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3.11.2004 | Von:
Paul M. Zulehner

Neue Männlichkeit - Neue Wege der Selbstverwirklichung

Männer befinden sich in Entwicklung, was sich u.a. in der Vielfalt heute vorfindbarer Männertypen ausdrückt: Es gibt den traditionellen, pragmatischen, unbestimmten und den modernen Mann. Kern der Entwicklung ist eine neue Balance zwischen den männlichen Lebenswelten.

Einleitung

Frauen haben sich früher auf den Weg der Selbstverwirklichung begeben als Männer. Die europäische Männerbewegung hat zudem im Vergleich zu jener in Nordamerika einen zwanzigjährigen Rückstand. In den vergangenen Jahren hat sie aber auch bei uns Fuß gefasst. Männergruppen sind entstanden, Männerpolitik beginnt sich zu artikulieren. Männer verlangen eigene Ministerien. Sie stehen den Frauen in Fragen der Selbstverwirklichung und Suche nach gesellschaftlichen Voraussetzungen für diese nicht mehr nach. Man könnte meinen, dass die neue Männerbewegung auf die vorausgehende Emanzipationsbewegung der Frauen reagiere. Diese - so ist in Diskussionen zum Männerthema zu hören - habe nicht wenige Männer verunsichert und bedrohe sie in ihrer ererbten Position. Es gelte daher, das bröckelnde Patriarchat zu verteidigen. Aber hier liegt für die meisten Männer nicht das Hauptmotiv für ihr Interesse an neuen Wegen zur Selbstverwirklichung. Vielmehr dominiert das Gefühl, dass das Leben der Männer, wie es sich in modernen Gesellschaften entwickelt, nicht stimmt, nicht reich ist, sondern verarmt. Es könnte, so hoffen nicht wenige, mehr Bewegung ins Männerleben kommen. Folglich ist nicht der Widerstand gegen die Frauenemanzipation der Hintergrund der Suche nach einer neuen Männlichkeit, sondern das Leiden am ererbten Männerleben und der Wunsch nach dessen Anreicherung.




In diesem Entwicklungskontext hat sich auch die neuere deutschsprachige Männerforschung positioniert. Angestoßen wurde sie - in meinem Fall - von kirchlichen Männerorganisationen in Österreich und in Deutschland.[1] Diesen waren mit ihren herkömmlichen biederen Programmen die Männer abhanden gekommen. Die Gruppen waren zu Altherrenclubs mutiert; der Zeitpunkt ihres bevorstehenden Endes ließ sich leicht hochrechnen. Mit dem Ziel, ein Programm für jüngere Männer sachgerecht und fundiert entwerfen zu können, wurde angeregt, über Männer zu forschen. Das von mir geleitete Ludwig-Boltzmann-Institut für Werteforschung hat diese Anregung interessiert aufgegriffen und ein entsprechendes Forschungskonzept entwickelt. Hierzu zählt die Wiederholung der österreichischen Männerstudie zehn Jahre nach der ersten im Jahr 1992. Wir wollten wissen, ob und wie sich Männer in den letzten zehn Jahren entwickelt haben.[2]


Fußnoten

1.
Das trifft sowohl auf die österreichische Männerstudie aus 1992 (Auftraggeber: Katholische Männerbewegung Österreichs) wie auf die deutsche Männerstudie 1998 (Auftraggeber: Männerarbeit der evangelischen Kirche) zu. Es konnten auch die jeweils zuständigen Ministerien für eine Beteiligung gewonnen werden. Vgl. Paul M. Zulehner,/Andrea Slama, Österreichs Männer unterwegs zum neuen Mann? Wie Österreichs Männer sich selbst sehen und wie die Frauen sie einschätzen. Erweiterter Forschungsbericht, bearbeitet im Rahmen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Werteforschung, Österreichisches Bundesministerium für Jugend und Familie, Wien 1994; Paul M. Zulehner/Rainer Volz, Männer im Aufbruch, Ostfildern 19992.
2.
Vgl. Paul M. Zulehner (Hrsg.), MannsBilder. Ein Jahrzehnt Männerentwicklung, Ostfildern 2003.