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6.5.2003 | Von:
Anton Sterbling

Eliten in Südosteuropa

Rolle, Kontinuitäten, Brüche

IV. "Elitenwechsel" oder "Elitenwandel"?

Nach dem Ende des Kommunismus stellt sich für alle südosteuropäischen Gesellschaften die Frage, in welchem Umfang ein Elitenwechsel und in welcher Hinsicht ein Elitenwandel erfolgte und welche Auswirkungen diese Veränderungen auf die weiteren Modernisierungsprozesse hatten. Aus meiner Sicht ist die analytische Unterscheidung zwischen Elitenwechsel und Elitenwandel für die Klärung der Kontinuitätsfrage sehr wichtig. Elitenwechsel meint dabei lediglich den Austausch, die Zirkulation der Eliten im Hinblick auf gegebene Führungspositionen. Dagegen bedeutet Elitenwandel die Veränderung der Elitenkonfigurationen selbst, also der grundlegenden Beziehungen zwischen Eliten und Nichteliten sowie zwischen verschiedenen Elitengruppen, und darüber hinaus die veränderte strukturelle und institutionelle Verankerung des Elitengefüges.

1. Zur Frage des Elitenwechsels

Zunächst lässt sich konstatieren, dass es zwar in ganz Südosteuropa einen beachtlichen Elitenwechsel in verschiedenen institutionellen Bereichen gegeben hat. Nur selten sind dabei aber alternative "Gegeneliten" aufgestiegen. In die durch den Abgang der alten Eliten freigewordenen oder im Zuge des institutionellen Wandels neu entstandenen Elitenpositionen rückten vor allem Funktionäre, Technokraten und Angehörige der Intelligenz auf, die der höheren und mittleren Hierarchieebene im alten System angehört hatten. Der Elitenwechsel vollzog sich zugleich und vor allem als ein Generationswechsel der Eliten. Alte und neue Eliten weisen insofern viele Gemeinsamkeiten auf, als sie häufig über ähnliche Bildungs- und Karrierewege aufgestiegen sind und überwiegend denselben Herkunftsgruppen angehören.

Empirische Untersuchungen zeigen, dass selbst in Ungarn[25] - einem Land mit einer vergleichsweise hohen Elitenbewegung und -verjüngung im Zuge des Systemwechsels - von den Angehörigen der Nomenklatura des Jahres 1988 im Jahr 1993 immer noch 20 Prozent in Elitenpositionen und 31,5 Prozent in nichtelitären Stellungen mit Untergebenen zu finden waren; lediglich knapp 33 Prozent wechselten in den Rentenstand und nur 16 Prozent in nichtelitäre Positionen ohne Untergebene. Umgekehrt entstammten die "neuen Eliten" Ungarns im Jahre 1993 zu 33 Prozent der alten Nomenklatura und zu 47 Prozent der höheren Beamtenschaft; nur zu knapp 20 Prozent kamen sie aus anderen Nichtelitengruppen.[26] Bezogen auf das Beispiel Rumänien ist die Frage, ob die alten kommunistischen Eliten Nutznießer des Systemwandels waren, mit "ja" beantwortet worden. "Empirische Forschungen haben nachgewiesen, daß es Teilen der vormaligen Machteliten nach 1989 gelungen ist, das formal freie Spiel der Kräfte von Markt und Meinung dank ihres Herrschaftswissens und der von ihnen ausgeübten Kontrolle über nationale Ressourcen sozusagen legal zu ihren Gunsten zu nutzen und es in ökonomische Vorherrschaft und politische Macht umzumünzen."[27] In ähnlicher Weise heißt es zu Bulgarien: "Das alte politisch legitimierte Kapital hat sich prinzipiell in das neue ökonomische transformiert."[28] In Serbien - sicherlich ein besonders gelagerter Fall - gab es Anfang der neunziger Jahre kaum eine nennenswerte "Elitenzirkulation". Die Kontinuität der Eliten zwischen 1989 und 1995 liegt im Bereich der politischen Eliten bei knapp 86 Prozent, die der Spitzenbeamten bei 92 Prozent, der Wirtschaftseliten staatlicher Großbetriebe bei knapp 90 Prozent und der Wirtschaftseliten privater Betriebe bei knapp 84 Prozent.[29] Als Grund ist sicher der Fortbestand des Milos

