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29.9.2004 | Von:
Thomas Ahbe

Die Konstruktion der Ostdeutschen

Diskursive Spannungen, Stereotype und Identitäten seit 1989

Die selektive Popularisierung der wissenschaftlichen Ergebnisse durch den Mediendiskurs

Was die Sozialwissenschaften seit den frühen neunziger Jahren gleichermaßen umfänglich wie differenziert an Befunden zu Sozialisation, Verhalten, Wertvorstellungen und Weltsicht "der Ostdeutschen" zusammengetragen haben, wurde im medialen Diskurs nur selektiv verbreitet. Innerhalb des der Marktlogik unterworfenen Mediendiskurses ist der nüchternen Ausgewogenheit wissenschaftlicher Studien ohnehin kaum gerecht zu werden. Zudem dürfte das Personal in den Medien zumeist weder die Zeit noch die Voraussetzungen haben, nachzuvollziehen, was in der interpretativen Sozialwissenschaft zum Üblichen gehört: experimentell andere Perspektiven einzunehmen und diese zu verstehen. Medien bedienen - von Qualitätszeitungen bis zu Boulevardblättern - die Erwartungen und die Weltsicht ihres Publikums. Interessant ist, was zur Grundtendenz der alltäglichen medialen Thematisierung ostdeutscher Eigenarten gehört, welche Dispositionen der Ostdeutschen, oft in zugespitzter Form, in das Stereotyp von "den Ostdeutschen" Eingang fanden und welche nicht.

Deutlich präsent sind Wahrnehmungen, die Wolf Wagner als Effekte des Kulturschocks schilderte und die lediglich die westdeutsche Seite der Stereotypisierungen darstellen: Demgemäß wird der ostdeutsche Habitus als steif, altmodisch, verklemmt, naiv, konfliktscheu, opportunistisch, larmoyant und immobil konstruiert. Bei der Erklärung der fremdenfeindlichen und rassistischen Gewalttaten in Ostdeutschland wird die fachwissenschaftlich widerlegte[21] Spekulation, dass das ein Sozialisationseffekt von DDR-Strukturen sei, als Tatsache behandelt. Der Befund, dass die ostdeutsche Gruppe von der Verteilung der Wertetypen psychologisch passfähig für die Marktwirtschaft ist: aktiv, leistungsbereit, autonom und initiativ, findet kaum Eingang. Die hinsichtlich der subjektiven Schichteinstufung deutlich gewordene Selbstverortung und entsprechende habituelle Inszenierung einer großen Mehrheit der Ostdeutschen als Angehörige nichtbürgerlicher Schichten wird zwar prägnant in das Stereotyp von den Ostdeutschen integriert, jedoch nur als Makel, Defizit und ästhetische Zumutung.

Die empirische Verifizierung dieses ersten Eindrucks vom westdeutschen Ost-Diskurs mittels einer systematischen Analyse der Konstruktion der Ostdeutschen in den Mediendiskursen steht noch aus.[22] Möglich ist jedoch jetzt schon ein Blick auf Phasen der Intensivierung der Konstruktion, auf prägnante Beiträge, Publikationen oder Thesen aus dem wissenschaftlichen Diskurs, die im medialen Diskurs großes Echo auslösten. 1992 war es die Analyse von Arnulf Baring: "Die heutige Lage in der ehemaligen DDR ist in der Tat vollkommen anders als bei uns 1945. Das Regime hat fast ein halbes Jahrhundert die Menschen verzwergt, ihre Erziehung, ihre Ausbildung verhunzt. Jeder sollte nur noch ein hirnloses Rädchen im Getriebe sein, ein willenloser Gehilfe. Ob sich heute einer dort Jurist nennt oder Ökonom, Pädagoge, Psychologe, Soziologe, selbst Arzt oder Ingenieur, das ist völlig egal: Sein Wissen ist über weite Strecken völlig unbrauchbar. (...) Wir können den politisch und charakterlich Belasteten ihre Sünden vergeben, alles verzeihen und vergessen. Es wird nichts nützen; denn viele Menschen sind wegen ihrer fehlenden Fachkenntnisse nicht weiter verwendbar. Sie haben einfach nichts gelernt, was sie in eine freie Markwirtschaft einbringen könnten."[23]

