Die Farben Rot, Schwarz, Gelb und Grün in einem Malkasten.

9.11.2018 | Von:
Ekkehard Felder

Verfestigte Sprache. Parteien-Sprech zwischen Jargon der Anmaßung und angemessenem Sprachgebrauch

Für Parteien- und Politikverdrossenheit werden vielfältige Erklärungen angeführt. Ein Argument konzentriert sich auf den Gebrauch einer bestimmten politischen Sprache. Diese Sprache sei immer gleich und daher künstlich, phrasen- und floskelhaft, fernab vom Bürger, technokratisch und nicht vermittelbar – so eine unvollständige Liste an negativen Attributen. Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden diskutiert, welche gegensätzlichen Faktoren den politischen Sprachgebrauch beeinflussen und welche Varianzspielräume Parteipolitikern beim sprachlichen Formulieren zur Verfügung stehen.

Erwartungshaltungen und Mustersätze

Ein fundamentales Problem der politischen Kommunikation besteht in den Erwartungshaltungen der Staatsbürger gegenüber dem, was Kommunikation im politischen Aushandlungsprozess und in der politischen Praxis überhaupt leisten kann. Vor übertriebenen Erwartungen ist genauso zu warnen wie vor zu bescheidenen Ansprüchen – semiotischer Realismus ist angesagt. Dabei gilt es, zwischen der politischen Wirklichkeit und dem Reden über diese zu unterscheiden, obgleich politisches Handeln auch durch politisches Sprechen vollzogen wird. Sprache ist das Medium der Politik, ohne Sprache hätte Politik kein Mitteilungs- und Aushandlungsinstrument. In der Bevölkerung werden mitunter Politiker als Repräsentanten und Verantwortliche der politischen Wirklichkeit für ihren Sprachgebrauch gescholten, wo im Kern die gesellschaftspolitischen Umstände selbst oder Politikinhalte kritisiert werden.[1] Kurzum: Gerade weil politisches Handeln auch politisches Sprechen ist, setzt sich die politische Kommunikation einem hohen Erwartungsdruck aus und wird häufig Gegenstand heftiger Kritik.

Bei Beschwerden über Politik sind also zwei Dinge zu unterscheiden: die Politikinhalte selbst und der Sprachgebrauch über die Politik. Die beiden Sphären sind nicht immer leicht zu trennen, denn (neue) politische Ideen werden in Sprache entwickelt – die Linie zwischen politischen Inhalten und ihrer sprachlichen Verpackung ist fließend.[2] Es ist für politische Sprache charakteristisch, dass sie aufs Engste mit politischem Handeln verbunden ist.

Die Differenzierung zwischen der Sprache der Politik und den Inhalten der Politik interessiert uns aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Es geht um kommunikative Erwartungshaltungen im politischen Bereich. Im Zentrum steht dabei das schwierige und manchmal umstrittene Verhältnis zwischen der Wortwahl, dem damit verbundenen (inter-/subjektiven) Begriffsinhalt und dem gesellschaftspolitischen Sachverhalt, auf den politische Akteure mithilfe der Wörter verweisen – so etwa bei der Frage, ob "Flüchtlinge" oder "Geflüchtete" die angemessene Bezeichnung für den Sachverhalt ist.[3] Von zentraler Bedeutung ist der sprachliche und außersprachliche Situationszusammenhang, in dem eine Äußerung vorgenommen wird, in der vermutete oder explizierte Sprecherabsichten mit unterstellten oder klar artikulierten Hörererwartungen konfligieren.

Fokussieren wir die angedeutete Divergenz zwischen Sprecherintentionen und Hörererwartungen in der politischen Kommunikation etwas genauer.[4] Politische Akteure wecken Erwartungen, beispielsweise Bundeskanzler Helmut Kohl mit seinem Versprechen der "blühenden Landschaften" in Ostdeutschland. Bürger erinnern Politiker mahnend an ihre Worte und beschweren sich darüber, dass ihrer Ansicht nach die in Aussicht gestellte politische Wirklichkeit ausbleibe. Als Beweis des behaupteten Fehlverhaltens der Politiker wird immer wieder auf die einschlägigen Worte und Sätze verwiesen, die im stetigen Erinnern stellvertretend für den tatsächlich oder vermeintlich erreichten oder nicht erreichten politischen Zustand stehen.

Bestimmte Äußerungen werden zu "salienten Sätzen" – immer wieder zitierte "Sätze für das kollektive Gedächtnis", die je nach Situation verschiedene "rhetorische Funktionen" haben können.[5] Als exemplarisch für saliente politische Sätze gelten berühmte Aussprüche wie "Ich bin ein Berliner" von US-Präsident John F. Kennedy am 26. Juni 1963 vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin oder "Wir wollen mehr Demokratie wagen" von Bundeskanzler Willy Brandt in seiner Regierungserklärung am 28. Oktober 1969 vor dem Deutschen Bundestag in Bonn. "Saliente politische Sätze sind Sätze, in die sich die Geschichte eines Diskurses in verdichteter Form einschreibt. Sie werden geäußert, damit sich die Diskursakteurinnen und -akteure an die Denk- und Handlungsweise erinnern, die mit den Sätzen einhergeht."[6] Selbstredend speisen häufig zitierte Sätze ein Stereotyp und erzeugen einen Kontextprototypen: Sie sind sozusagen ein Beispiel par excellence für ein immer wieder in der gleichen Form auftretendes Muster – ein Aspekt, der bei der Verwendung des Wortes "Parteien-Sprech" von fundamentaler Bedeutung ist.

In den folgenden Ausführungen geht es ebenfalls um Wiederholungen und verfestigte Wortverbindungen, also um Musterhaftes im politischen Sprachgebrauch. Dabei werden wortgleich wiederholte größere Formulierungseinheiten als Sprachmuster sowie ihre Wirkung diskutiert und in Bezug gesetzt zur Verwendung des Schlagwortes "Sprech" im politischen Kommunikationskontext. Welche Ausstrahlungskraft entfalten Muster im Sprachgebrauch auf die Zuhörenden? Dieses Unterfangen ist deshalb so aufschlussreich, weil sich in der Vokabel "Sprech" eine politische Denkhaltung und mitunter eine staatssystemskeptische Fundamentalkritik verdichten und kristallisieren.

Fußnoten

1.
Vgl. Thomas Klug, 60 Jahre Merkel-Sprech, 14.7.2014, http://www.deutschlandfunkkultur.de/60-jahre-merkel-sprech-wenn-mutti-frueh-zur-arbeit-geht.976.de.html?dram:article_id=291754«.
2.
Vgl. Ekkehard Felder/Andreas Gardt (Hrsg.), Wirklichkeit oder Konstruktion, Berlin–Boston 2018.
3.
Vgl. Ekkehard Felder, Wie viel politische Korrektheit braucht das Land?, 15.4.2017, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/wie-viel-politische-korrektheit-braucht-das-land«.
4.
Vgl. Walther Dieckmann, Deutsch: politisch – politische Sprache im Gefüge des Deutschen, in: Jörg Kilian (Hrsg.), Sprache und Politik, Mannheim 2005, S. 11–30.
5.
Josef Klein, Sätze für das kollektive Gedächtnis, in: Gregor Kalidova/Gert Ueding (Hrsg.), Wege moderner Rhetorikforschung, Berlin–Boston 2014, S. 617–635.
6.
Katharina Jacob, Das diskurslinguistische Potential salienter politischer Sätze, in: Barbara Beßlich/Ekkehard Felder (Hrsg.), Geschichte(n) fiktional und faktual, Bern 2016, S. 331–353.
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