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3.11.2004 | Von:
Gertrud Höhler

Neue Männer

Immer mehr Männer und Frauen begreifen, dass es allen schlecht geht, wenn männliche und weibliche Wahrnehmung einander unversöhnlich gegenüberstehen.

Einleitung

Neue Frauen - neue Männer, Frieden an der Feministenfront und Landgewinne für beide: Männer und Frauen. Wenn die Praxis Erfolge zeitigt, verstummt die Theorie. Es lohnt sich, die Gewinne zu sichten, die auch Männer in einer veränderten Privat- und Berufswelt, die Frauen mit ihrem Stärkenprofil begünstigt, erzielen können: Die Welt der virtuellen Waren ist Frauenland. Hier gewinnt, wer besser kommuniziert; hier feiert die Empathie Triumphe; hier ist Chaosmanagement gefragt, das Frauen mit leichter Hand liefern.




Der Mann profitiert vom neuen Selbstvertrauen der Frauen - auch wenn er das nicht auf den ersten Blick erkennt. Starke und sichere Frauen ersparen ihm so viel Unsicherheit; sie machen törichtes Dominanzgebaren überflüssig. Jetzt kann er endlich die Probleme in seiner Abteilung beherrschen - so denken Frauen. Aber er übt noch; zumindest wenn er nicht zu den Jungen gehört, die schon als Schüler den neuen Frauen begegnet sind. Frauen ohne Weiblichkeitskomplex sind wunderbare Freundinnen, sie entspannen das Klima in der Mädchen- und Jungenwelt und sie sind für den jungen, abenteuerlustigen Unternehmer faire Partnerinnen.

Junge Männer können schon darüber berichten, um wieviel weiter ihr Horizont geworden ist, seit sie nicht mehr den Druck spüren, immer der Stärkere zu sein. Der enge Tunnel mit dem kleinen Licht am Ende weitet sich, aus dem erfolgsorientierten Vereinfacher wird der umsichtige Problemlöser, der aufhört, nur in den Kategorien von Sieg und Niederlage zu denken.

Die etwas Älteren aber sind verunsichert. Ist nicht doch der starke Mann die geheime Wunschfigur der so erschreckend tough auftretenden Frauen? Möchte "sie" nicht doch ab und zu ihren Kopf an seine mächtige Schulter lehnen? Oh ja, sie möchte. Aber er, endlich, darf das auch tun, darf auch seinen Kopf an die Schulter einer zarten Frau lehnen und durchatmen, muss nicht immer der Held sein, der keine Tränen kennt, muss nicht jeden Schmerz in Wut verwandeln, kann nun komplexer existieren - ein unschätzbarer Gewinn in der neuen gemeinsamen Welt.

Tatsächlich hat die Stahl- und Eisenzeit, aus der wir kommen, das Männliche sehr einseitig gefordert. Die Rotation der Maschinen, die Perfektion ihrer Funktionen verlangten Unterordnung; Intelligenz und Logik wurden zu Schlüsselqualifikationen. Männer sind Systemliebhaber; sie waren schnell bereit, sich dem Gesetz der Industriekultur unterzuordnen. Bald wurde Intelligenz, in Quotienten umgerechnet, das Eintritts-Ticket in die höheren Etagen der Konzerne.

Erst die Auslagerung der Intelligenz aus den Köpfen in die Computer erzwang die Rückkehr zur Balance der Erfolgsmittel: Die kühle Ratio machte Wärmeverluste fühlbar; immer komplexere Intelligenz, ins Produkt gepackt, erzwang neue Formen der Zuwendung - Dienstleistung und Beziehungsmanagement. Wo der Laie immer weniger versteht, wird Vertrauen das entscheidende Ferment für die Bindung.

Mit all diesen neuen Anforderungen begann, ohne Kriegsgeschrei und feministische Trommelwirbel, der Einmarsch der Frauen in das zuvor weitgehend männliche Gelände. Ohne weibliche Stärken wie soziales Interesse, Kommunikationslust und Improvisationstalent war die Ära der Hightech-Produkte nicht zu bestehen.

Inzwischen ist klar, dass es sich nicht um eine neue Konkurrenz handelt, mit der Männer und Frauen konfrontiert wären, sondern um einen Beistandspakt, der das Business - seine Produkte und Beziehungen - und die Männer mehr verändert, als bisher begriffen worden ist.

Viele Männer, die bis dahin nur private Erfahrungen mit Frauen hatten, lernen nun, in ihrer vorher stolz behaupteten Domäne, der Berufswelt, mit Frauen umzugehen. Sie profitieren von den Lizenzen, die sich bei der Kooperation ergeben: ein privates Wort der Anteilnahme einzufangen, wo Männer mit Männern Verschlossenheit als Tugend buchen. Die Männerwelt wird weiter, seit die Macht der Produkte zugunsten der Macht der Beziehungen gebrochen wurde. Wer den Kunden mit Produktqualität abspeisen will, verliert. Umgekehrt gewinnt, wer mit den Augen des Kunden zu sehen lernt. Sich in andere hineinzuversetzen galt unter Männern als eine Gefahr, die schwach macht. Sei hart mit dir selbst, dann wirst du Sieger bleiben, lautete die Devise. Beinahe zwangsläufig war "mann" dann auch hart zu seinen Leuten. Dominanz am Markt wird mit dieser harten Schale heute nicht mehr erzielt - im Gegenteil: Die Unverwundbarkeits-Pose kostete genau jene Marktsensibilität, die ein Imperium wie Karstadt in der Nähe des Kunden gehalten hätte. Dass diese nicht einmal mehr auf Rufweite zu finden ist, beweist das Versagen der Industrie-Intelligenz. Die emotionale Macht der Marktteilnehmer setzt die gigantomanische Gier und die kalte Intelligenz der Führungsgruppen gleichermaßen matt.

