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6.5.2003 | Von:
Thomas Kieselbach
Gert Beelmann

Arbeitslosigkeit als Risiko sozialer Ausgrenzung bei Jugendlichen in Europa

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit Jugendlicher und dem Risiko sozialer Ausgrenzung. Deren Ausmaß ist in den meisten nordeuropäischen Ländern - allen voran Deutschland - deutlich höher ist als in den Ländern Südeuropas.

I. Problemstellung

Der Zusammenhang zwischen der individuellen Erfahrung von Arbeitslosigkeit und dem Risiko sozialer Ausgrenzung (sozialer Exklusion) ist bislang in der wissenschaftlichen Diskussion eher am Rande behandelt worden.[1] Das steigende Interesse am Thema soziale Exklusion und Arbeitslosigkeit vollzieht sich vor dem Hintergrund der Veränderung der Arbeitswelt, der zunehmenden Flexibilisierung von Arbeitsmärkten und eines spürbaren Drucks auf diejenigen, die nicht genügend persönliche Bewältigungsressourcen aufweisen, um auf die veränderten gesellschaftlichen Anforderungen angemessen reagieren zu können. In der sozialwissenschaftlichen Forschung haben sich vorwiegend Soziologen mit dem Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Prozessen sozialer Ausgrenzung beschäftigt.[2] Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob mit der dauerhaften Erfahrung von Arbeitslosigkeit soziale Exklusionsprozesse ausgelöst werden, die gesamtgesellschaftliche Auswirkungen mit sich bringen und dazu führen können, dass bestimmte Gruppen in der Gesellschaft dauerhaft zu "den Entbehrlichen" gehören.[3] Die psychologische Arbeitslosenforschung untersucht traditionell die gesundheitlichen Auswirkungen von Phasen ungewollter Arbeitslosigkeit. Dieser Forschungsbereich hat sich in den vergangenen 25 Jahren extensiv ausgedehnt, und es liegen eine Vielzahl differenzierter Befunde zu den individuellen psychischen und psychosozialen Folgen von Arbeitslosigkeit vor. Es stellt sich nun die Frage, was das Neue an der Themenstellung ist, die sich mit sozialen Ausgrenzungsprozessen beschäftigt, welche durch die Erfahrung von Arbeitslosigkeit verursacht oder verstärkt werden.


An der Universität Bremen sind wir in einem von der Europäischen Kommission unterstützten Forschungsprojekt (YUSEDER) in sechs Ländern der EU der Frage nachgegangen, inwieweit die frühe Erfahrung von lang andauernder Arbeitslosigkeit Jugendlicher mit sozialen Ausgrenzungsprozessen einhergeht. Dabei wurden einzelne Dimensionen sozialer Ausgrenzung analysiert und jeweils zu den verfügbaren Schutzfaktoren und individuellen Belastungen in Beziehung gesetzt. Auf diese Weise wurde versucht, die Dynamik sozialer Ausgrenzungsprozesse zu rekonstruieren und zudem eine Verbindung zur psychologischen Analyse des Erlebens von Arbeitslosigkeit herzustellen.

In diesem Beitrag wird zunächst gefragt, ob das Konzept sozialer Ausgrenzung gegenüber bisherigen Befunden der differentiellen Arbeitslosenforschung einen deutlichen Erkenntnisgewinn liefert. Darüber hinaus wird das Konzept sozialer Exklusion vor dem Hintergrund europäischer Politiken zur gesellschaftlichen Inklusion oder Kohäsion betrachtet. Schließlich werden empirische Befunde des europäischen Forschungsprojekts dargestellt. Abschließend werden Interventionsmöglichkeiten aufgezeigt, bisherige staatliche Bemühungen und neuere arbeitsmarktpolitische Empfehlungen kritisch beleuchtet, und es wird ein Ausblick auf zukünftige Forschungsbemühungen gegeben.


Fußnoten

1.
Das Konzept der sozialen Exklusion stammt aus der französischen Soziologie und wurde bislang überwiegend als Politikbegriff (insbesondere auf EU-Ebene) verwendet und weniger als differenziertes wissenschaftliches Konzept eingeführt. Seit einigen Jahren finden sich aber sowohl international als auch national theoretische Arbeiten, empirische Studien und eine Vielzahl von Aufsätzen, die sich mit diesem Themenfeld beschäftigen. Vgl. Serge Paugam, Le salarié de la précarité, Paris 2000; Martin Kronauer, Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus, Frankfurt/M. 2002; Hilary Silver, Social exclusion and social solidarity. Three paradigms, in: International Labour Review, 133 (1994), S. 531-578.
2.
Vgl. Martin Kronauer/Berthold Vogel/Frank Gerlach, Im Schatten der Arbeitsgesellschaft. Arbeitslose und die Dynamik sozialer Ausgrenzung, Frankfurt/M. 1993.
3.
Vgl. Berthold Vogel, Am Rande der Arbeitsgesellschaft, in: Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis, 3 (2000), S. 359-366.