Staats- und Regierungschefs gedenken des Endes des Ersten Weltkrieges in Paris, 11.09.2018.

23.11.2018 | Von:
Sina Arnold
Sebastian Bischoff
Jana König

Postnationale Potenziale. Praktiken jenseits der Nation

Widersprüche des Postnationalen

Verschiedene Praktiken der transnationalen, postmigrantischen Gegenwart, so wurde gezeigt, verweisen über das Nationale hinaus. Aber wie das doing nation stellt sich auch das undoing nation voller Widersprüche und Diskontinuitäten dar. Umso mehr, als dass das Nationale nahe lag und liegt, schließlich verinnerlichen Subjekte die objektiven Bedingungen einer Welt der Nationalstaaten, von deren Erfolg in der ökonomischen und politischen Konkurrenz auch ihre Lebenssituation abhängt. Eine ähnliche Tendenz, die das undoing nation vorantreiben könnte, gibt es weder in ökonomischer noch in politischer Hinsicht. Theorien, die die dargestellten Praktiken begleiten, weisen einige Leerstellen auf. Die drei Wichtigsten werden abschließend problematisiert.

Erstens: Jede Vorstellung von Nation produziert strukturell – auf der Grundlage von citizenship – Einschluss und Ausschluss und steht in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis mit anderen Ausgrenzungsmechanismen wie Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus.[18] Entsprechend gälte es, bestehende Praktiken daraufhin zu analysieren, ob sie nationale Identität infrage stellen oder bloß rekonfigurieren beziehungsweise restabilisieren. Kein modernisiertes oder erweitertes Konzept nationaler Zugehörigkeit kann Grundlage für eine postnationale Vision sein – das gilt auch für supranationale Institutionen wie die EU oder die Vereinten Nationen. Denn diese produzieren neue Ausschlüsse, Fremd- und Feindbilder und stellen die nationalstaatliche Grundordnung der Welt nicht grundsätzlich infrage, sondern erweitern diese lediglich um neue Zusammenschlüsse. Diese internationalen Modelle, das legt der Name schon nahe, wollen das Nationale verbinden, wie auch Pan-Bewegungen (so beispielsweise heute der Pan-Islamismus) zwar die Grenzen von Nationalstaaten überwinden wollen, dabei durch eine Essentialisierung kollektiver Identität allerdings meist neue Ausschlüsse produzieren. Dies wäre auch zu erwarten, würde der Euroidealismus der "Pulse of Europe"-Bewegung – oder auch die Symbolik des "March of Hope" – in politische Formen gegossen werden: Auch mit der und durch die EU ließen sich Ausschlüsse zementieren und die Indienstnahme der Bevölkerungen für Konkurrenzverhältnisse – etwa gegen die USA oder China – begründen.

Zweitens: Neben dieser Leerstelle, bei der nicht jenseits der Nation gedacht, sondern diese lediglich erweitert wird, findet sich eine Haltung, die bestehende Machtverhältnisse sowie die Materialität nationalstaatlicher Herrschaft zu wenig berücksichtigt. Wenn auch die oben genannten Bewegungen Konzepte nationaler Zugehörigkeit durch gelebte Praxis konterkarierten und konterkarieren, so wurden diese in vielen Fällen eingehegt: Die deutsche Grenze wurde dichter, die Flüchtlingspolitik repressiver. Unter gegebenen Bedingungen sitzt der Nationalstaat nicht nur diskursiv, sondern sehr praktisch am längeren Hebel. Das zeigt sich auch in den ambivalenten Auswirkungen: So ist ein Effekt der sanctuary cities die Destabilisierung von citizenship. Gleichzeitig war die Intention, etwa in den Anfängen der 1970er Jahre in den USA, eine ordnungspolitische: die Senkung der Kriminalitätsraten durch das Herstellen von Vertrauen in die Polizei auch bei Menschen, die keinen legalen Aufenthaltsstatus haben. Auch in aktuellen Debatten argumentieren US-amerikanische Polizeipräsidenten damit, dass die Kriminalitätsrate durch den Status als sanctuary city gesenkt würde. Während diese Städte also einerseits das Nationale transzendieren, unterstützen sie gleichzeitig – ob intendiert oder nicht – (national)staatliche Ordnungspolitik. Das will nicht die Möglichkeit bestreiten, dass hier postnationales Fühlen und Denken ermöglicht werden können, schafft aber zugleich einen realistischeren Blick auf diese Phänomene.

