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12.11.2004 | Von:
Stefan Kaufer

Nordland

Anmerkungen zum deutschen Skandinavienbild

Das deutsche Bild vom "Nordland", besonders von Norwegen, hat sich vom Ersten und Zweiten Weltkrieg über die Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart kaum verändert.

Einleitung

Am 7. August 1915 legte ein Schiff in Deutschland ab und brachte den 20-jährigen Hans Jahn aus Hamburg zusammen mit seinem Freund Gottlieb Harms nach Fredrikstad, das am Eingang des Oslofjords liegt. Bis zum 3. Dezember 1918 sollte ihnen Norwegen als Exilland Schutz davor bieten, zum Militärdienst an der Front eingezogen zu werden. Außerdem wurde hier aus dem Gymnasiasten, der am 5. August 1914, vier Tage nach Beginn des Ersten Weltkriegs, das Abitur abgelegt hatte, der Dichter Hans Henny Jahnn. "Schließlich ist Norge meine zweite Heimat geworden"[1], wird er 1935 über diese Zeit sagen, erneut als Weggegangener, diesmal auf der Insel Bornholm.


Jahn(n) war als überzeugter Pazifist einer der wenigen Jungen, auch unter den (werdenden) Schriftstellern, die es nicht begeistert in den Krieg zog. Nur Wochen nach dessen Ausbruch schrieb er in seinem Tagebuch von der "Erbärmlichkeit der Soldaten der Maschinengewehrabteilung", von der "Unersättlichkeit der Reichen, die diesen Krieg wollten" und der "Hohlheit der Leute, die laut schreien zu siegen".[2]

Doch verband ihn mit seiner Generation das Bild, das er vom Norden hatte und das als Sehnsuchtsphantasie beschrieben werden muss. "Aus den Dünsten und dumpfen Engen der Städte in die rauschenden Wälder", rief Lou Andreas Salomé 1896 programmatisch, sich auf Skandinavien beziehend.[3] Da er als einer der wenigen tatsächlich vor Ort war, lässt sich an Jahnns Empfindungen gut ablesen, was passierte, als Wunschbild und Realität zusammentrafen: "Und dann kamen die Skaren (Schären)", schreibt er noch auf dem Dampfer über seine ersten Eindrücke vom Norden, "und sie schienen wundervoll in ihrer Starrheit; aber es hielt nicht an, das Wunder - es kam eine Stadt, Schlote, Fabriken, ein Wasserfall war arg verschandelt. - Das war der letzte Eingriff tief nach innen - dass es überall gleich (ist)."[4]

Von dem, was er sah, ist nichts von Menschenhand ungestaltet. "Irgendwo wird das Land wohl sein, das wir suchen"[5], hoffte er, und reiste weiter Richtung Norden, zum Sognefjord. Ohne über die Hauptstadt Kristiania, wie Oslo von 1624 bis 1924 hieß, mehr als nur ein paar Worte zu verlieren, gelangte er nach Aurland, das sehr dünn besiedelt und von mächtigen Gebirgslandschaften bestimmt ist. Doch auch hier wurden seine Sehnsüchte nicht erfüllt. Die naturverbundenen, "unzivilisierten" Menschen langweilten ihn. "Arbeit ist" für sie, "wenn man etwas tut, und wenn man nichts tut, ist man eine leere Tonne."[6] Doch anlässlich eines Ausflugs sagte er vor allem über die Welt von Salomés "rauschenden Wäldern": "Alles hat Stil, die Kühe im Walde selbst noch, nur die Menschen mit ihren Reden, Roben, Häusern, Telegraphen, Telephon- und Hochspannungsdrähten, mit ihren Telefunkenstationen und Aussichtstürmen nicht." Er habe noch keine so mit Dingen behangene Gegend gesehen.[7] Auch der entlegene Norden war längst vermessen und verkabelt.


Fußnoten

1.
Hans Henny Jahnn, Fluss ohne Ufer 3, Hamburg 1992, S. 560.
2.
Ders., Frühe Schriften, Hamburg 1993, S. 345.
3.
Zit. nach: Barbara Gentikow, Skandinavien als präkapitalistische Idylle. Rezeption gesellschaftskritischer Literatur in deutschen Zeitschriften 1870 bis 1914, Neumünster 1978, S. 23.
4.
H. H. Jahnn (Anm. 2), S. 457f.
5.
Ders., Briefe 1, Hamburg 1994, S. 39.
6.
Ebd., S. 115.
7.
Ebd., S. 117f.