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Die Deutschen - eine Nation?


13.9.2004
Eine Bilanz der deutschen Nationsbildung ist negativ, denn es hat stets die Freiheit gefehlt. Das föderalistisch-parlamentarisch-bürokratische Herrschaftssystem scheint weiterhin den Weg zur Nation zu versperren, denn es schließt das Volk von politischen Grundentscheidungen aus.

Einleitung



"Was ist eine Nation?" fragte der französische Religionswissenschaftler Ernest Renan (1823 - 1892) vor mehr als einhundertundzwanzig Jahren.[1] Seine Antwort: "Eine Nation ist ein geistiges Prinzip, das aus tiefgreifenden Verbindungen der Geschichte resultiert, eine spirituelle Verbindung." Zweierlei sei wichtig, um jene große Solidargemeinschaft zu begründen: zum einen die Vergangenheit, der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, zum anderen die Gegenwart, der Wunsch, zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten: "Die Existenz einer Nation ist ein Plebiszit, das sich jeden Tag wiederholt."




Renan stellte eine Gretchenfrage und beantwortete sie mit der Rückschau auf die Geschichte und deren Annahme in der Gegenwart. Beide Male geschieht dies subjektiv: als Sicht und als Wille, und beide Male ist die Einheit bereits vorgegeben. Für Gegenwart und Zukunft ist die Subjektivität als Appell verständlich. Doch gilt dies auch für die Geschichte? Renan lehnte es ab, sie objektiv zu bestimmen oder zu bewerten. Im Gegenteil, er verwarf frühere Definitionen der Nation, etwa anhand einer bestimmten Bodenbeschaffenheit, anhand der Rasse, Sprache, Interessen, Religion, Geographie oder militärischer Notwendigkeiten. Neu war die Behauptung einer Einheit, die in der Rückschau auf die Vergangenheit als gewordene empfunden wurde.

Was fangen die Deutschen heute mit Renan an? Seine Aussagen einfach zu übernehmen macht verlegen, denn es fehlt die subjektive Gewissheit und Sicherheit: über die Vergangenheit und für den Appell in der Gegenwart. Wenn etwa Politiker versichern, sie seien stolz darauf, Deutsche zu sein, so ist dies eher eine Minderheitsmeinung. Der Deutsche Bundestag hat mehrheitlich die historische Widmung des restaurierten Reichstagsgebäudes, "Dem Deutschen Volke", dadurch ergänzt (oder ihr widersprochen?), dass er in der Vorhalle einen Erdhaufen "der deutschen Bevölkerung" gewidmet hat, zu dem jeder Abgeordnete einen Eimer Heimaterde schütten sollte.

Wer als "Verfassungspatriot" (Dolf Sternberger) das Grundgesetz aufschlägt, findet in der Präambel zwar den Begriff "Deutsches Volk", danach aber ist die Rede von den "Deutschen in den Ländern", und die Staatsrechtslehre verweist auf den föderalistischen Staatsaufbau, nach dem es das Bundesvolk und 16 Landesvölker gibt. Immerhin schließt die Aufzählung der Staatsangehörigen in Artikel 116 GG auch die aus den ehemaligen Ostgebieten Geflohenen oder Vertriebenen "deutscher Volkszugehörigkeit" ein. Dieser Volksbegriff ist somit umfassender als der juristische.

Im Herbst 1989, vor dem Fall der Mauer, lautete nach dem Bekenntnis zur Demokratie ("Wir sind das Volk!") der zweite Sprechchor vieler DDR-Bürger: "Wir sind ein Volk!" Angehörige der westdeutschen politischen Elite protestierten damals gegen das Wort "Wiedervereinigung". Und Willy Brandt nahm mit seiner Äußerung, nun werde "zusammenwachsen, was zusammengehört", die Einheit der Nation jedenfalls nicht als Gegebenheit an. Verweisen Versicherungen, das deutsche Volk habe unbeschadet der politischen Teilung als solches weiter existiert, nur auf das Überdauern familiärer Beziehungen? Oder übertrugen sie die juristische Behauptung der Präambel des Grundgesetzes, mit ihm stellvertretend für "alle" Deutschen gehandelt zu haben, und ihre Fortsetzung durch die Hallsteindoktrin, welche die völkerrechtliche Anerkennung des zweiten deutschen Teilstaates lange verhinderte, auf die politische Wirklichkeit? Wer die Geschichte der deutschen Teilung schreibt, wird sie kaum als ruhmreiches Zeugnis für eine nationale Politik würdigen können. Er wird im Nationenvergleich davor zurückscheuen, etwa das aufrüttelnd-beharrliche "Noch ist Polen nicht verloren" als Maßstab zu verwenden.



Fußnoten

1.
Sein berühmter Vortrag ist neu auf Deutsch veröffentlicht worden: Ernest Renan, Was ist eine Nation? Rede am 11. Marz 1882 an der Sorbonne. Mit einem Essay von Walter Euchner, Frankfurt/M. 1995.