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12.11.2004 | Von:
Frauke Rubart

Island: Traditionsreiche Demokratie und moderne politische Kultur am Nordrand Europas

Der Beitrag gibt einen Überblick über politische Geschichte und parteipolitische Strukturen der 1944 gegründeten Republik Island. Für den Beitritt zur EU haben sich bisher nur die Sozialdemokraten ausgesprochen.

Einleitung

"Komm und träume mit uns von einer Insel, einer Welt mit Wasser im Überfluss, mit natürlichen Ressourcen, die sich ständig erneuern, mit sauberer Energie und unberührter Natur, wo der Mensch in Harmonie mit der Umwelt lebt. / Komm und träume mit uns von einer Insel an der Grenze der bewohnbaren Welt, vom Golfstrom umarmt, von Thermalwasser erwärmt und von Vulkanen beheizt. / Komm und träume mit uns von einer Insel der Neuzeit, mit modernster Technologie und althergebrachten Traditionen, einer Insel mitten zwischen der Alten und der Neuen Welt. / Komm und träume mit uns von Island, wo Träume wahr werden." (Island-Werbung auf der EXPO 2000)[1]




Wer hätte nie von einem solchen Ort geträumt? Der Island-Tag auf der EXPO 2000 in Hannover war ein großer Erfolg für das kleine Land, dessen pragmatisches Dichtervolk ständig bestrebt ist, Immanenz und Transzendenz zu vermischen: "Wie Fußspuren am Himmel. Wie Träume auf der Erde."[2] Der isländische Ausstellungspavillon - ein an seinen Außenwänden ständig mit sanft herabströmendem Wasser bedeckter blauer Kubus - wurde als materialisierte Poesie bestaunt und versetzte die Besucherinnen und Besucher in eine meditative Stimmung.

Königliche Hoheiten hat dieses von Wasser umgebene und von Fischereierträgen abhängige Nordland mit 1100-jähriger Geschichte[3] nicht zu bieten, aber der Präsident der Republik Island, O'lafur Ragnar Grímsson, warb höchstpersönlich für den Inselstaat, der bis 1944 zum dänischen Königreich gehörte und dessen Unabhängigkeitsbewegung von Poeten und Literaten geführt wurde. Früher hat Grímsson als Politikprofessor die isländische Machtstruktur analysiert[4] und war Vorsitzender einer (linken) politischen Partei. Heute repräsentiert er einen modernen Staat, der den Tourismus fördert und dabei an die Sehnsüchte gestresster, naturverbundener und reisefreudiger Menschen appelliert. Denn manchmal kommen die Fische nicht so zahlreich;[5] dann sind Touristen wichtig, die Devisen bringen.

Das kleine Island[6] muss Geld verdienen, um als Staat zu überleben. Die erst vor 60 Jahren gegründete Inselrepublik will das "gelobte Land"[7] in den eigenen Grenzen schaffen. Besonders Ende des 19. Jahrhunderts wanderten viele Verarmte und Glückssuchende nach Nordamerika aus. Heute steht Island an siebter Stelle in der UNO-Liste der Länder, in denen es sich am besten lebt.[8] Sie wird seit mehreren Jahren von Norwegen angeführt, von wo die ersten Siedler der Nordmeerinsel stammten.

Im Mittelalter war Island für viele ein "Traumland": In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts gelangten Berichte nach Norwegen, die von einem großen, unbewohnten Eiland weit draußen im Ozean erzählten, einer Insel mit üppigen Schafweiden und einem Überfluss an Fischen, Seehunden und Wasservögeln. Die größeren Landbesitzer betrachteten die Auswanderung als Möglichkeit, dem Untertanendasein zu entgehen. Auch viele Kleinbauern waren interessiert. So segelten ab 870 Tausende von Pionieren (allen voran der legendäre Ingólfur Arnarson, der Gründer von Reyjkavík) westwärts, und später kamen viele Menschen aus Schottland und Irland hinzu.[9] 930 gründeten die Wikinger dort ein unabhängiges Staatswesen, einen Freistaat ohne König.[10] Diese erste Republik bestand bis zum 13. Jahrhundert, als Island zunächst unter norwegische und später unter dänische Herrschaft geriet und zu einer Kronkolonie degradiert wurde. "Iceland is the first 'new nation' to have come into being in the full light of history, and it is the only European society whose origins are known."[11] Die Erhaltung der mit friedlichen Methoden erlangten Souveränität[12] ist für die selbstbewusste Bevölkerung von größtem Wert.


Fußnoten

1.
Vgl. die Island-Werbebroschüre "Come dream / Wo Träume wahr werden" auf der EXPO 2000 in Hannover.
2.
Einar Már Guðmundsson, Fußspuren am Himmel, München-Wien 2001, S. 51. In Island war diese 1997 erschienene Familiensaga, die mit Komik und Melancholie die schwierigen Lebensbedingungen auf der Insel in der vormodernen Zeit beschreibt, das zur Jahrtausendwende meistverkaufte Buch.
3.
Vgl. Gunnar Karlsson, Iceland's 1100 Years. The History of a Marginal Society, London 2000.
4.
Vgl. Ólafur Ragnar Grímsson, The Icelandic Power Structure 1800 - 2000, in: Scandinavian Political Studies, 11 (1976), S. 9 - 32.
5.
Vgl. den Roman des isländischen Nationaldichters und Literaturnobelpreisträgers von 1955 Halldór Laxness, Die Litanei von den Gottesgaben, Göttingen 1994 und 1999.
6.
Island hat mit 290 000 Einwohnern eine mehr als doppelt so große Bevölkerung wie zum Zeitpunkt der Republikgründung am 17. Juni 1944 - es sind aber immer noch weniger als die Hälfte der Einwohner des kleinsten deutschen Bundeslandes Bremen, die dort auf einer Fläche von der Größe der neuen deutschen Bundesländer leben.
7.
Vgl. die Romantrilogie von Einar Kárason, Die Teufelsinsel, Die Goldinsel und Das gelobte Land, München 1997 und 1999.
8.
Vgl. The Best Place to Live, in: Iceland Review online vom 16.7. 2004.
9.
Vgl. Gylfi Gíslason, Ein Lob der kleinen Staaten, in: Stephen R. Graubard (Hrsg.), Die Leidenschaft für Gleichheit und Gerechtigkeit. Essays über den nordischen Wohlfahrtsstaat, Baden-Baden 1988, S. 239.
10.
Vgl. Sigurður Líndal, Early Democratic Traditions in the Nordic Countries, in: Erik Allardt u.a. (Hrsg.), Nordic Democracy, Kopenhagen 1981, S. 15 - 43.
11.
Richard F. Tomasson, Iceland as "The First New Nation", in: Scandinavian Political Studies, 10 (1975), S. 34.
12.
Vgl. Gunnar Helgi Kristinsson, From Home-Rule to Sovereignty: The Case of Iceland, in: Godfrey Baldachino/David Milne (Hrsg.), Lessons from the Political Economy of Small Islands, Basingstoke 2000, S. 141 - 155.