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3.11.2004 | Von:
Paul M. Zulehner

Neue Männlichkeit - Neue Wege der Selbstverwirklichung

Bunte Typenvielfalt

Das Herzstück der von uns verantworteten Männerforschung ist die Entwicklung einer empirisch gesicherten Männertypologie. Mann ist nicht gleich Mann - Vergleichbares gilt bei den Frauen, die wir als Kontrastgruppe immer mit untersucht haben. Nun ist natürlich jeder Mensch ein Sonderfall, ein Original. Die Individualisierung in modernen Kulturen hat diesen Hang zum Original verstärkt. Jede, jeder kann ihr bzw. sein Leben selbst "komponieren". Leben ist ein Kleinstunternehmen in privater Hand geworden, was enorme "Spielräume" mit sich bringt. Allerdings gibt es Skeptiker, die meinen, es handele sich lediglich um eine Originalität im Modus des Wünschens. Denn die geheimen Zwänge, Verführungen, die kulturellen Grundstimmungen würden den Einzelnen nachhaltig formen, und dies alles unter der unangetasteten Illusion der Originalität. Die Bereitschaft, Moden mitzumachen, oder die Erfolge der Werbebranchen illustrieren diesen Verdacht.

Durch empirische Forschungen ist es möglich, jene Ähnlichkeiten und Verwandtschaften, die auch zwischen originellen Individuen vorhanden sind, aufzudecken. Das geschieht, indem Befragte mit ähnlichen Antworten auf einschlägige Fragen zu Gruppen zusammengefasst - gebündelt - werden. So bilden sich "Trauben" von Personen (cluster) mit mehr oder minder großen Ähnlichkeiten. Solche Personentrauben nennen wir Typen. Die Anzahl der errechneten Typen hängt vom Bestreben ab, dass diese sich einerseits merklich voneinander unterscheiden und zugleich die Übersichtlichkeit nicht verloren geht.

Gestützt auf reiches Datenmaterial haben wir uns für vier Männertypen entschieden. Die Zuordnung eines Mannes zu einem der vier Typen hängt davon ab, ob er traditionellen Männermerkmalen einerseits oder modernen andererseits zustimmt. Wir haben diese in unserem Instrumentarium jeweils definiert:

Traditionelle Merkmale:

Ein Kleinkind wird wahrscheinlich darunter leiden, wenn die Mutter berufstätig ist.

Die Frau soll für den Haushalt und die Kinder da sein, der Mann ist für den Beruf und für die finanzielle Versorgung zuständig.

Der Beruf ist gut, aber was die meisten Frauen wirklich wollen, ist ein Heim und Kinder.

Wenn ein Mann und eine Frau sich begegnen, soll der Mann den ersten Schritt tun.

Männer können einer Frau ruhig das Gefühl geben, sie würde bestimmen, zuletzt passiert doch das, was er will.

Voraussetzung für ein erfülltes Leben einer Frau ist ein Kind.

Hausfrau zu sein ist für eine Frau genauso befriedigend wie eine Berufstätigkeit.

Moderne Merkmale:

Frauenemanzipation ist eine notwendige und gute Entwicklung.

Beide - der Mann und die Frau - schränken ihre Erwerbsarbeit ein und beide kümmern sich gleichermaßen um Haushalt und Kinder.

Eine berufstätige Frau kann ihrem Kind genauso viel Wärme und Sicherheit geben wie eine Mutter, die nicht arbeitet.

Beide - Mann und Frau - sollten zum Haushaltseinkommen beitragen.

Der erste der vier Männertypen bejaht die traditionellen und lehnt die modernen Merkmale eindeutig ab. Wir haben ihn deshalb als den traditionellen Mann bezeichnet. Genau umgekehrt denken die modernen Männer: Sie orientieren sich an den modernen Merkmalen und stehen zu den traditionellen deutlich auf Distanz.

Sodann gibt es Männer, die sowohl traditionellen wie modernen Merkmalen zustimmen, zumindest auszugsweise. Es sind die pragmatischen Männer, die sich aus den jeweiligen Merkmalssets jene herauspicken, die sie für vorteilhaft halten. Diese sympathische Eigenschaft hat ihnen in Diskussionen den Spitznamen "Rosinenmann" eingetragen. So können sie mit dem Berufswunsch einer emanzipierten Frau deshalb viel anfangen, weil sie dann nicht mehr allein Geld in die Haushaltskasse einbringen müssen.

Der vierte Typ hatte 1992 den Namen "unsicherer Mann" erhalten - ein Begriff, gegen den nicht wenige Männergruppen Sturm gelaufen sind. Wir haben deshalb in der Folgestudie den Namen "unbestimmte" oder auch "formbare Männer" gewählt. Unbestimmte Männer sind die wertvollste Klientel für Männergruppen. Sie haben keinen Zugang mehr zu traditionellen Männermerkmalen, aber auch die modernen verlocken sie nicht. Das versetzt sie in eine Art Entwicklungsstandby (siehe PDF-Version, Abbildung 1).