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6.5.2003 | Von:
Anton Sterbling

Eliten in Südosteuropa

Rolle, Kontinuitäten, Brüche

II. Eliten und Elitenkonfigurationen

Wiewohl heute viel - auch und gerade bezogen auf Südosteuropa[8] - von Eliten gesprochen wird, ist der Begriff alles andere als einfach zu fassen. Es handelt sich um eine wertbesetzte und ideologisch vielfach umstrittene Definition. So sei daran erinnert, dass der Elitenbegriff in der kommunistischen Ideologie eigentlich gemieden wurde und tabuisiert war, obwohl sich die kommunistischen Parteien selbst als "Avantgarde der Arbeiterklasse" verstanden, von einem ausgeprägten elitären Bewusstsein und Habitus mancher Kommunisten ganz zu schweigen. Aber auch in den Sozialwissenschaften wird der Elitenbegriff keineswegs einheitlich aufgefasst.[9] In einer ersten Annäherung kann man sagen: Eliten sind Menschen mit weit reichendem gesellschaftlichen Einfluss, Inhaber gesellschaftlicher Spitzen- und Schlüsselpositionen. Ihr Einfluss liegt insbesondere in ihrer längerfristigen Entscheidungs- und Bewirkungsmacht sowie - und dies wird gelegentlich übersehen - in der sozialen Definitionsmacht.[10]

Unter Entscheidungs- und Bewirkungsmacht ist zu verstehen, dass Eliten im Rahmen wichtiger gesellschaftlicher Institutionen Entscheidungen von großer sozialer Relevanz und nicht selten auch kollektiver Verbindlichkeit treffen. Bewirkungsmacht bedeutet aber auch, dass Eliten über die Bildung bzw. Umbildung einzelner Institutionen oder über institutionelle Arrangements Entscheidungen herbeiführen können. Eine wesentliche Bedeutung der Eliten liegt demnach in ihrer Rolle als "Konstrukteure" und "Durchsetzer" neuer institutioneller Ordnungen, wobei diese Funktion auch beim gegenwärtigen "Systemwechsel" in Südosteuropa ganz entscheidend scheint.[11]

Der maßgebliche gesellschaftliche Einfluss der Eliten kommt aber auch in ihrer sozialen Definitionsmacht zum Ausdruck. Zu den Eliten sind daher ebenso jene Menschen zu rechnen, deren Deutungen der Wirklichkeit, kulturelle Leitideen oder Zielvorstellungen einen nachhaltigen Einfluss auf das Realitätsverständnis und die Meinungsbildung größerer Bevölkerungsgruppen haben. Insbesondere in demokratischen Gesellschaften, aber keineswegs nur in diesen, hängt die Entscheidungs- und Bewirkungsmacht der Eliten auf das Engste mit bestimmten Realitätsdeutungen und Sinnvermittlungen zusammen, zumal diese erst die soziale und kulturelle Akzeptanz ihrer Entscheidungen absichern.

Es wäre daher falsch, zu den Eliten nur Personen mit weit reichender Entscheidungsmacht im Bereich der Politik, der Wirtschaft, der Großorganisationen oder Verbände zu zählen. Ebenso gehören Menschen mit maßgeblicher sozialer und kultureller Deutungsmacht dazu, unabhängig davon, ob sie institutionelle oder gesellschaftliche Spitzenpositionen innehaben oder nicht; auch bekannte Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle, hervorragende Wissenschaftler und Experten können demnach zu den Eliten gehören.

Es wäre also zu kurz gegriffen oder gar irreführend, in modernen Gesellschaften von einer einheitlichen Elite zu sprechen. Vielmehr ist von verschiedenen "Elitenkonfigurationen" auszugehen. Mit diesem Konzept werden nicht nur verschiedene Elitengruppen identifiziert und voneinander abgegrenzt, sondern auch die Beziehungen zwischen Eliten- und Nichtelitengruppen erfasst.

