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6.5.2003 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Arbeitslosigkeit ist eine Herausforderung, der sich jede Regierung stellen muss. Die (alte und neue) rot-grüne Bundesregierung begegnet ihr u.a. mit einem Umbau der Arbeitsämter...

Arbeitslosigkeit ist eine Herausforderung, der sich jede Regierung stellen muss. Die (alte und neue) rot-grüne Bundesregierung begegnet ihr u.a. mit einem Umbau der Arbeitsämter zu so genannten JobCentern, wie er von der "Hartz-Kommission" im Herbst 2002 vorgeschlagen worden ist. Günther Schmid - Mitglied dieser Kommission - gibt einen Überblick über die von dem Gremium entwickelten Strategien und ihre erwünschte Wirkung; Rudolf Hickel unterzieht diese einer Kritik.

Arbeitslose werden von der Politik immer wieder als Sündenböcke für ungelöste soziale Probleme herangezogen. Als direkten Nutzern des sozialen Sicherungssystems bürdet man ihnen gern die Verantwortung für dessen Schieflage auf. Frank Oschmiansky zeigt, dass dies geradezu reflexartig vor Bundestagswahlen geschieht mit dem Ziel der politischen Profilierung. Statt Arbeitslose zu befähigen und zu ermutigen, würden diese durch den öffentlich geäußerten Verdacht der Faulheit stigmatisiert und entmutigt.

Welche psychischen Folgen dies für die von Arbeitslosigkeit Betroffenen hat oder haben kann, veranschaulicht Christine Morgenroth. Erwerbsarbeit hat für die Lebensgestaltung und Identitätsentwicklung der Menschen einen zentralen Stellenwert. Dies macht es Arbeitslosen schwer bis unmöglich, den Widerspruch zwischen der notwendigen Verarbeitung des Arbeitsplatzverlustes und ihrem Bedürfnis (wie der von außen an sie herangetragenen Forderung), alsbald wieder eine Arbeit aufzunehmen, zu lösen. Morgenroth warnt davor, die depressive Reaktion Betroffener als individuelle Pathologie umzudeuten.

Arbeitslosigkeit ist nicht nur für die Betroffenen negativ, sie zeitigt auch Auswirkungen auf das regionale Umfeld, in dem sie auftritt. Heinz J. Ebenrett, Dieter Hansen und Klaus J. Puzicha sind zu dem Ergebnis gelangt, dass hohe Arbeitslosigkeit in einer Region und die dadurch verursachte Abwanderung mit einer spürbaren Beeinträchtigung des regionalen Intelligenzniveaus einhergehen. Die Autoren sprechen von einem Circulus vitiosus aus kontinuierlicher Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der beruflichen Qualifikation der zurückbleibenden Bevölkerung. Besonders betroffen seien die an der Schwelle zum Erwerbsleben stehenden Jugendlichen.

Thomas Kieselbach und Gert Beelmann gehen dem Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen und dem Risiko sozialer Ausgrenzung in verschiedenen europäischen Ländern nach. Sie beschreiben die Dynamik sozialer Ausgrenzungsprozesse und arbeiten auf dieser Basis heraus, welche Maßnahmen zur Reduzierung des Ausgrenzungsrisikos geboten sind. Das überraschende Ergebnis besagt, dass das Ausmaß sozialer Ausgrenzung in den meisten nordeuropäischen Ländern - allen voran Deutschland - deutlich höher ist als in den Ländern Südeuropas. Das Ausnahmeland Schweden steht als Beispiel dafür, dass sozialpolitische Maßnahmen individuelle Risiken mildern können.

Neue Wege zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit zeigt Günter Thoma auf. Neben Maßnahmen, die auf die Überwindung der allgemeinen Krise der Arbeit gerichtet sind, plädiert der Autor dafür, jungen Menschen den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt zu erleichtern. Dies soll durch eine gezielte Förderung der Ausbildungsreife und durch eine Optimierung der Ausbildungssituation geschehen. In Fällen, in denen das nicht zum erwünschten Erfolg führt, schlägt Thoma innovative Qualifizierungsmaßnahmen vor.