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6.5.2003 | Von:
Christine Morgenroth

Arbeitsidentität und Arbeitslosigkeit – ein depressiver Zirkel

Arbeitslosigkeit kann für die Betroffenen psychische Folgen haben. Es ist jedoch falsch, depressive Reaktion Betroffener als individuelle Pathologie umzudeuten.

Einleitung

"Wenn ich eine Stelle aufsuche, um Hilfe zu kriegen, dann ist das doch irgendwie ein Signal, dass ich Hilfe brauche. Vielleicht versuchst du es dann bei einer anderen Stelle, vielleicht auch noch bei einer dritten, aber je nachdem, wie du vielleicht selber nicht damit fertig wirst, sagst du vielleicht: Sense! Aber dass du vielleicht in einem Anflug von Verzweiflung keinen Ausweg mehr siehst und zu Dingen greifst "

Ist der Verlust des Arbeitsplatzes für die Betroffenen heute ein Problem im Sinne einer Lebenskrise, aus der sie oftmals nur mit großer Mühe und häufig genug mit bleibenden Schäden herausfinden? Ist Arbeitslosigkeit eines jener bedeutenden Lebensereignisse, die psychosozialen Stress auslösen und ein hohes Potenzial an Gefahren mit sich bringen? Und wenn ja, welches sind die Gefahren und mit welchen Mitteln versuchen Arbeitslose, diesen zu begegnen? Auf diese Fragen werde ich im folgenden Beitrag Antworten suchen.


Mit den vorangestellten Sätzen beschreibt eine 32-jährige Arbeitslose ihre Situation ein Jahr nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes: die vergeblichen Versuche zur Bewältigung der Situation, das zunehmende Gefühl, allein keinen Ausweg zu finden, dann die Suche nach Hilfe bei Ämtern und Beratungsstellen, das Scheitern dieser Bemühungen sowie die langsam wachsende Verzweiflung, die über die Erfahrung von Hilflosigkeit und Enttäuschung zu Depression und Selbstmordgedanken führt. Die Äußerungen werfen ein krasses Licht auf Selbstbild und Lebensgefühl arbeitsloser Menschen. Aus aktiven, leistungsbewussten und zupackenden ArbeitnehmerInnen werden depressive, ängstliche und hilfsbedürftige Klienten von sozialen Hilfsdiensten. Dieses düstere Bild scheint in die frühen dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu passen, aber so gar nicht zu dem Image von dynamischen ArbeitnehmerInnen in Zeiten von New Economy und lebenslangem Lernen. Ist es überhaupt noch aktuell? Die neueste Jugendforschung hat 2002 mit der 14. Shell Jugendstudie einen neuen Sozialcharakter präsentiert, der durch ein hohes Maß an Selbstzentrierung gekennzeichnet ist. Als Egotaktiker werden junge Leute beschrieben, die sehr mit sich selbst beschäftigt sind, die lernen, das beste aus jeder Situation zu machen und vorhandene Chancen gerade so zu nutzen, wie sie sich bieten. Dazu gehört ein gewisser Opportunismus ebenso wie der Pragmatismus, dann zuzugreifen, wenn sich eine Gelegenheit bietet. In der Bundesrepublik sind von der Hartz-Kommission Überlegungen zur Entbürokratisierung der Arbeitsämter in die Diskussion eingebracht worden, auch wird über die Ich-AG diskutiert, eine Konstruktion, die mit Hilfe von Steuererleichterungen die selbständige Tätigkeit von Arbeitslosen erleichtern soll, jeder Arbeitslose soll zum Kleinunternehmer mutieren und sein Schicksal selbst in die Hand nehmen können.[1]

Die normativen Vorgaben einer regierungsamtlichen Kommission, die sich zu konkreten Erwartungen an jeden einzelnen Arbeitslosen verdichten, und dieser neue Sozialcharakter, der eine wachsende Bereitschaft zeigt, ichbezogen und pragmatisch am Möglichen orientiert, auf gegebene Situationen zu reagieren und sich nicht durch ideologische Scheuklappen oder persönliche Ängste daran hindern zu lassen - beide weisen eine hohe Kompatibilität auf. Egotaktiker und Ich-AG passen hervorragend zusammen! So muss der Mensch beschaffen sein, der den Verlust des Arbeitsplatzes nicht zur individuellen Katastrophe werden lässt, sondern ihn durch Self-Management sogar als Chance begreifen kann.

Seit zwei Jahrzehnten wird eine Vielzahl von Argumenten bemüht, mit deren Hilfe die materiellen, sozialen und seelischen Folgen von Arbeitslosigkeit bagatellisiert werden. An erster Stelle wird in diesem Zusammenhang mit der These vom vermeintlichen Wertewandel operiert. Sie besagt, dass mit der generellen Verkürzung von Lebensarbeitszeit die Bedeutung von Erwerbsarbeit und Leistungszentrierung abnimmt; an deren Stelle treten demnach hedonistische, an Freizeit und Genuss orientierte Werthaltungen, welche die alten "Sekundärtugenden" langsam ersetzen. Dass eine leidlich gute materielle Absicherung den Verlust des Arbeitsplatzes mehr als erträglich gestaltet, gehört ebenso in diese Logik wie der Verweis auf die Existenz von Rollenalternativen in der Lebensgestaltung. Es handelt sich dann nicht mehr um Arbeitslose, sondern um Mütter und Ehefrauen, Kranke, Schwerbehinderte, Vorruheständler oder Umschüler. Eine moderne und lebenslaufbezogene Argumentation lautet, dass durch die anhaltende Massenarbeitslosigkeit der Verlust des Arbeitsplatzes eine selbstverständliche Variante in der Berufsbiografie darstellt, sie also eine planbare Option unter vielen anderen im Leben darstellt. Die Absehbarkeit dieses Ereignisses erhöht die Möglichkeiten individueller Kontrolle, jeder kann sich bereits darauf einstellen und die auftretenden Leer-Zeiten sinnvoll und in eigener Regie nutzen.


Fußnoten

1.
Anmerkung der Redaktion: Zur Hartz-Kommission vergleiche die beiden Beiträge von Günther Schmid und Rudolf Hickel in dieser Ausgabe.