Im selben Jahr grenzte sich Monika Maron drastisch von ihren Landsleuten ab: "Sturer Trotz und peinliche Beflissenheit sind überhaupt die prägenden Züge derzeitigen ostzonalen Verhaltens." Die wohl gefüllten Einkaufswagen - "ekelhaft große Fleischpakete oder ein süßes balkanesisches Perlgesöff namens Canei" - repräsentierten deren Geschmack und Mentalität. "Ich bin an ihrer Dumpfheit und Duldsamkeit, an ihrer Duckmäuserei und ihrem feigen Ordnungssinn oft verzweifelt."[24] 1993 amüsierte eine Autorengruppe um Klaus Bittermann das Publikum mit der Bestandsaufnahme "Der rasende Mob. Die Ossis zwischen Selbstmitleid und Barbarei"[25]. Das Titelbild ging durch die Presse: Es zeigte einen an den typischen Jesus-Latschen als Ossi erkennbaren Mann. Er trägt ein Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft und eine ausgebeulte, im Schritt durchnässte Jogginghose. Den rechten Arm zum Hitlergruß erhoben, blickt er trunken und stier in die Kamera.

Die Klage vieler Westdeutscher, dass sie trotz mehrjährigen Aufenthaltes in Ostdeutschland bei den Einheimischen keinen Anschluss gefunden hätten, wurde in den neunziger Jahren oft erhoben. Man finde keinen Zugang zu ihren "kleinen, privaten Cliquen", schrieb "Der Spiegel" anlässlich des resignierten Resümees, das ein westdeutscher Leihbeamter nach seiner vierjährigen Tätigkeit als Innenstaatssekretär Sachsen-Anhalts zog: "Wir Nachkriegsdeutschen aus Ost und West werden niemals ganz zusammenwachsen. Den Jüngeren mag es besser ergehen. Wer jemals eine Kantine im Osten besucht hat, weiß, wovon ich rede. Den Ostler erkennt man bereits bei Betreten des Raumes: Wie in der Kneipe oder im Restaurant duckt er sich zunächst, als warte er darauf, ,platziert' zu werden. Hat er sich dann zu einem Westkollegen an den Tisch gesetzt, beginnt dieser locker draufloszuplaudern. Der Ostler dagegen schaut erst einmal um sich, wer am Nebentisch mithören könnte. Die Angst scheint immer noch allgegenwärtig. Es herrscht das Prinzip Misstrauen, im Kleinen wie im Großen."[26]

Wenig später erschien der Bericht einer Frau, die aus Wuppertal nach Frankfurt/Oder umsiedelte, weil ihr Mann dort die Chefarztstelle antrat. Gabriele Mendling veröffentlichte ihr Buch unter dem Pseudonym Luise Endlich - "Der Name Endlich, weil es eine Frau aus dem Westen endlich wagt, den Mund aufzumachen."[27] Die Integration in der ostdeutschen Provinz, die Kommunikation mit den Einheimischen misslingt. Ihrem Bericht nach bewegen sich die Einheimischen so: "Unerwartet fuhr frühmorgens knatternd ein Auto auf das Grundstück. Zwei Männer in Arbeitskleidung versuchten sich an uns vorbeizuschleichen, sahen uns mit schiefen Blicken an und gaben uns die Hände. 'Firma Härend - wir sind die Teppichleger' kratzte sich der eine am Ohr, während der andere schnell im Haus verschwand." Ein vierter "scharrte mit dem Fuß im Lehmboden" während er von der Autorin zurechtgewiesen wird. Die Einheimischen zogen "Grimassen", noch häufiger wird "breit gegrinst". Der Text transportiert eine starke Empörung darüber, dass die Menschen und Zustände nicht so sind, wie zu Hause gewohnt, zeigt aber auch die Unfähigkeit der Ich-Erzählerin, mit dem Fehlen eines mittelständisch bis kleinbürgerlichen Milieus souverän umzugehen. Sie produziert einen geradezu sozialrassistischen Text, der an den Einheimischen kein gutes Haar lässt. Das Buch verkaufte sich über 60 000 Mal.

