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"Behausung des Menschen in einer unbehausten Welt"

Nation und Europa in der deutschen Geschichte


13.9.2004
Die Geschichte über den Nationalstaat als Organisationsform ist bereits hinweggegangen. Darin liegt die Chance, sich auf die vornationalstaatlichen Wurzeln der Geschichte der Nation zu besinnen.

Einleitung



Werden irgendwann die Nationen in Europa verschwinden und die Nationalstaaten in den Vereinigten Staaten von Europa auf die Ebene von Kantonen herabsinken? Weil es kein europäisches Staatsvolk gebe und das politische Europa noch nicht hinreichend über eine eigene Identität verfüge, so wird häufig argumentiert, bleibe Europa auch auf absehbare Zeit auf den Zusammenhalt der Nationen angewiesen.




Von außen betrachtet präsentiert sich die Lage der Nationen in Europa karger. Überall werden die Gestaltungsmöglichkeiten nationaler Politik aufgrund der weit verbreiteten Abgabe von Souveränität an supranationale Einheiten geringer. Telekommunikation und Medien haben längst Ländergrenzen überwunden, die Finanzmärkte sind globalisiert und zu empfindlichen Seismographen der Gegenwart geworden, die europäische Gemeinschaftswährung ist eingeführt. Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International, der World Wildlife Fund oder weltweit agierende Großkonzerne, die sich gerne als global player bezeichnen, haben in der internationalen Politik ein noch vor kurzem unvorstellbares Gewicht erhalten. Der klassische Nationalstaat ist scheinbar auf dem Rückzug. Wegweisende politische Entscheidungen werden immer häufiger auf europäischer Ebene getroffen. Ein europäisches Volk gibt es zwar nicht, doch dafür mehr und mehr eine europäische Öffentlichkeit.

Einheitlich ist das Bild freilich nicht. Noch ist der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs das Gremium, in dem die wichtigsten Beschlüsse getroffen werden, und Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik werden noch immer zu großen Teilen von den Nationalstaaten entschieden. Trotz weitgehender Integration ist im Europa der 25 die strategische Bedeutung von Ad-hoc-Allianzen gestiegen, fallen die unterschiedlichen europapolitischen Schattierungen deutlicher denn je aus. Die Mitglieder des Europäischen Parlaments werden ungeachtet der Direktwahl über Listen ausgesucht, über deren Zusammensetzung nationale Auswahlgremien entscheiden. Noch verfügt die Europäische Union über keine Kompetenzkompetenz. Die Schwäche des Parlaments ist auch auf das Zögern der Mitgliedstaaten zurückzuführen, ihm größere Befugnisse einzuräumen, weil diese befürchten, daraus könnten noch weitere Rechte der europäischen Institutionen abgeleitet werden.

Dieser Umstand kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Stillen in den letzten 40 Jahren eine Transformation des Staates in Europa eingesetzt hat. Ihr Ergebnis ist die Erosion des staatlichen Machtmonopols: Das Verhältnis zwischen Nationalstaat und Europa ist in Fluss geraten. Dieser Wandel legt nahe, einen Blick auf das Verhältnis von Nation und Europa in historischer Perspektive zu werfen und dabei insbesondere das Beispiel Deutschlands zu betrachten.