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6.5.2003 | Von:
Edda Müller
Hildegard Mackert

Bildung für Haushalt und Konsum als vorsorgender Verbraucherschutz

Nur informierte VerbraucherInnen sind fähig, ihre Rolle als KonsumentInnen aktiv und verantwortlich wahrzunehmen. Wissensvermittlung sollte sich daher stärker an der Gestaltung des Lebensalltags der Menschen orientieren.

Einleitung

"Kluge Verbraucherpolitik sucht die Balance zwischen staatlichen Regulierungen zum Schutz der Verbraucher und der Aktivierung der Konsumenten. In einer Wirtschaftsordnung, die neben eigener Wachstumsdynamik auch den Zwängen gemeinsamer Standards im Binnenmarkt sowie eines Welthandelsabkommens ausgesetzt ist, haben staatliche Allmachtsvorstellungen keinen Platz."[1] Dieses Zitat der Bundesverbraucherministerin bringt den Zusammenhang zwischen Verbraucherpolitik und Verbraucherbildung auf den Punkt, ohne Bildung auch nur erwähnen zu müssen.

Während Verbraucherpolitik es sich u.a. durch die Instrumente der Gesetzgebung, durch behördliche Kontrolle und Überwachung zur Aufgabe machen muss, für den Schutz der Verbraucherinnen und Verbraucher[2] zu sorgen, zielt Verbraucherbildung auf deren Aktivierung zu eigenverantwortlichem Handeln. Die Aktivität der Verbraucher und damit das Ziel der Verbraucherbildung besteht vor allem in der Übernahme von Verantwortung für Konsumentscheidungen und in der Ausbildung der Fähigkeit zur Gegenwehr, d.h. der Entwicklung von psychischem Widerstand gegen Beeinflussungsversuche, um auf Marketingstrategien angemessen reagieren zu können.


In einer Gesellschaft, die zunehmend von Marktprozessen gesteuert wird und in der sich technologischer und soziologischer Wandel beschleunigen, ist das Management des privaten Haushalts und des täglichen Lebens keineswegs so einfach und banal, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Verbraucher sind durch die vielen Facetten der Alltagsgestaltung sowie des allmählichen Rückzugs des Staates aus der Daseinsfürsorge mit den unterschiedlichsten Anforderungen konfrontiert. Für deren Bewältigung vermittelt ihnen heute die Schule bei weitem nicht alle erforderlichen Fähigkeiten und Kompetenzen.[3] Darunter fallen insbesondere Konsumkompetenzen. Sie wollen gelernt und eingeübt sein. Ziel der Bildung ist die Befähigung zum mündigen Konsumenten, der in der Lage ist, auf der Basis von Werten und Sachinformationen seine Entscheidungen zu treffen. Auftrag der Schule sollte es sein, ethische Werthaltungen wie soziale und ökologische Verantwortung auch in Bezug zu setzen zu dem Handeln als Konsument. Darüber hinaus muss die Fähigkeit entwickelt werden, Sachinformationen einzuordnen, zu bewerten, zu gewichten und in Alltagshandeln umzusetzen. Hier setzt Bildung für Verbraucher an.

Viele Regelungen, wie zum Beispiel das im Bundesrat abgewiesene Verbraucherinformationsgesetz (das allerdings wieder auf den Weg gebracht werden soll), das Bio-Siegel oder die Rentenreform, die so genannte "Riester-Rente", können nicht richtig greifen, wenn sie nicht genutzt werden. Nur der gebildete, entscheidungs- und handlungsbereite Verbraucher ist dazu in der Lage. Darüber hinaus ist Bildung die Voraussetzung für einen vorsorgenden Verbraucherschutz. Nur der informierte Verbraucher ist fähig, seine Konsumentenrolle aktiv und verantwortlich wahrzunehmen und somit sich selbst und die Gesellschaft vor den negativen Auswirkungen des Konsums zu schützen.


In den folgenden Kapiteln werden wir Überlegungen anstellen, wie Bildung für Verbraucher verknüpft ist mit dem Ziel eines vorsorgenden Verbraucherschutzes und dem Konzept des Nachhaltigen Konsums und welche Vorstellungen über Bildungspolitik und Curriculumentwicklung daraus abzuleiten sind.


Fußnoten

1.
Renate Künast, Die Chance in der Krise: Qualität verlangen, in: Jürgen Lackmann (Hrsg.), Verbraucherpolitik und Verbraucherbildung: Beiträge für einen nachhaltigen Verbraucherschutz, Weingarten 2002, S. 61.
2.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden nur die maskuline grammatische Form verwendet. Selbstverständlich ist die feminine Form immer mitgemeint.
3.
"Sehr einfach gesprochen, ist mit alltäglicher Lebensführung das gemeint, was Menschen den ganzen Tag und jeden Tag aufs neue alles tun. Dabei geht (es) um die Art und Weise, wie man die vielfältigen Dinge des Alltags praktisch regelt und miteinander vereinbart." Karin Jurczyk, "Die Arbeit des Alltags" - Unterschiedliche Anforderungen in der alltäglichen Lebensführung von Frauen und Männern, in: Stiftung Verbraucherinstitut, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (Hrsg.), Focus Alltag, Frankfurt/M. 1995. Damit wird in den Blick gerückt, dass die alltägliche Lebensführung keineswegs aus automatisierten Abläufen besteht, sondern sie ist ein mit Arbeit und Zeitaufwand verbundener aktiver Prozess, die einzelnen Bereiche des Alltags, die jeweils einer eigenen Logik folgen, miteinander in Einklang zu bringen. Um Aktivität und Gestaltungsmöglichkeit stärker zu betonen, wird auch von Alltagsgestaltung gesprochen. Vgl. Claudia Empacher, Zielgruppenspezifische Potenziale und Barrieren für nachhaltigen Konsum, Vortrag bei der Tagung "Nachhaltiger Konsum? Auf dem Wege zur gesellschaftlichen Verankerung", 29./30. 11. 2001, zitiert nach www.isoe. de, ohne Seitennummerierung.