Konfliktträchtig waren auch zwei von Wissenschaftlern geäußerte Hypothesen, bei denen es um mehr als nur private Umgangsprobleme ging - nämlich um die in Ostdeutschland viel stärker als im Westen auftretenden fremdenfeindlichen und rechtsextremen Gewalttaten. Der westdeutsche Kriminologe Christian Pfeiffer trieb sozialisationstheoretische Ursachenforschung.[28] In einem "Spiegel"-Artikel nannte er die "autoritäre Gruppenerziehung"[29] als eine Ursache für die "Ich-Schwäche". Die Anpassung an den Gruppenzwang in Krippe, Kindergarten und Schule mindere die moralische Innensteuerung und fördere die Gewaltbereitschaft der Fehlsozialisierten. Im westlichen Mediendiskurs wurde diese Hypothese gerne rezipiert, berührte sie doch wesentliche Reibungsflächen zwischen dem ostdeutschen Lebensmodell, nach dem auch Mütter volle Berufstätigkeit anstreben und die Kinder in die Kinderkrippe, Kindergarten und außerschulische Bildungs- und Betreuungseinrichtungen geben, und dem westlichen Modell, nach dem die individuelle und häusliche Betreuung unter Hintansetzung der beruflichen Verwirklichung der Mutter als Normalität gilt. Eine von Pfeiffers Thesen, nach der es in der DDR üblich gewesen sei, elf Monate alte Babys auf den Topf zu zwingen, damit man sie im 13. Monat windelfrei in die Krippe bringen konnte, wurde in Ostdeutschland mit dem Etikett "Töpfchen-These" ironisiert. Für die Fachwissenschaft blieb Pfeiffers Hypothese, die institutionalisierte DDR-Erziehung als Erklärung für die hohe fremdenfeindliche Gewaltbereitschaft im Osten zu nutzen, umstritten. In der ostdeutschen Bevölkerung schlugen die Wogen hoch, sah man hier doch einen Frontalangriff auf die eigenen Lebenswerte. Nach 7526 empörten Anrufen bei der "Magdeburger Volksstimme" organisierte die Zeitung ein Streitgespräch mit Pfeiffer. Die Stimmung gibt schon die Überschrift des Berichtes der FAZ ausreichend wieder: "In der Löwengrube"[30]. Ein ähnlich geteiltes und starkes Echo fand im Jahr 2000 ein Thesenpapier, indem die Ausländerfeindlichkeit in Ostdeutschland als Produkt der DDR-Sozialisation gedeutet wurde.[31]

Eine ähnliche Konfliktstruktur ergab sich 1999 nach der Veröffentlichung von "Arbeiten wie bei Honecker, leben wie bei Kohl"[32]. Der Autor fragt, warum der "Aufschwung Ost" ausbleibt. Um diese Frage zu klären, wendet er sich den "existentiellen Lebensphilosophien der Bevölkerung" der DDR zu, die ganz offensichtlich die "deutschen Stammlande" wie durch einen "langwährenden Krieg niedergemacht" und auf das Niveau der "dritten Welt" heruntergebracht habe. Das Buch mit der programmatischen Forderung nach einem "Ende der Schonzeit" wurde im westdeutschen Diskurs, dessen Publikum vom anhaltenden ostdeutschen Wirtschaftsdesaster genervt war, begeistert besprochen, es verkaufte sich über 35 000 Mal. Roethes Erklärungsversuche und Lösungsvorschläge sind heute sehr modern: Das Bestreben des ostdeutschen Proletariats, die "Arbeitsfron" abzuschütteln, habe lange Tradition und sei auch heute noch eine Gefahr. Letztlich habe dieses Proletariat die DDR ruiniert: "Das Proletariat, kaum zur Herrschaft gekommen, hatte nichts anderes im Sinn, als Mühsal und Last abzuschütteln und den jüngst gewonnenen Status auszukosten (...). Millionen von Werktätigen waren sich sicher in dem Glauben, daß nun die Arbeitsfron vorbei sei." Die herrschenden Kommunisten seien nach dem 17. Juni 1953 gewissermaßen erpresst worden, denn nun habe sich "ein neuer, gleichwohl uneingestandener und latent bleibender Gesellschaftsvertrag (herausgebildet) (...): Wir, die Arbeiter und Bauern, erklären, die Macht der Partei nicht herauszufordern. Wir werden loyal sein, wenn ihr uns dazu zusichert, uns zu versorgen und von der Arbeitsfron zu befreien." Die Schuld könne nicht bei den in der DDR Herrschenden, sondern müsse bei den Beherrschten gesucht werden: "Die Masse der DDR-Bevölkerung hatte den Sirenenklang der sozialistischen Rundumversorgung wohl verstanden (...). Hätte das System zur Arbeit zwingen sollen, um schuldlos zu bleiben?"

