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Ethnonationalismus und das politische Potenzial nationalistischer Bewegungen


13.9.2004
Ethnonationalismus ist ein universelles Phänomen. Gerade in Zeiten besonderer politischer oder sozialer Unsicherheit gelingt es nationalistischen Bewegungen, Generationen übergreifend erfolgreich zu sein.

Einleitung



Massiver, zuweilen aggressiv vertretener Ethnonationalismus[1] prägt heute weltweit politische Prozesse. Mobilisierte Ethnizität tritt als politisches Instrument vor allem in Krisensituationen in Erscheinung, so im Verlauf von Wirtschaftskrisen, die zu Verteilungskonflikten zwischen verschiedenen kulturell bzw. ethnisch definierten Gruppen führen, oder in Zusammenhang mit kriegerischen Auseinandersetzungen, insbesondere wenn sie in der Öffentlichkeit als "ethnische" wahrgenommen werden. Allerdings sind längst nicht alle diese Konflikte wirklich ethnischen, auf eine Volksgruppe bezogenen Ursprungs. Zuweilen kommt es zu einer "Ethnisierung", um den Konflikten einen scheinbar unabwendbaren Charakter zu verleihen.[2] Claus Offe spricht in diesem Zusammenhang von einem "Trend zur ethnischen Dramatisierung"[3].




Für ethnonationalistische Bewegungen eröffnet sich vor allem immer dann ein breites Aktionsfeld in noch nicht stabilisierten Institutionen- und Parteiensystemen, wenn der Systemübergang nicht nur den Umbau des Regierungssystems, sondern auch eine "offene nationale Frage" betrifft. Vor allem Systemwechsel wie die in Europa nach dem Untergang des Ostblocks sind Situationen besonderer Unsicherheit. Parallel zur Demokratisierung verlaufende Nation-Building-Prozesse wie seit Ende der achtziger Jahre in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion und Jugoslawiens[4] bieten günstige Voraussetzungen für die Entstehung von Ethnonationalismus. In anderen Fällen, etwa in Spanien nach 1975, wurde die Demokratisierung von der Dezentralisierung eines ehemals zentralistischen Staates begleitet.



Fußnoten

1.
In diesem Beitrag wird Ethnonationalismus als Ideologie von Völkern verstanden, die sich als staatenlose Nation begreifen, auf die Bildung eines eigenen Nationalstaates abzielen und dies durch tatsächliche oder angebliche ethnisch-kulturelle "Besonderheiten" rechtfertigen. Oft wird auch die Bezeichnung (Ethno-)Regionalismus verwendet; vgl. Hans-Jürgen Puhle, Staaten, Nationen und Regionen in Europa, Wien 1995, S. 46.
2.
Vgl. Urs Altermatt, Das Fanal von Sarajewo - Ethnonationalismus in Europa, Paderborn u.a. 1996, S. 13; Saul Newman, Ethnoregional Conflict in Democracies. Mostly Ballots, Rarely Bullets, Westport 1996, S. 5.
3.
Claus Offe, Tunnel am Ende des Lichts, Frankfurt/M. 1994, S. 146.
4.
Vgl. Klaus Roth, Zu einer "Politik der interethnischen Koexistenz": Kann Europa von den historischen Vielvölkerstaaten lernen?, in: Südosteuropa Mitteilungen, (2000) 1, S. 3 - 21; Pierre Hassner, Neue Strukturen in Europa und die neuen Nationalismen, in: Magarditsch A. Hatschikjan/Peter R. Weilemann (Hrsg.), Nationalismen im Umbruch. Ethnizität, Staat und Politik im neuen Osteuropa, Köln 1995, S. 14 - 28, hier: S. 21; Peter R. Weilemann, Die Schwierigkeiten, mit dem Selbstverständnis zu leben: Nationen und Nationalismen in Europa, in: ebd., S. 7 - 13, hier: S. 7f.