Drittens: Für viele stellt der Nationalstaat subjektiv einen Schutz dar, sie wähnen sich in einer postnationalen Welt ohne soziale Sicherung. "Eine Welt ohne Grenzen und Nationen" sei eine privatisierte, wie es in der sozialistischen Zeitung "Neues Deutschland" heißt: Die Menschen würden zu "global vagabundierende[n] Lumpenproletarier[n], die in einem sozialen Unterbietungswettbewerb gegeneinander ausgespielt" werden.[19] Und für den Linken-Politiker Oskar Lafontaine ist "das Credo der multinationalen Konzerne ‚no nations, no border‘".[20] Diese Kritiker liegen auch nicht ganz falsch, stellt doch die Forderung nach offenen Grenzen eine Grundlage sogenannter neoliberaler Ideologie dar: Auf Kapitalverkehrsfreiheit müsse Personenfreizügigkeit folgen. Ein prominentes Beispiel hierfür stellt der eingangs erwähnte Robert J. Shiller dar, der in der "Süddeutschen Zeitung" die Welt vor einer "antinationalen Revolution" sah, da die historische Entwicklung zwangsläufig die "wirtschaftliche Logik des Nationalstaats infrage stellen" würde.[21] Der Zufall der Geburt werde zunehmend unwichtiger, immer mehr Menschen arbeiteten in multinationalen Unternehmen, und aufgrund sinkender Transportkosten und digitaler Arbeitsplätze könne jeder an allen Orten seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Dies kulminiert in Shillers Aussage: "In einer idealen Welt müssen die Menschen nicht in ein anderes Land ziehen, um einen höheren Lohn zu erhalten. Letztlich müssen sie nur an der Produktion von Waren partizipieren, die international verkauft werden." Was sich für ihn lediglich als Chance für die gänzlich zum "Humankapital" gewordenen Menschen darstellt, dürfte zumindest das wachsende Heer des Niedriglohnsektors ängstigen und keineswegs als "ideale Welt" erscheinen.

Die Abschaffung von Grenzen geht nicht notwendigerweise mit progressiven politischen Ansichten einher. Dies zeigt sich auch in der angestrebten negativen Aufhebung von Nation durch islamistische Gruppen wie dem sogenannten Islamischen Staat: Eine verklärte Vergangenheit eines wieder zu errichtenden Kalifats wird der als westlich gebrandmarkten Nation entgegengestellt. Aber vor allem zeigte sich dies in den Debatten um die Ankunft mehrerer Hunderttausend Geflüchteter im Jahr 2015, in denen Marktradikale auf die Notwendigkeit offener Grenzen hinwiesen.[22] Entsprechend können auch bestimmte transnationale Praktiken – wie globale Führungseliten, die in einem Land leben, im zweiten investieren und im dritten die Steueroasen nutzen – als Elitenprojekt charakterisiert werden. In der gegenwärtigen nationalstaatlich strukturierten Gesellschaftsformation heißt Staatenlosigkeit für die Mehrheit der Betroffenen hingegen eine Verschlechterung der Lebensbedingungen. Die Freiheit vom Nationalstaat bedeutet gegenwärtig auch die Abwesenheit von Rechten. Staatenlosigkeit, eine tatsächlich postnationale Existenz unter Geflüchteten und anderen Prekären, ist also häufig von besonderen Zumutungen charakterisiert.

Aus diesen Kritiken an gegenwärtigen postnationalen Zugängen und Praktiken muss ihre Erweiterung folgen: Wenn die – selbstgewählte oder von außen auferlegte – Verweigerung nationalstaatlicher Zugehörigkeit materielle Folgen hat, dann kann sie nicht unabhängig von globalen ökonomischen Verhältnissen diskutiert werden. Das Postnationale als Elitenprojekt liegt darin begründet, dass bestimmte transnationale Mobilitäten gefördert und ermöglicht werden, andere hingegen begrenzt und verhindert. In den gegenwärtigen postnationalen Praktiken geraten die Ausgrenzungs- und Selektionsmechanismen, die jenseits von Anerkennung und Teilhabe stattfinden, aus dem Blick. Migrantische Anwesenheit und kosmopolitische Alltagshandlungen mögen auch im Hier und Jetzt auf postnationale Momente verweisen, doch in einer kapitalistischen Ökonomie sind es weiterhin Migranten, Frauen und vor allem migrantische Frauen, die überproportional im Niedriglohnsektor und hier im Bereich Pflege und Haushalt tätig sind. Um postnationale Entwürfe vom Makel eines Elitenprojekts freizumachen, müsste die Suche nach einer nicht-nationalstaatlich organisierten Welt auch die Suche nach grundlegend anderen ökonomischen Formen einschließen. Denn die Bezugnahme auf die Nation ist nicht nur Imagination. Vielmehr ist die Nation eine soziale Realität, der Glaube an sie manifestiert sich in den Institutionen moderner Staatlichkeit, die enormen Einfluss auf die Lebenswelten aller Menschen hat. Ihr Aufkommen ebenso wie ihr Fortbestand sind nicht zu trennen von der Entstehung und der globalen Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise.[23] So wie es materielle Gründe für die Existenz und den Fortbestand von Nationalstaaten im globalisierten 21. Jahrhundert gibt, ist ein Denken und Handeln in nationalen Formen aufgrund jener nationalstaatlichen Ordnung nahegelegt.[24] Anders ausgedrückt: Solange politische, soziale und bürgerliche Rechte ebenso wie der eigene ökonomische Status in großen Teilen an die nationalstaatliche Zugehörigkeit gebunden sind, gibt es reale Gründe für die Identifikation mit der Nation und für das nationalistische Bewusstsein. Das bedeutet also, dass für eine postnationale Welt ein grundlegender Bruch mit gegenwärtigen Formen ökonomischer wie politischer Vergesellschaftung und eine Suche nach grundsätzlich neuen Formen der Zugehörigkeit notwendig wären.