"Elitenkonfigurationen" meint zum einen die verschiedenartigen Herrschafts-, Macht-, Autoritäts- oder Stellvertretungsbeziehungen zwischen den einzelnen Gruppen.[12] Der Begriff beschreibt zudem die Grundlagen dieser Beziehungen, zu denen gemeinsam geteilte Wertüberzeugungen und Weltanschauungen oder ähnliche Ziele und Interessen zählen und die entsprechende Bindungen sowie Loyalitäts- und Verpflichtungsverhältnisse schaffen. Zum anderen umfassen "Elitenkonfigurationen" die vielfältigen Beziehungen, die zwischen einzelnen Teileliten einer Gesellschaft bestehen, sowie das Gegen- und Miteinander verschiedener Elitengruppen. Dies betrifft nicht zuletzt die funktionale Differenzierung, also die Aufgaben- und Machtteilung zwischen einzelnen Elitengruppen und die Abgrenzung entsprechender Einfluss- und Kompetenzbereiche.

Folgt man Field und Higley, lassen sich mehrere Typen von Elitenkonfigurationen unterscheiden: "Konsensus-Eliten", "unvollständig vereinte Eliten", "ideologisch geeinte Eliten" und "entzweite Eliten", wobei sich diese Konfiguration bis zum Typus "tödlich verfeindete Eliten" steigern kann.[13]


Fußnoten

8.
Vgl. zur Elitenproblematik in Osteuropa: Heinrich Best/Ulrike Becker (Hrsg.), Elites in Transition. Elite Research in Central and Eastern Europe, Opladen 1997; K. von Beyme (Anm. 1); Katrin Mattusch, Wie konsolidiert sind die neuen Demokratien in Osteuropa? Vom Zusammenwirken von Strukturen, Elitenprägung und Bevölkerungseinstellungen, in: B. Balla/A. Sterbling (Anm. 1), S. 179 - 209; L. Sekelj (Anm. 7). Vgl. zur Elitenproblematik in Südosteuropa u.a. Thomas Winderl, Machteliten im Systemwechsel. Über Wandel und Kontinuität osteuropäischer Eliten, in: Südosteuropa, 43 (1994) 11 - 12, S. 613 - 627; W. Höpken/H. Sundhaussen (Anm. 7).
9.
Vgl. u.a. Hans Peter Dreitzel, Elitebegriff und Sozialstruktur, Stuttgart 1962; Wolfgang Schluchter, Der Elitebegriff als soziologische Kategorie, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 15 (1963), S. 233 - 256; Günter Endruweit, Elite und Entwicklung. Theorie und Empirie zum Einfluss von Eliten auf Entwicklungsprozesse, Frankfurt/M. - Bern - New York 1986.
10.
Vgl. Anton Sterbling, Eliten im Modernisierungsprozess. Ein Theoriebeitrag unter besonderer Berücksichtigung grundlagentheoretischer Probleme, Hamburg 1987, hier S. 258 ff; ders., Modernisierung und soziologisches Denken. Analysen und Betrachtungen, Hamburg 1991, hier S. 174ff.
11.
Vgl. Stein Rokkan, Eine Familie von Modellen für die vergleichende Geschichte Europas, in: Zeitschrift für Soziologie, 9 (1980), S. 118 - 128, insb. S. 121; A. Sterbling (Anm. 7).
12.
Die Eliten-Nichteliten-Beziehungen stellen zumeist eine Mischung aus Macht-, Autoritäts- oder Stellvertretungsbeziehungen dar, wobei die jeweiligen Komponenten (von Macht, Autorität, Delegation u.Ä.) allerdings recht unterschiedlich verteilt sind. Daher ist von einer großen Variabilität der Eliten-Nichteliten-Verhältnisse auszugehen. Hinzu kommt, dass es sich um "funktionale" oder "persönliche" Abhängigkeitsbeziehungen oder aber entsprechende Mischformen handeln kann. Vgl. u.a. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1976 5 , insb. S. 122ff. und S. 541ff.; Günther Roth, Politische Herrschaft und persönliche Freiheit (Heidelberger Max Weber-Vorlesungen), Frankfurt/M. 1983.
13.
Vgl. Lowell G. Field/John Higley, Eliten und Liberalismus. Ein neues Modell zur geschichtlichen Entwicklung der Abhängigkeit von Eliten und Nicht-Eliten. Zusammenhänge, Möglichkeiten, Verpflichtungen, Opladen 1983, insb. S. 56.