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Editorial


13.9.2004
Der Nationalismus bleibt ein geschichtsmächtiger Faktor. Die Idee der Nation wurde zum Motor der Neugestaltung Osteuropas. Bringt der Nationalstaat im Zeitalter der Globalisierung ausreichend Integrationskraft auf, um die Stabilität von Gesellschaften zu gewährleisten?

Als im Mai 1945 das "großdeutsche" Reich der Nationalsozialisten in Trümmern lag und Europa verwüstet war, schien in Deutschland die Idee des Nationalstaats für lange Zeit diskreditiert. Die staatliche Teilung beförderte im Westen im Laufe der fünfziger und sechziger Jahre die Europabegeisterung. Manche sahen mit dem Niederreißen der Grenzpfähle das Zeitalter eines europäischen Bewusstseins anbrechen. Paris, London und Brüssel schienen näher und vertrauter als Rostock oder Leipzig.

Doch der Nationalismus als politische Kraft blieb auch in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein geschichtsmächtiger Faktor. Die Befreiungsbewegungen in Afrika und Asien beriefen sich auf ihre nationalen Traditionen, um die von den Kolonialherren willkürlich gezogenen Grenzen in Frage zu stellen und die Unabhängigkeit zu erlangen. Als vor 15 Jahren zuerst der Zwangskordon aus Satellitenstaaten und schließlich die Sowjetunion zusammenbrachen, waren nationale Symbole allgegenwärtig: im Baltikum, in den Nachfolgestaaten der Tschechoslowakei, in Polen und auch in Ostdeutschland. Der demokratisch-emanzipatorische Ruf "Wir sind das Volk!", der zum Sturz der SED-Herrschaft führte, wurde bald vom nationalen, die Vereinigung mit der Bundesrepublik vorwegnehmenden "Wir sind ein Volk!" abgelöst. Die Idee der freien Nation wurde zum Motor der Neugestaltung Mittel- und Osteuropas.

Der Nationalismus hat in den vergangenen 250 Jahren unter völlig unterschiedlichen historischen Bedingungen seine Kraft bewiesen. Der Begriff "Nation" hat dabei einen erheblichen Bedeutungswandel durchlaufen. Abgeleitet vom lateinischen nasci (geboren werden), wurden im Späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit ständische Vertretungen als nationes bezeichnet. Als nation bezeichneten sich auch die Generalstände in Frankreich. Das Selbstbewusstsein des "Dritten Standes", die Nation zu repräsentieren, führte zur Französischen Revolution. In der Folge breitete sich der moderne Nationsbegriff aus - in den Worten des französischen Religionswissenschaftlers Ernest Renan: die Nation als tägliches Plebiszit.

Wann schlägt Patriotismus in antidemokratischen Nationalismus um? Am Ende des 19. Jahrhunderts dienten nationalistische Vorstellungen zur Legitimierung des Imperialismus nach außen und zur Ausgrenzung demokratischer Strömungen nach innen. Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus griffen stark auf nationalistische Symbolik und Propaganda zurück, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Die Balkankriege der neunziger Jahre waren grausame Belege dafür, wie rasch der Firnis der demokratischen Zivilisation durch nationalistische Strömungen hinweggefegt werden kann, die sich auf eine herausgehobene Ethnie berufen und die Minderwertigkeit anderer behaupten.

Bringt der Nationalstaat im Zeitalter der Globalisierung und massenhafter Migration ausreichend Integrationskraft auf, um die Stabilität von Gesellschaften zu gewährleisten? Der Historiker Eric J. Hobsbawm hat mit Recht darauf hingewiesen, dass die Legitimität der Nationalstaaten eine entscheidende Voraussetzung für Volksherrschaft ist. Das gilt auch im Europa der 25. In Deutschland, so jüngst Egon Bahr, hat die 1990 wiederhergestellte Einheit "den Urlaub von der Nation beendet. Nach 45 Jahren Pause gibt es den Sonderweg zur Übernationalität nicht mehr."

Ob im 21. Jahrhundert an die Stelle national organisierter Staaten überstaatliche Gebilde oder eine Vielzahl von regionalen Einheiten treten werden, ist offen. Die im weltweiten "Kampf gegen den Terror" offen zu Tage getretene Handlungsunfähigkeit internationaler Organisationen scheint eher für eine Renaissance des Nationalstaates zu sprechen.