No Border, No Nation

Dabei stellen sich (mindestens) zwei große Fragen. Die erste ist die nach dem "Was": Wenn Denken und Fühlen zentrale Aspekte des Nationalismus wie des Postnationalismus darstellen, werden andere Formen von Identität und Zugehörigkeit notwendig, die vielleicht stärker auf Haltung statt Herkunft setzen. Bereits jetzt existieren diese Zugehörigkeiten, etwa in (Sub-)Kultur und Lebensstilen: als Fan eines Sportvereins, als Christin, als Veganer oder als Feministin.

Die zweite Frage ist die nach dem "Wie": Unter Umständen ist hier eine ähnliche Entwicklung wie bei der Entstehung der Nation denkbar, und die postnationale Ideologie geht dem postnationalen Zustand voraus. Vielleicht ist die Reihenfolge aber auch umgekehrt: Der Postnationalismus entsteht aus postnationaler Praxis. Vermutlich besteht eine Wechselwirkung, denn Theorien werden in der gesellschaftlichen Wirklichkeit entwickelt, sie reflektieren notwendigerweise, was gesellschaftlich und politisch passiert, bleiben also nicht unbeeinflusst von Praxis. Der Blick in die Geschichte zeugt von bestehenden Wissensbeständen und verschütteten Bezugnahmen, auf die sich eine solche konsequent nicht-nationalstaatliche Position beziehen kann. In der Gegenwart bieten sich neben den dargestellten Praktiken auch Ansätze in sozialen Bewegungen, etwa die No-Border-Camps, antirassistische Kampagnen wie "kein mensch ist illegal" oder Teile von sich als antinational begreifenden Strömungen. Sie sind oftmals so klein, wie es manche nationalen Befreiungsbewegungen anfangs waren. Ob sie so erfolgreich werden, bleibt abzuwarten.

Fußnoten

18.
Vgl. Étienne Balibar/Immanuel Wallerstein, Rasse – Klasse – Nation. Ambivalente Identitäten, Hamburg–Berlin 1990; Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001; Nira Yuval-Davis, Geschlecht und Nation, Biel–Bienne 2001.
19.
Vgl. Tobias Riegel, Sahra und der Aufstand der Easy-Jetter, 7.12.2017, http://www.neues-deutschland.de/artikel/1072479.linke-und-fluechtlinge-sahra-und-der-aufstand-der-easy-jetter.html«.
20.
Vgl. Oskar Lafontaine, Wer die Sozialstaatlichkeit verteidigt, wird als "nationaler Sozialist" verschmäht, 26.1.2018, http://www.nachdenkseiten.de/?p=42083«.
21.
Vgl. Shiller (Anm. 8).
22.
Vgl. Sina Arnold/Sebastian Bischoff, Wer sind wir denn wieder? Nationale Identität in Krisenzeiten, in: APuZ 14–15/2016, S. 28–34; Harald Bauder, Migration Borders Freedom, London–New York 2016, S. 36–49.
23.
Vgl. Joachim Hirsch, Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus, Berlin 1995; Immanuel Wallerstein, Die Konstruktion von Völkern. Rassismus, Nationalismus, Ethnizität, in: Balibar/Wallerstein (Anm. 18), S. 87–106.
24.
Vgl. Thorsten Mense, Nationalismus. Einführung, Stuttgart 2016.
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