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6.5.2003 | Von:
Tobias J. Knoblich

Soziokultur in Ostdeutschland

Kultur war in der DDR stark gesellschaftlich orientiert. Diese Tradition wird in Ostdeutschland heute nicht mehr staats-, sondern bürgernah verstanden. Beispiele sind die Soziokulturellen Zentren.

I. Avantgarde und Zonenkinder - Zuschreibungen an die ostdeutsche Herkunft

Je weiter die DDR als gesellschaftlicher Erfahrungsraum entrückt ist, je länger all jene, die aus ihr stammen, von den neuen Verhältnissen überformt und geprägt werden, desto deutlicher scheint das Bild einer ostdeutschen Mentalität hervorzutreten. Die DDR ist untergegangen, die Strukturen und Institutionen des politischen und sozialen Lebens haben sich rasant verändert, doch das komplexe, "gelernte" Verhältnis von Lebensweise und Werthorizont reproduziert noch immer Gemeinsamkeiten, die bei allen Modernisierungen und demographischen Verschiebungen ostdeutsche Individuen erkennbar machen. Der Plural "die Ostdeutschen", der die wahrnehmbare Einheit in Differenz hervorhebt, unterscheidet sich dabei grundsätzlich vom Abgrenzungskürzel "Ossi". Der "Ossi" verkörpert die typisierte Mischung mehr oder minder verschrobener DDR-Eigenschaften, der Ostdeutsche hingegen eine soziologische Kategorie, mit der - wie Wolfgang Engler zeigte - sehr differenziert die Entwicklung einer Population beschrieben werden kann.[1] Zwar haben sich auch im Osten neue Lebensstile ausgeprägt, doch über all dem steht eine gemeinsame Haltung, die letztlich mehr eint als unterscheidet.


In den vergangenen Jahren ging es vordergründig um die Bewältigung von Transformationen, die den Ostdeutschen ein Höchstmaß an Neuorientierung und oftmals auch an Frustration abverlangten. So mussten sich sämtliche DDR-Generationen mit der Deformationsthese auseinander setzen, nach der alle in der DDR Sozialisierten Schwierigkeiten hätten, demokratiefähig zu sein. Das Wort "Beitritt", das in der Rede über die Wiedervereinigung immer etwas unangenehm heraussticht, hatte stets auch die Konnotation von Gleichschritt, der jedoch von vielen Ostdeutschen nur mühsam zustande gebracht werden konnte. Inzwischen aber hört man verstärkt Stimmen, die sehr selbstbewusst mit den "Wegen aus der DDR" umgehen und uns zeigen, dass sich hinter vermeintlicher Holprigkeit auch Eigenschaften verbergen, deren Einsatz heute für ganz Deutschland nützlich sein könnte.

Die Ostdeutschen etwa als "Avantgarde" zu charakterisieren, wie es Wolfgang Engler tat, kann als Aufwertung jener Leistungen verstanden werden, die im Transformationsprozess häufig als notwendige Anpassung verharmlost wurden. Der "Auszug aus der Arbeitsgesellschaft"[2] hat im Osten ein Ausmaß erreicht, das mit bloßer Anpassung nur zynisch beschrieben wäre; dass zugleich ein Höchstmaß an sozialen Umgangsformen weiterlebt und nach Bestätigung verlangt, kennzeichnet Menschen, denen Verantwortung in der Gemeinschaft nicht nur eine theoretische Forderung ist. Es ist genau jenes soziale Kapital, das die oft floskelhafte Rede vom bürgerschaftlichen Engagement heraufbeschwört, aber häufig nicht zu aktivieren versteht. Avantgarde bleibt bei aller positiven Zuschreibung jedoch eher ein Hoffnungsbegriff. Die Ostdeutschen brechen - ausgestattet mit bestimmten Eigenschaften - zu neuen Ufern auf; ob sie dabei ein Stück Zukunft positiv zu gestalten vermögen, bleibt offen.

Auch der mehrdeutige Begriff "Zonenkinder", wie ihn Jana Hensel einbrachte,[3] beinhaltet eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Anteil der DDR in der Biographie. Bei ihr geht es um jene, für die die "Wende" so früh kam, dass die schwerwiegenden Entscheidungen, die sie für das System vereinnahmen oder in kritische Distanz zu ihm bringen konnten, nicht mehr stattfanden. Jana Hensel schrieb ihr Buch zu einem Zeitpunkt, da sich ihre Lebensanteile in der DDR und im vereinigten Deutschland die Waage hielten. "Zonenkinder" sind so gesehen jene, die nicht mehr gänzlich in der DDR und noch nicht vollständig im Westen geprägt wurden: Sie wurden in der Zone dazwischen erwachsen und schauen auf eine immer schneller entschwindende Erinnerung an ein Land, in dem sie trotz kritischer Einwände Heimat erkennen. Dieses Land hat ihnen Eigenschaften mitgegeben, die in der Phase des Übergangs ihre Persönlichkeit mitformen. "Zonenkinder" sind Menschen, die ganz selbstverständlich unter den neuen Bedingungen leben, studieren und so klar wie keine Generation vor ihnen die Unterschiede zwischen Ost und West erkennen und Brücken zu bauen imstande sind. Sie tragen das kleine Stück DDR wie ein wunderliches Fossil mit sich, immer auch im Konflikt, über eine Kindheit zu verfügen, die im vorletzten Jahrhundert zu liegen scheint. Doch ihr Urteilsvermögen ist nie gänzlich zu trennen von jenem ersten "Boden unter ihren Füßen"[4].

An diesen beiden Selbstbeschreibungen - "Avantgarde" für die Bewältigung epochaler Umbrüche und "Zonenkinder" für die Erfahrung unterschiedlicher politischer Kulturen - wird deutlich, dass eine einseitige Überformung bzw. Interpretation der DDR-Erfahrungen weder möglich noch wünschenswert ist, weil die individuellen Prägungen nicht gleichzusetzen sind mit einem staatlichen Gebilde, das in kürzester Zeit von der politischen Agenda verschwinden kann. Doch allzu oft wurden die Menschen im Osten von einer vorprogrammierten Veränderung ergriffen - ohne Chance, den erstrittenen Umschwung mitzugestalten, ihr bisheriges Leben plötzlich anders denn als ein bloßes Museum zu betrachten. Im Bereich der bürgernahen Kulturarbeit hingegen gibt es eine Entwicklung, die als positives Beispiel "deutsch-deutscher" Annäherung hervorgehoben zu werden verdient. Sie ist nicht abgeschlossen, sondern bedarf im Gegenteil einer stärkeren Zuwendung als bisher.


Fußnoten

1.
Vgl. Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 2000.
2.
Ders., Die Ostdeutschen als Avantgarde, Berlin 2002, S. 196.
3.
Vgl. Jana Hensel, Zonenkinder, Reinbek 2002.
4.
Ebd., S. 14.