Sind die "neuen Männer" gegen solche Fehler gefeit? Sie sind besser präpariert für die virtuelle Warenwelt, sie kommunizieren sorgsamer, und das nicht zuletzt wegen ihrer zahlreichen Berufskontakte zu Frauen. So wie die Frauen es lernen, ihre trickreichen Privatstrategien im Beruf zurückzustellen, lernen die Männer, "zwischen den Zeilen zu lesen". Hat der Vertragspartner sich wohlgefühlt? Für den Abschluss zählt das Vertrauen mehr als die Unterschriften. Wer nur rechnet, verliert die Hälfte der Welt aus dem Blick. Das wussten unter den Älteren die Besten auch schon; unter den Jüngeren weiß es aber inzwischen jeder Zweite.

Die Männer erweitern ihr Spektrum, und sie tun es lustvoll. Das Väterliche zum Beispiel kommt wieder in den Blick. Zwar werden heute noch nicht immer mehr Männer Väter, aber vielleicht wird das in den nächsten Jahrzehnten die Folge sein: Eine neue Selbstverständlichkeit greift unter jüngeren Männern um sich; sie hängt mit ihrer Unlust zusammen, Leben und Arbeit gegeneinander auszuspielen. Sie sind nicht mehr bereit, Leben für Arbeit zu opfern. Es muss - und darum gehen so viele in die Selbständigkeit - beides möglich sein. Bald werden Kinder im Büro, Kakaobecher auf den Arbeitstischen so selbstverständlich sein, wie Frauen mit Kindern als Mitarbeiterinnen in beiden Bereichen - im Privatleben und im Beruf - es heute sind. Die Grenzen verschwimmen, und die "Kinderkompetenz" der Väter bringt Entspannung in die ehemals voneinander abgeschotteten Territorien. Da wird ohne Verwunderung toleriert, wenn ein junger Manager auch im Gremium mit traditionellen Schmalspur-Kollegen um 18 Uhr mit der freundlichen Bemerkung aufsteht: "Ich habe meiner Tochter versprochen, ihr Gute Nacht zu sagen." Keiner wagt ein spöttisches Wort. Alle spüren: Der ist schon weiter als wir. So erhalten die als Mütter jahrzehntelang allein gelassenen Frauen unerwartete Verstärkung von Männern, die dabei sind, die bisherigen einseitigen Karrieremuster aufzubrechen.

Die neue Männlichkeit ist viel umfassender definiert als jene der früheren Industriegenerationen. In dem Maße, wie der Rahmen der äußeren Erfahrungswelt sich geweitet hat - nicht mehr das Werkstor am Morgen, am Abend, der flüchtige Blick in Frauen- und Kindergesichter zu Hause, sondern die wechselseitige Freigabe von Terrain, wo früher die Verbotstafeln standen: women only! - women forbidden! - Männerclub! -, sind innere Verbotsschilder gefallen. Was Männer "dürfen", was Frauen "erlaubt ist", sind damit gegenstandslose Fragen. Endlich sind auch Männer frei, ihr weibliches Potenzial zu entdecken und zu kultivieren - eine Lizenz, welche die Frauen sich schon vor ihnen im Männerland geholt hatten.

Es bleibt genug Spielraum für wechselseitige Korrekturen, für Achtung und Bewunderung, wie sie erst möglich werden, wenn der Krieg vom Frieden abgelöst wird. Immer mehr Männer und immer mehr Frauen begreifen, dass es uns allen schlecht geht, wenn männliche und weibliche Wahrnehmung der Welt sich unversöhnlich gegenüberstehen.

Das Stärkenmanagement der Zukunft wird männliche Dominanzwünsche zu prüfen und weibliche Selbstzweifel zu beschwichtigen haben. Es wird auch die wohlfeile, aus dem Feminismus noch herüberschallende Männerbeschimpfung gegen eine Perspektive eintauschen müssen, die der schwer lesbaren Hilflosigkeit der Männer unter Anklage gerecht wird: Männer sind auf Verständnis, das nicht demütigt, noch mehr angewiesen als Frauen, weil sie eine viel stärkere Versagensangst auf ihren Lebensweg mitnehmen. Die Frau flieht in die Unterlegenheit, um wehrlose Siegerin zu werden. Der Mann lebt schon als Kind mit der Gewissheit, dass er jede Niederlage in einen Sieg umdeuten muss. Dass in Zeiten der aufgeklärten Dopingdebatten immer noch viele Diskutanten an der Legende festhalten, dies sei ein Erziehungsergebnis, ist das erstaunlichste Defizit in einer sonst ermutigenden Bilanz unserer Erkenntnisfortschritte. Verständnis für das Männliche und das Weibliche lebt aber vor allem von diesem Wissen: dass wir verschieden ausgestattet und mit verschiedenen Hormonprogrammen unterwegs sind, und dass wir gerade deshalb so sehr aufeinander angewiesen sind.