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3.11.2004 | Von:
Paul M. Zulehner

Neue Männlichkeit - Neue Wege der Selbstverwirklichung

Lebensbereiche

Diese vier Männertypen verstehen sich nicht nur entlang vorgegebener Merkmale als traditionell oder modern, pragmatisch oder formbar. Sie sind in den wichtigsten Lebensbereichen auch auf andere Art und Weise präsent.

Wir haben uns dabei einerseits auf die Polarität von Berufswelt und Familienwelt (damit Öffentlichkeit und Privatheit) gestützt. Andererseits sind wir davon ausgegangen, dass im Hintergrund die Innenwelt des jeweiligen Mannes angesiedelt ist.

Im Ergebnis stehen markante Unterschiede zwischen den einzelnen Männertypen hinsichtlich ihrer Präsenz bzw. ihres Zugangs zu den drei "Bereichen".

Berufswelt

Der traditionelle Mann ist der "Berufsmann". Er bezieht seine Identität aus diesem Lebensbereich. Das zeigt sich vor allem daran, dass der traditionelle Mann sich vom Verlust der Erwerbsarbeit bedroht fühlt. Er wird dann zu einem sozialen Nichts. Erkennbar ist dies daran, dass die Selbstmordrate unter Langzeiterwerbslosen im Alter von 40 bis 55 in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist. Dies macht verständlich, dass für den Fall, dass Erwerbsarbeit knapp wird, ein größerer Anteil traditioneller Männer dafür eintritt, Ausländern, Frauen, Älteren und Behinderten den Job zu kündigen. Der traditionelle Mann fühlt sich auch durch (männliche wie weibliche) Konkurrenz eher bedroht als der moderne Mann (siehe PDF-Version, Tabelle 1).

Familienwelt

Die enge Bindung des traditionellen Mannes an die Erwerbswelt geht einher mit einer weniger engen Verbindung mit der Familienwelt. Der traditionelle Mann zeichnet sich zwar - wie alle in unseren modernen Kulturen - durch eine hohe Wertschätzung der familialen Lebenswelt aus. Diese ist der überlebenswichtige Raum, geprägt von Stabilität und Liebe, den Alte und Kinder sowie Erwachsene als Dach über der Seele brauchen. Aber die Rolle, die der traditionelle Mann in der Familie spielt, ist eine andere als jene, die wir beim modernen Mann antreffen. Dieser versucht beide Lebensbereiche auszubalancieren. Moderne Männer sind neue Väter; sie sind im Lebenskreis der Kinder qualitativ anders sowie quantitativ mehr präsent als traditionelle Männer. Sie zeichnen sich auch durch eine deutlich höhere Bereitschaft aus, mit ihrer Partnerin die Hausarbeit zu teilen. Traditionelle Männer stehen dagegen mehr fürs Einkommen denn fürs Auskommen. Sie sichern die Lebensgrundlagen der Familie (nicht zuletzt durch ihre Erwerbsarbeit und den familiengerechten Lohn). Die Innenarchitektur der Familie (dass Konflikte bearbeitet werden, dass es gemütlich ist) ist aus ihrer Sicht Frauensache (siehe PDF-Version, Tabelle 2).

Innenwelt

Der traditionelle Mann gilt als extrovertiert. Der Zugang zur Innenwelt ist ihm - zumindest auf den ersten Blick - eher verschlossen. Das führt dazu, dass dieser Männertyp mit den dunklen Seiten seines Lebens nur schwer in Berührung kommt: mit den Misserfolgen, dem Leid, der Endlichkeit, mit dem Tod. Männer dieses Typs gehen auch härter mit sich selbst um. Wenn es Probleme gibt, reden sie nicht, sondern beißen sich durch. Das macht traditionelle Männer tendenziell therapieresistent.

Ein deutliches Merkmal der traditionellen Männer ist ihre Gewaltbereitschaft. Damit ist nicht die Freude an Gestaltungsmacht gemeint, sondern destruktive Gewalt gegen Frauen, Kinder, gegen die Natur, in der Sprache. Männergewalt, so die Ergebnisse von Analysen, ist dabei die Veröffentlichung einer inneren Schwäche. Ihrer selbst sichere Männer, die es unter den modernen häufiger gibt als unter den traditionellen, scheinen Gewalt nicht nötig zu haben: Hier liegt ein wichtiger Ansatz für die Minderung von Männergewalt.

Moderne Männer dagegen scheinen mehr als traditionelle nach Wegen in die Hinterhöfe der eigenen Seele zu suchen. Das muss gar nicht immer mittels der Sprache erfolgen, für die Frauen nach den Ergebnissen unserer Studie eher kompetent sind. Vielmehr spielen in der Entwicklung moderner Männer archaische Rituale (wie Trommeln, Naturerleben) eine neue Rolle. Moderne Männer sind gesundheitsbedachter, suchen eine bewusstere Fühlungnahme mit ihren sexuellen Begabungen, haben Sinn für Männerfreundschaften mit einer neuen Qualität, die sich deutlich von Stammtischkumpanei unterscheidet.

In einem Punkt unterscheiden sich traditionelle und moderne Männer eklatant: Während traditionelle Männer im Vergleich zu den anderen Männertypen eine ausgeprägte Religiosität aufweisen, sind moderne Männer im herkömmlichen Sinn dieses Wortes deutlich weniger religiös kompetent und auch kaum kirchengebunden. Das unterscheidet moderne Männer von modernen Frauen in unseren Studien: Diese haben sich zwar wie die modernen Männer auch von der Kirche distanziert - die Distanz zu den Kirchen ist ähnlich groß -, zugleich zeichnet aber die modernen Frauen ein spezifisches spirituelles Suchen mit neuer Qualität aus. Der Rückzug von den christlichen Kirchen könnte damit zusammenhängen, dass im Lauf der Geschichte die Kirchen jene religiösen Legitimationen geliefert haben, welche Geschlechterrollen als gottgegeben und damit als unabänderbar hingestellt haben (siehe PDF-Version, Tabelle 3).