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29.9.2004 | Von:
Katharina Gajdukowa

Opfer-Täter-Gesprächskreise nach dem Ende der DDR

Die Begegnung von Opfern und Tätern birgt die Chance der Bearbeitung politischer Traumatisierungen. Ein Vergleich mit internationalen Opfer-Täter-Begegnungsprojekten zeigt, dass für persönliche und gesellschaftliche Heilungsprozesse die Arbeit an kollektiven Identitäten nötig ist.

Einleitung

Spätestens seit der Arbeit der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission gibt es die Vorstellung, dass sich Gesellschaften auf ähnliche Weise "heilen" lassen wie Individuen.[1] Das Herausfinden und Benennen der Wahrheit soll zu Verzeihung und Versöhnung führen. Versöhnung hat dabei mehrere Dimensionen: die Versöhnung mit sich selbst, mit anderen Menschen und zwischen Gruppen. In der christlichen Religion resultiert Versöhnung aus der Vergebung durch Gott. In säkularen Gesellschaften sprechen wir von der politischen Dimension dieses Prozesses, wie ihn Hannah Arendt formuliert hat: "Gäbe es nicht eine Mitwelt, die unsere Schuld vergibt, wie wir unseren Schuldigern vergeben, könnten auch wir uns kein Vergehen und keine Verfehlung verzeihen, weil uns, eingeschlossen in uns selber, die Person mangeln würde, die mehr ist als das Unrecht, das sie beging."[2]




Für die politische Dimension der Versöhnung nach dem Ende der DDR beschreibt der Theologe Ralf Wüstenberg die Einsicht in die Akten der Staatssicherheit als symbolische Handlung und Heilritual.[3] Damit verbindet er eine Veränderung in der Gesellschaft, die sich über die Anerkennung des Einzelschicksals vollzieht. Die betroffene Person, welche die Akten einsieht, erlebt, dass ihr Anliegen von der Gesellschaft ernst genommen wird, indem diese die juristischen und räumlichen Möglichkeiten dafür schafft. Diese Integrationserfahrung bietet den Rahmen für die Konfrontation mit der Aktenwahrheit und der Auseinandersetzung mit den eigenen Erinnerungen. Damit soll das Loslassen und Reinigen von belastenden Erfahrungen erleichtert werden. Die Gesellschaft nimmt die Geschichte von Individuen in ihr soziales Gedächtnis auf und verändert sich. Die Vorstellung der Reinigung der Gesellschaft spiegelt sich in dem Begriff der "Lustration"[4] wider, der die "Säuberung" der Gesellschaft durch die Überprüfung ehemaliger Parteikader und mit dem Geheimdienst verstrickter Personen meint, wie er z.B. im deutschen Stasi-Unterlagen-Gesetz geregelt ist.

Reichen Akteneinsichts- und Überprüfungsverfahren aus, damit sich eine Gesellschaft nach staatlich angeordneten Menschenrechtsverletzungen selbst "heilen" kann? Wie können neue Diktaturen verhindert werden? Um uns dieser Frage anzunähern, sollen Forschungsergebnisse aus der Untersuchung von Opfer-Täter-Gesprächskreisen nach dem Ende der DDR mit Prozessen persönlicher und gesellschaftlicher Heilung verglichen werden, wie sie in internationalen Opfer-Täter-Begegnungsprojekten praktiziert werden. Mein Vergleichskriterium ist der Transfer von Interaktionsprozessen in Täter-Opfer-Begegnungen auf die gesellschaftliche Ebene.[5]


Fußnoten

1.
Vgl. zu den bisher weltweit stattgefundenen Kommissionen Priscilla B. Hayner, Unspeakable Truths: Facing the Challenge of Truth Commissions, New York u.a. 2001.
2.
Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, Stuttgart 1960, S. 238.
3.
Vgl. Ralf Wüstenberg, Die politische Dimension der Versöhnung. Eine theologische Studie zum Umgang mit Schuld nach den Systemumbrüchen in Südafrika und Deutschland, Gütersloh 2004, hier: S. 647 - 651.
4.
Der Begriff geht auf ein römisches Reinigungsritual zurück. In griechischen Dramen wird mit "Katharsis" operiert, welche die Läuterung des Seelen- oder Gefühlslebens meint.
5.
Das Forschungsprojekt wurde durch die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert und ist jetzt interdisziplinär an das Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg angebunden. Die Promotionsarbeit wird 2005/06 erscheinen.