In allen südosteuropäischen Gesellschaften hielt sich der Elitenwechsel in Grenzen. Diese Entwicklung hat zwei wesentliche Ursachen, die bereits angedeutet wurden. Zum einen haben die kommunistischen Machthaber die Herausbildung alternativer Elitengruppen jahrzehntelang nicht nur unmittelbar repressiv unterbunden, sondern auch mittelbar und nachhaltig auf entsprechende Prozesse der Elitenbildung Einfluss genommen. Zum anderen rekrutierten sich die Eliten spätestens seit den sechziger Jahren immer häufiger aus der ständig wachsenden und sich funktional wie statusmäßig ausdifferenzierenden sozialen Kategorie der Intelligenz. Letztlich ist daher schwer zu sagen, ob sich die "kommunistischen Eliten" zunehmend - vor allem in der Generationenfolge - in Angehörige der Intelligenz verwandelten oder ob es Angehörigen der Intelligenz mehr und mehr gelang, Elitepositionen des kommunistischen Herrschaftssystems bis in zentrale Kernbereiche der politischen Macht hinein zu besetzen und in ihrem Sinne umzuformen.

Die These vom unaufhaltsamen Herrschaftsaufstieg der Intelligenz und der Überwindung des kommunistischen Systems auf diesem Wege ist bekanntlich schon in den siebziger Jahren - unter anderem sehr nachdrücklich durch Konrád und Szelényi[30] - vertreten worden. Die weitgehende Kontinuität der Elitenreproduktion in den ehemals kommunistischen Gesellschaften Südosteuropas und insbesondere die nahezu unveränderte Rekrutierungsbasis und soziale Herkunft der "neuen Eliten" sind unbestreitbar. Dieser Sachverhalt kann nur angemessen verstanden werden, wenn man die Intelligenz als wichtigste soziale Trägergruppe der Elitenbildung in Südosteuropa begreift. Elitenbildung und -reproduktion unter maßgeblicher Beteiligung der Intelligenz haben in dieser Region eine lange Tradition, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreicht.[31]

2. Zentrale Aspekte des Elitenwandels

Im Gegensatz zum Elitenwechsel handelt es sich beim Elitenwandel nicht nur um einen Austausch der Eliten im Rahmen bestehender Institutionen oder "bürokratischer Organisationen". Hier geht es vielmehr um den Wandel der Elitenkonfigurationen, d.h. der Beziehungen zwischen verschiedenen Elitengruppen sowie zwischen Eliten und Nichteliten, bei grundlegenden Veränderungen der institutionellen Arrangements und des Gesellschaftsgefüges.

Tatsächlich ist in allen südosteuropäischen Gesellschaften ein weitgehender und folgenreicher Elitenwandel zu erkennen, in dessen Folge der Typus der "ideologisch geeinten Elite" durch andere Konfigurationen abgelöst wurde. In Rumänien oder Bulgarien kann man gegenwärtig vom Typus "unvollständig vereinter Eliten" - also Eliten, die insbesondere auf Grund ausgeprägter nationalistischer oder ideologischer Grundpositionen teilweise nicht zu einem demokratischen Konsens fähig oder willens sind - sprechen. In den vergangenen Jahren trat allerdings auch der Typus "entzweiter Eliten" in Erscheinung, die im Falle Albaniens oder auch Bulgariens Mitte der neunziger Jahre auf nichtdemokratische, zum Teil auch gewaltsame Mittel der politischen Auseinandersetzung setzten. Im ehemaligen Jugoslawien und in einigen der Nachfolgestaaten war zeitweise sogar die Konfiguration "tödlich verfeindeter Eliten" gegeben, die mithin zu den bekannten gewalttätigen Auseinandersetzungen führte.[32] Gegenwärtig sind in dieser Region - eingebettet in gesamteuropäische Unterstützungs- und Annäherungsvorgänge - vorwiegend Entwicklungstendenzen zu beobachten, die auf eine Überwindung der Konstellation "verfeindeter" oder "entzweiter Eliten" hinauslaufen, ohne dass diese Entwicklungen allerdings schon zum Abschluss gekommen wären oder unumkehrbar erscheinen würden. Der Stabilitätspakt für Südosteuropa,[33] aber natürlich auch die realistischen Aussichten einzelner Staaten auf einen baldigen oder zumindest absehbaren Beitritt zu EU und Nato spielen in diesem Zusammenhang eine ganz wesentliche Rolle.


