30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Die durch den China-Afrika-Entwicklungsfonds finanzierte Wanbao-Reisplantage in Mosambik

19.10.2018 | Von:
Farai Mutondoro

Zwischen Afro-Optimismus und Afro-Pessimismus. Aussichten der afrikanischen Wirtschaft

Schulden, Korruption, illegale Finanzströme

Zu den größten Herausforderungen für die afrikanischen Wirtschaften zählen die immense Staatsverschuldung, die Korruption und die illegalen Finanzströme. Die erhöhte Verschuldung der jüngeren Zeit hängt dabei unmittelbar mit der Entwicklung der Rohstoffpreise zusammen: Vor allem der Einbruch der Rohstoffpreise ab Mitte 2014 und die Notwendigkeit, den zuvor während der Boomjahre begonnenen Ausbau der Infrastruktur zu finanzieren, haben bei afrikanischen Ländern zu einem Anstieg des Schuldenstandes geführt. In Ghana ist die Auslandsverschuldung allein 2016 um 41 Prozent gestiegen.[34]

Ein Beispiel aus dem Tschad veranschaulicht den Zusammenhang zwischen Ölpreisentwicklung und Verschuldung – und die damit verbundenen Folgen für die Bevölkerung: Noch 2014 nahm die staatliche tschadische Ölgesellschaft einen Kredit in Höhe von 1,4 Milliarden US-Dollar bei dem schweizerisch-englischen Rohstoff-Handelskonzern Glencore auf, in der Hoffnung, den Kredit mit den zukünftigen Erlösen aus dem Verkauf von Rohöl, das seinerzeit mit über 100 US-Dollar pro Barrel gehandelt wurde, zurückzahlen zu können. Zwei Jahre später verschlangen die Rückzahlungen nach dem Ölpreisverfall jedoch bereits 85 Prozent der Erlöse, woraufhin Streiks gegen Sparmaßnahmen dazu führten, dass Krankenhäuser lahmgelegt und Schulen wochenlang geschlossen wurden.[35]

Besonders beunruhigend ist auch die Art und Weise, wie manche dieser Kredite verwendet werden: Die meisten werden für konsumtive Nutzung eingesetzt, etwa zur Bezahlung der Beschäftigten im öffentlichen Dienst oder zum Ankauf von Fahrzeugen für Ministerinnen und Minister, nicht aber für Investitionen. Einige dienen schlichtweg der persönlichen Bereicherung. Der Ökonom Léonce Ndikumana hat herausgefunden, dass im Zeitraum von 1970 bis 2010 für jeden geliehenen Dollar bis zu 63 Cent den Kontinent binnen fünf Jahren durch illegale Finanzströme wieder verließen. Häufig wird das Geld dabei als Privatvermögen aus dem Land transferiert.[36]

Ebenso hat ein Großteil des wirtschaftlichen Wachstums allein die politischen Eliten begünstigt. Dies ist auch einer der Gründe dafür, weshalb es etwa in Südafrika und Simbabwe einen gewaltigen Aufschrei gegen die ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma und Robert Mugabe gab. Ein Beispiel für undurchsichtige Finanzströme lieferte auch der ehemalige mosambikanische Präsident Armando Guebuza, einer der Gastgeber der eingangs erwähnten "Africa Rising"-Konferenz: Dem "Africa Report" zufolge war seine Regierung 2013 in dubiose Kreditgeschäfte verwickelt.[37] Dies sowie die argen wirtschaftlichen Probleme ließen sein Land schon kurze Zeit später keineswegs mehr als Verkörperung des zuvor beschworenen Africa-Rising-Geistes erscheinen.

Von Geheimhaltung sind auch viele Geschäfte zwischen afrikanischen Regierungen und China gekennzeichnet, was Raum für Korruption und Verdunklung lässt. Schätzungen zufolge verlieren afrikanische Länder pro Jahr fast 60 Milliarden US-Dollar durch illegale Finanzströme – in erster Linie durch Steuerhinterziehung von Handelsfirmen, Unterbewertung von Dienstleistungen und gehandelten Waren, aber auch durch Korruption und organisiertes Verbrechen.[38] Verschuldung, Korruption und illegale Finanzströme sind nicht nur Bedrohungen für die wirtschaftliche Entwicklung, sondern gefährden auch eine nachhaltige sozioökonomische Transformation des Kontinents.

Fazit

Dank des Anstiegs der Rohstoffpreise wächst die afrikanische Wirtschaft seit Beginn des neuen Jahrtausends. Erst die Auswirkungen des Verfalls der Rohstoffpreise und die Abschwächung der chinesischen Wirtschaft 2014/15 legten das Ausmaß offen, in dem die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika von diesen beiden Variablen abhängt. Das Wachstum in den Jahren davor vermochte den Bedürfnissen und Interessen der afrikanischen Bürgerinnen und Bürger nicht ausreichend Rechnung zu tragen. So, wie die meisten afrikanischen Wirtschaftssysteme strukturiert sind, wird der Großteil der Afrikanerinnen und Afrikaner an den Rand gedrängt: Ihre Wirtschaften verschaffen ihnen weder Jobs noch grundlegende soziale Dienstleistungen, sodass ihnen lediglich zwei Möglichkeiten bleiben: auszuwandern oder Teil des informellen Sektors zu werden.

Afrika sollte sich seine wachsende Erwerbsbevölkerung ebenso zunutze machen wie die Tatsache, dass es über 60 Prozent der ungenutzten landwirtschaftlichen Nutzfläche der Welt verfügt. Im Wesentlichen bedarf es dafür der Entwicklung eines robusten Produktionssektors, der Beschäftigung schafft und das produziert, was Afrikanerinnen und Afrikaner konsumieren. Die afrikanischen Regierungen und Bürgerinnen und Bürger müssen sich der ausufernden Korruption und den illegalen Finanzströmen entschieden entgegenstellen, da vor allem diese einen gewaltigen Anteil des wachsenden öffentlichen Vermögens auffressen.


Übersetzung aus dem Englischen: Peter Beyer, Bonn.

Fußnoten

34.
Vgl. African Economic Outlook 2018 (Anm. 21), S. 22.
35.
Vgl. Increasing Debt in Many African Countries Is a Cause for Worry, 18.3.2018, http://www.economist.com/middle-east-and-africa/2018/03/08/increasing-debt-in-many-african-countries-is-a-cause-for-worry«.
36.
Vgl. ebd.
37.
Vgl. Cate Reid, Mozambique: The Anatomy of Corruption, 26.6.2018, http://www.theafricareport.com/Southern-Africa/mozambique-the-anatomy-of-corruption.html«.
38.
Vgl. Amadou Sy, Financing for Development: Six Priorities for Africa, 10.3.2015, http://brook.gs/2bjRHbZ«.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Farai Mutondoro für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.