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3.11.2004 | Von:
Günter Erbe

Der moderne Dandy

Im Zeitalter der Beschleunigung, des Spektakels und der Überpräsenz der Medien steht der Dandy auf verlorenem Posten. Es wird ein altes Männlichkeitsideal skizziert und eine Bestandsaufnahme des "modernen" Dandytums versucht.

Was ist ein Dandy?

In Feuilletons und Modezeitschriften verwenden Journalisten häufig das Wort Dandy zur Kennzeichnung gut gekleideter, leicht feminin wirkender Männer, die sich durch besondere Eleganz auszeichnen. Die Leser gewinnen den Eindruck, es gebe ihn noch, den Dandy, oder er erlebe gerade ein Comeback. In trivialer Beschränkung auf den "Look" wird nur das Äußere des Phänomens wahrgenommen, dem geistigen Habitus dagegen kaum Bedeutung beigemessen. Begriffliche Klärung scheint vonnöten, um derartigen Missverständnissen vorzubeugen.




Der Dandy ist ein Mann von einfacher, erlesener Eleganz, einer Eleganz, die Ausdruck einer bestimmten Geistes- und Lebenshaltung ist. Er ist eine extravagante Spielart des Gentleman, ausgezeichnet durch überlegenen Geschmack, perfekte Manieren, zynisch-frivolen Konversationston, Kaltblütigkeit und Unerschütterlichkeit in allen Lebenslagen und einen auf die Spitze getriebenen Selbstkult. Er ist ein passionierter Müßiggänger und eine notorische Spielernatur. Er ist Solitär und Gesellschaftsmensch. So mag man ihn wie Rainer Gruenter paradoxerweise - aber das Paradoxe gehört zu seinem Wesen - als den Ungeselligen schlechthin ansehen, "dessen prinzipielle gesellige Distanz freilich auf eine raffinierte 'Geselligkeit' von Geselligkeitsverächtern bezogen ist"[1].

Der Dandy existiert in vielen Spielarten und Mischformen, die durch die unterschiedlichen geschichtlichen Umstände bedingt sind. In der romantischen Restauration nach der Französischen Revolution begegnet er uns in der reinsten Ausprägung. Die Dandys des 19. Jahrhunderts bildeten eine exklusive Gruppe und wachten eifersüchtig über die Regeln der Zugehörigkeit zu ihrem "set". Soziologisch betrachtet, ist der klassische Dandy in der Regel ein Mitglied der High Society. Der Rückzug von diesem Terrain oder das Verschwinden dieser sozialen Formation beraubt ihn seines Betätigungsfeldes, denn mit dem Verlust an gesellschaftlicher Exklusivität verliert er an Substanz. Der Dandy, der Heros stilvoller Eleganz, agierte in einem gesellschaftlichen Umfeld, das sich durch Distinktion und kultivierten Müßiggang auszeichnete. Diese Gesellschaft, national in ihrer Verfassung und international in ihren Verkehrsformen, verfügte über einen Kodex des Verhaltens und des Geschmacks, der Uneingeweihte ausschloss. Dieser Kodex wurde von Generation zu Generation weitergegeben und änderte sich im Laufe der Zeit nur wenig. Er behauptete sich, solange jene soziale Formation existierte, die sich die "gute Gesellschaft" oder die "große Welt" nannte.


Fußnoten

1.
Rainer Gruenter, Vom Elend des Schönen. Studien zur Literatur und Kunst, München 1988, S. 100. Vgl. auch Pierre Bourdieus Unterscheidung zwischen der einfachen Einfachheit der "Einfachen" und der gesuchten Einfachheit der "Raffinierten", in: Pierre Bourdieu, Zur Soziologie der symbolischen Formen, Frankfurt/M. 1974, S. 70. In unserer Darstellung ist der Dandy männlichen Geschlechts. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass mit der Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen die für den Dandy charakteristischen Techniken der Selbstdarstellung und ästhetischen Inszenierung für beide Geschlechter verfügbar geworden sind.