen Frauenorganisationen wurden wie andere Bewegungen unterdrückt oder aufgelöst. Die autoritären Staaten zwangen den BürgerInnen ihren Wertekanon auf. Eine parlamentarische Opposition, die kontroverse Debatten anstößt, wurde nicht zugelassen; Meinungspluralismus war nicht erwünscht.

Zeittafel: Einführung des Frauenwahlrechts in arabischen StaatenUnited Nations Economic and Social Commission for Western Asia, Women’s Political Representation in the Arab Region, 2017, S. 9, https://www.unescwa.org/sites/www.unescwa.org/files/publications/files/women-political-representation-arab-region-english.pdf.; Interparlamentarische Union, o. D., http://archive.ipu.org/wmn-e/suffrage.htm; UN Women, Progress of the World’s Women: In Pursuit of Justice, 2011, www.unwomen.org//media/headquarters/attachments/sections/library/publications/2011/progressoftheworldswomen-2011-en.pdf?la=en&vs=2835. (© United Nations Economic and Social Commission for Western Asia, Women’s Political Representation in the Arab Region, 2017)
Die Grundsätze für Frauenrechte wurden von staatlicher Seite verordnet und flossen in die Verfassungen der arabischen Staaten ein. In diesem Zusammenhang spricht man in der Forschung von "Staatsfeminismus".[3] Frauen wurde das Recht auf Bildung, auf Arbeit und auf politische Partizipation zugesprochen. Das Erbe dieser sozialistischen Phase mit ihrem Staatsfeminismus ist seit den 1950er Jahren bis in die Gegenwart wirksam. Gemäß den semisäkularen Verfassungen in den meisten arabischen Ländern, besonders in den nordafrikanischen sowie im Libanon, in Syrien, im Irak und in Jordanien, sind Frauen als Staatsbürgerinnen den Männern rechtlich gleichgestellt. Frauen aus der unteren und mittleren Schicht wurde der Zugang zu kostenloser Bildung ermöglicht, und ihre Aufstiegschancen stiegen. Allerdings mussten sich arabische Frauenrechtlerinnen das allgemeine Wahlrecht hart erkämpfen. Zum Beispiel in Ägypten: Als sich der ägyptische Staat unter Präsident Gamal Abdel Nasser weigerte, den Frauen ihr Wahlrecht zu geben, organisierte die Frauenrechtlerin Doria Shafik mit 1500 Frauen eine Demonstration. Sie besetzten das Parlament und traten in den Hungerstreik. Unter nationalem und internationalem Druck erkannte der Staat unter Nasser den Frauen das Wahlrecht zu. Zwei Jahre später, 1956, erhielten ägyptische Frauen das aktive und das passive Wahlrecht.[4] Andere arabische Länder folgten (zur Einführung des Frauenwahlrechts in arabischen Staaten siehe die Zeittafel).

Die dritte Welle der Frauenbewegung setzte in den 1970er Jahren ein, unmittelbar nach der Niederlage Ägyptens, Syriens und Jordaniens gegen Israel 1967, die mit dem Scheitern des Sozialismus einherging und die arabischen Hoffnungen hinsichtlich einer Modernisierung des Staates und einem damit verbundenen Wohlstand zerstörte. Viele arabische Staaten orientierten sich zunehmend an westeuropäischen Staaten sowie den USA, rekonstruierten die Zivilgesellschaft und adaptierten ein ökonomisches Mischsystem zwischen neoliberaler und sozialer Marktwirtschaft. Die politischen Systeme der meisten arabischen Ländern sind daher pluralisierte autoritäre Systeme. Die Frauenbewegungen erlebten einen Aufschwung. In dieser Zeit entstand wieder eine Vielzahl von Frauenorganisationen aller Strömungen, ob säkular bis islamisch, nasseristisch bis nationalistisch, liberal bis konservativ. Die Frauenrechtsaktivistinnen waren gut vernetzt und gründeten Gender-Studies-Abteilungen an den Universitäten; im Libanon bereits 1973, in den Maghrebstaaten Ende der 1980er Jahre und in anderen Ländern in den 1990er Jahren.

Bis heute im Gange ist eine "NGOisierung" der Frauenbewegung,[5] die in dieser Phase ihren Anfang nahm; zugleich setzten zunehmend auch eine Zersplitterung und ideologische Konflikte in der Frauenbewegung ein. Geld aus westlichen Ländern kommt primär säkularen Frauenbewegungen zugute, islamische Bewegungen hingegen werden durch Staaten wie Saudi-Arabien oder Katar unterstützt. Im Gegensatz zur liberalen Phase der 1920er Jahre, als die meisten Frauenbewegungen von einheimischen Sponsoren unterstützt wurden und daher eher unabhängiger agierten, sie ihre Arbeit vielfältig und selbstbestimmt gestalten konnten und von vielen freiwilligen Frauenrechtlerinnen getragen waren, sind die Frauenbewegungen seit den 1980er Jahren vorwiegend von internationalen Geldgebern abhängig. Diese Abhängigkeit, die sich auch auf die Auswahl der Themen und Projekte erstreckt, die Entstehung eine Berufselite von Menschenrechtlerinnen, der fehlende Wille und die Unfähigkeit, inländische Geldgeber zu finden sowie Freiwillige zu gewinnen, sind neben der Bindung an die Tradition und die autoritären Systeme einige der großen Hindernisse und auch Herausforderungen, denen die Frauenbewegungen in arabischen Ländern gegenüberstehen.

Fußnoten

1.
Vgl. Albert Hourani, Arabic Thought in the Liberal Age 1798–1939, Cambridge 1983; Beth Baron, Egypt as a Woman: Nationalism, Gender, and Politics, Berkeley 2007; Margot Badran, Feminism in Islam: Secular and Religious Convergences, Oxford 2008.
2.
Vgl. Leila Ahmed, Women and Gender in Islam: Historical Roots of a Modern Debate, Kairo 1998.
3.
Vgl. Mervat F. Hatem, Economic and Political Liberation in Egypt and the Demise of State Feminism, in: International Journal of Middle East Studies 2/1992, S. 231–251.
4.
Vgl. Cynthia Nelson, Doria Shafik, Egyptian Feminist: A Woman Apart, Miami 1996.
5.
Vgl. Islah Jad, The NGO-isation of Arab Women’s Movements, in: IDS Bulletin 4/2004, S. 34–42.
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Autor: Hoda Salah für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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