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3.11.2004 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

"Neue" oder "moderne" Männer stellen heute keine Minderheit mehr dar. Sie sind dabei, klassische männliche Karrieremuster aufzubrechen. Indem sie ihre "weiblichen Potenziale" entdecken und kultivieren, gewinnen sie: beruflich wie privat.

In die Geschlechterforschung ist Bewegung gekommen. Neben die feministisch angestoßene Frauen- und Geschlechterforschung ist - nicht zuletzt als Reaktion auf deren gleichbleibend niederschmetternde Ergebnisse für den weiblichen Teil der Gesellschaft - eine Männer- bzw. Männlichkeitsforschung getreten. Diese bedient sich vorzugsweise soziologischer, politologischer und psychologischer Erkenntnisse. Von einer die Forschung auslösenden Männerbewegung wollen deren Vertreter allerdings nicht sprechen. Tatsächlich fehlt dafür - nicht nur im Vergleich mit der Frauenbewegung - die Basis: Es gibt allenfalls eine "Männerszene". Dass Männer und Männlichkeit stärker ins Blickfeld des Interesses gerückt sind, ist auch auf die Genderforschung - die Einbeziehung beider Geschlechter und die Einführung eines relationalen Geschlechterbegriffs - zurückzuführen.

Uneinigkeit herrscht noch darüber, wie das vergleichsweise neue Gebiet genannt werden sollte. Der Begriff "Männerforschung" legt nahe, dass ausschließlich von Männern über Männer und Männlichkeit geforscht wird. "Männlichkeitsforschung" ist offener, bezieht sich der Terminus doch auf den Untersuchungsgegenstand und nicht auf das Geschlecht der Forschenden. "Soziologische Männlichkeitsforschung" wiederum versteht sich als Forschung über hegemoniale Männlichkeit.

Innerhalb des neuen Wissenschaftszweiges hat sich eine "kritische Männerforschung" etabliert, deren forschungsleitende Interessen sich vor allem am "neuen" bzw. "modernen Mann" orientieren. Nach den Ergebnissen ihrer Vertreter, die in dieser Ausgabe zu Wort kommen werden, stellen "neue" oder "moderne" Männer heute keine Minderheit mehr dar. Sie sind nicht mehr so ausschließlich berufsorientiert wie ihre traditionellen (meist älteren) Geschlechtsgenossen, stehen der Übernahme häuslicher Pflegearbeiten und einer damit zusammenhängenden Unterbrechung ihrer Erwerbstätigkeit aufgeschlossener gegenüber und verstehen sich als partnerschaftliche und aktive Väter. Diese Männer sind dabei, klassische männliche Karrieremuster aufzubrechen, und tragen damit indirekt zu einer Verbesserung der immer noch sehr schwierigen Situation von Frauen mit Kindern bei. Indem sie ihre "weiblichen Potenziale" entdecken und kultivieren, gewinnen sie, beruflich wie privat: Niederlagen müssen nicht mehr zwangsläufig in Siege umgedeutet, Tränen nicht unbedingt unterdrückt werden. Männliche und weibliche Wahrnehmung stehen sich nicht mehr unversöhnlich gegenüber. Folglich besteht auch keine Notwendigkeit mehr, den Unterschied zwischen den Geschlechtern einzuebnen.

Auch in der Politik hat es sichtbare Veränderungen gegeben. Sie wird heute zwar immer noch maßgeblich von Männern geprägt, aber diese sind längst nicht mehr unter sich. Das Ziel der Geschlechtergerechtigkeit wird von den Parteien - zumindest öffentlich - nicht mehr in Frage gestellt: mit Ausnahme von rechtspopulistischen "Männerparteien". Hierzu zählen die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) und die Schweizerische Volkspartei (SVP).

"Neue" oder "moderne" Männer - das sind nicht unbedingt jene gut gekleideten, elegant und nicht selten eher feminin wirkenden Männer, die - fälschlicherweise unter dem Etikett "Dandy" - heute als Trendsetter der Mode die Szene beherrschen. Diese zum "Jetset" gehörenden Männer haben mit dem Dandy vergangener Zeiten, insbesondere mit dessen geistigem Habitus, nicht mehr viel gemein.