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6.5.2003 | Von:

Verlust von Humankapital in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit

VI. Bewertung

Damit - so glauben wir - ist eine überzeugende empirische Antwort auf unsere grundlegenden Fragestellungen gegeben. Hohe Arbeitslosigkeit in einer Region und die dadurch verursachte Abwanderung bedingen ein niedriges Niveau regionaler Intelligenzleistungen und damit auch erhebliche Minderungen des Humankapitals in dem Teil der Bevölkerung, der gerade an der Schwelle zum Erwerbsleben steht.

Für die Ursache Binnenwanderung lässt sich unsere Vermutung bestätigen: Abwanderung aus einer wirtschaftlich schwachen in eine wirtschaftlich prosperierende Region ist in hohem Maße die Folge selbst erlebter oder in der Umgebung wahrgenommener Arbeitslosigkeit. Sie ist offensichtlich überwiegend eine Option für besser (aus)gebildete, für die intellektuelle Förderung ihrer Kinder aufgeschlossene Familien. Die Etikettierung dieses Phänomens als "brain drain" im Sinne von Volkmar Weiss[21] scheint uns angemessen. Die absehbare Entwicklung ist ein Circulus vitiosus von kontinuierlicher Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der beruflichen Qualifikation der (übrig gebliebenen) Bevölkerung.

Dass Arbeitslosigkeit in einer Region die bei weitem wichtigste Ursache für ein niedriges Leistungsniveau ist, überrascht und bedrückt. Maik Görlich[22] wird von unseren Befunden in seinen zentralen Annahmen bestätigt. Inwieweit die aufgezeigten Merkmalszusammenhänge auch die Aussage erlauben, dass die von ihm postulierten Negativfolgen von (Langzeit-)Arbeitslosigkeit, nämlich ein "Einschrumpfen der Lebensäußerungen" sowie "Hoffnungslosigkeit und Apathie" bei betroffenen Familien, sich direkt auf das regionale intellektuelle Leistungsniveau auswirken, muss offen bleiben. Auf jeden Fall aber darf konstatiert werden, dass die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die zu hoher Arbeitslosigkeit führen, in unserem Lande auch mit einer spürbaren Beeinträchtigung des regionalen Intelligenzniveaus, d.h. mit einem erheblichen Verlust an Humankapital, einhergehen.

Unsere Befunde legen nahe, den fast ausschließlich bildungspolitischen Ansatz bei der öffentlichen Ursachenforschung für das schlechte Abschneiden deutscher Schüler im PISA-Vergleich zu relativieren und durch Determinanten der wirtschaftlichen Situation zu erweitern. Insbesondere sprechen die Ergebnisse dafür, in Arbeitslosigkeit und Abwanderung nicht weniger bedeutsame Bedingungsfaktoren für Schulleistungsunterschiede zu sehen als z.B. in Schulformen, Klassengrößen und sonstigen Rahmenbedingungen des Bildungs- und Ausbildungssystems.

Eine wichtige Voraussetzung, wenn nicht gar der Königsweg für eine wirkungsvolle Anhebung des Leistungsniveaus deutscher Schüler und damit für eine Aktivierung des Humankapitals, ist offensichtlich ein essentieller Abbau der Arbeitslosigkeit in den davon besonders hart betroffenen Regionen. Gelingt dieser nicht in absehbarer Zeit, so ist zu befürchten, dass der oben beschriebene Prozess einer "kumulativen Abwärtsbewegung" von wirtschaftlicher Situation, Hoffnungslosigkeit und Abwanderung der Qualifizierten sich weiter fortsetzt und der in unseren Daten bereits deutlich sichtbare Verlust an regionalem Humankapital nur schwer, möglicherweise gar nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Internetverweise der Autoren:

Intelligenztest:

http://www.karriere.unicum.de/karriere/start/ kienbaum/intelligenztests/htm Arbeitslosigkeit: userpage.fu-berlin.de/~dittbern/archiv/ arbeitslos/html Binnenwanderung: userpage.fu-berlin.de/~bressler/ geoskript/bev7/htm PISA-Studie: www.mpib-berlin.mpg.de/pisa


Fußnoten

21.
Vgl. Volkmar Weiss, Die IQ-Falle: Intelligenz, Sozialstruktur und Politik, Graz 2000.
22.
Vgl. M. Görlich (Anm. 8)