Dass der Verfall der eigenen Kultur durch die initiativlosen ostdeutschen Landsleute verursacht werden könnte, beschäftigte im Jahr 2001 auch einen Leitartikler der FAZ: "Dabei hat der tatsächliche Aufschwung Ost etwas Künstliches. Denn ihm folgt kein Aufbruch der Menschen. Schon holt sich die Natur eben erst erschlossene, aber ungenutzte Gewerbegebiete zurück. Das voller Elan vor ein paar Jahren eröffnete Gasthaus steht schon wieder leer. Am neu gebauten Parkplatz senken sich längst die Steine ab."[33] Hier werden starke Kollektivsymbole benutzt: Die Kultur fällt an die Natur zurück, wenn sie durch Bürger- oder Kolonistenfleiß nicht ständig reproduziert wird.


Fußnoten

21.
Vgl. W. Friedrich (Anm. 13).
22.
Das wird im Rahmen eines deutsch-österreichischen Forschungsprojektes zur Konstruktion der Ostdeutschen in westdeutschen und österreichischen Mediendiskursen geschehen.
23.
Arnulf Baring, Deutschland, was nun? Ein Gespräch mit Dirk Rumberg und Wolf Jobst Siedler, Berlin 1991, S. 59.
24.
"Peinlich, blamabel, lächerlich". Monika Maron über das neue Opfergefühl ihrer ostdeutschen Mitmenschen, in: Der Spiegel, Nr. 35/1992, S 136 - 141.
25.
Hrsg. von Klaus Bittermann, Berlin 1993.
26.
Das Prinzip Misstrauen, in: Der Spiegel, Nr. 34/1998, S. 47.
27.
Luise Endlich, NeuLand. Ganz einfache Geschichten, Berlin 1999; die folgenden Zitate auf den Seiten 41, 77, 82, 104 und 133.
28.
Vgl. Christian Pfeiffer/Peter Wetzels, Zur Struktur und Entwicklung der Jugendgewalt in Deutschland. Ein Thesenpapier auf Basis aktueller Forschungsbefunde, in: APuZ, B 26/99, S. 3 - 22.
29.
Anleitung zum Haß, in: Der Spiegel, Nr. 12/1999.
30.
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 12.3.1999, S. 5.
31.
Vgl. Patrice G. Poutrus/Jan C. Behrends/Dennis Kuck, Historische Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in den neuen Bundesländern, in: APuZ, B 39/2000, S. 15 - 21; kritisch hierzu W. Friedrich (Anm. 13). Ein Versuch, auf die Einwände zu reagieren: Jürgen Danyel, Spätfolgen? Der ostdeutsche Rechtsextremismus als Hypothek der DDR- Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur, in: Jan C. Behrends/Thomas Lindenberger/Patrice G. Poutrus, Fremde und Fremd-Sein in der DDR. Zu historischen Ursachen der Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland, Berlin 2003, S. 23 - 40.
32.
Thomas Roethe, Arbeiten wie bei Honecker, leben wie bei Kohl. Ein Plädoyer für das Ende der Schonfrist, Frankfurt/M. 1999; die folgenden Zitate auf den Seiten 7, 17, 29, 34 und 41 - 43.
33.
Frank Pergande, Künstlicher Aufschwung Ost, in: FAZ vom 26.4.2001, S. 1.