Fußnoten

25.
Der Autor ist sich bewusst, dass das Beispiel Ungarn bei der Betrachtung der Region Südosteuropa herausfällt. Wenn es dennoch angeführt wird, dann weil es zwar zu den anderen, ehemals kommunistischen Ländern auch empirische Befunde zum Elitenwechsel gibt, aber nicht in der prägnanten, zuverlässigen und aufschlussreichen Form (unter Berücksichtigung der Zustrom- und der Abstrommobilität) wie im Falle Ungarns.
26.
Vgl. Iván Szelényi/Szonya Szelényi, Circulation or reproduction of elites during the postcommunist transformation of Eastern Europe, in: Theory and Society, 24 (1995) 5, S. 613 - 628, insb. S. 623. Hier zitiert nach: L. Sekelj (Anm. 7) insb. S. 444f.; Csilla Machos, Eliten im postsozialistischen Ungarn, in: W. Höpken/H. Sundhaussen (Anm. 7).
27.
Vgl. Anneli Ute Gabanyi, Neue Wirtschaftseliten in Rumänien. Von der Nomenklatura zur Oligarchie, in: W. Höpken/H. Sundhaussen (Anm. 7), insb. S. 290.
28.
Rumen Dimitrov, Die bulgarische Elite. Der brüchige Übergang von Intelligenzija zu Expertentum, in: W. Höpken/H. Sundhaussen (Anm. 7), S. 258.
29.
Vgl. L. Sekelj (Anm. 7), insb. S. 456.
30.
Vgl. György Konrád/Iván Szelényi, Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht, Frankfurt/M. 1978. Auf die Verhältnisse in der DDR bezogen vgl. Stefan Hornbostel (Hrsg.), Sozialistische Eliten. Horizontale und vertikale Differenzierungsmuster in der DDR, Opladen 1999.
31.
Bereits zu jener Zeit waren es vornehmlich Angehörige dieser sozialen Kategorie, die - selbst aus verschiedenen Herkunftsgruppen stammend - nicht nur zu den maßgeblichen Schöpfern und Vermittlern nationalkultureller Wert- und Wissensbestände zählten, sondern auch den politischen Unabhängigkeitskampf mit anführten. Sie waren es auch, die in der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die neuen unabhängigen Staaten nach ihren Vorstellungen gestalteten und vielfach gesellschaftliche Schlüsselpositionen einnahmen. Vgl. Hugh Seton-Watson, "Intelligentsia" und Nationalismus in Osteuropa 1848 - 1918, in: Historische Zeitschrift, 195 (1962), S. 331 - 345; Heinrich August Winkler (Hrsg.), Nationalismus, Königstein/Ts. 1985 2 ; E. Hösch (Anm. 2); Anton Sterbling, Intellektuelle und Eliten in Rumänien und Südosteuropa. Eliten, Modernisierung, nationale Mythen, in: Revue des Etudes Sud-Est Européennes, 38 (1999 - 2000), S. 221 - 238; Holm Sundhaussen, Institutionen und institutioneller Wandel in den Balkanländern aus historischer Perspektive, in: Johannes Chr. Papalekas (Hrsg.), Institutionen und institutioneller Wandel in Südosteuropa, München 1994.
32.
Vgl. M. Rüb (Anm. 4); J. M. Halpern/D. A. Kideckel (Anm. 4).
33.
Vgl. Johanna Deimel, Der Stabilitätspakt für Südosteuropa. Ansatz und aktueller Stand beim Regionaltisch und den drei Arbeitstischen, in: Südosteuropa-Mitteilungen, 41 (2001) 2, S. 175 - 198; Erhard Busek, Die Zukunft Südosteuropas. Herausforderungen an die europäische und internationale Politik, in: Südosteuropa-Mitteilungen, 42 (2002) 2, S. 6 - 16; Franz-Lothar Altmann, Regionale Kooperation in Südosteuropa. Organisationen, Pläne, Erfahrungen, in: Südosteuropa, 51 (2002) 4 - 6, S. 266 - 288.