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30.11.2018 | Von:
Laura Moisi

Müll als Strukturfaktor gesellschaftlicher Ungleichheitsbeziehungen

Müll als kulturelle Grenzfigur

"Schmutz als etwas Absolutes gibt es nicht", schrieb die Ethnologin Mary Douglas in ihrer Studie "Purity and Danger", auf Deutsch "Reinheit und Gefährdung", aus dem Jahr 1966.[3] In ihrem Buch – ein Meilenstein der kulturwissenschaftlichen Müllforschung – argumentiert Douglas, dass Schmutz und Abfall nicht an und für sich existieren, sondern erst im Zuge kultureller Zuschreibungen entstehen. Etwas wird dann zu Abfall, wenn es sich am falschen Ort befindet. Müll ist "matter out of place", wie es die Anthropologin formuliert – es ist eine Kategorie von Dingen, die den Sinn für Ordnung und Regelhaftigkeit stören. Weil kulturelle Einteilungen grundsätzlich fragil sind, bedarf es der ständigen Arbeit der Grenzziehung. Deshalb gibt es immer wieder die Bemühungen, kulturelle Unterscheidung zu verankern, zu erneuern und zu bestärken. Und das erklärt zum Teil, wieso Müll gesellschaftlich immer wieder Thema und Gegenstand von Diskursen, Konflikten, Skandalen, Empörungswellen ist: Die kulturelle Ordnung muss aufrechterhalten werden, weil "jede Vorstellungsstruktur an ihren Rändern verletzlich" ist, wie Douglas notiert.[4] Die Kategorien Schmutz und Abfall entstehen so gesehen aus einem Bedürfnis nach Kohärenz und Orientierung heraus, wo sonst nur ungeordnete Erfahrung wäre.

In den Szenen des alltäglichen Entsorgens wird diese Definition von Abfall anschaulich. Zahllose Verpackungen, Behälter, Plastikobjekte und Technikgeräte gehen in den Zustand des Abfalls über, sobald sie in Plastiksäcken und Mülltonnen landen. Dabei geschieht der Übergang vom Zustand der Gebrauchsgegenstände zu Müll über kulturelle Gesten, Handhabungen und Techniken, die selbst wiederrum als rein oder unrein kodiert sind. So kommt es, dass Abfälle erst dann auffallen, wenn sie sich von ihrem zugewiesenen Ort entfernen – wenn sie zum Beispiel nicht in der Mülltonne, sondern daneben, auf der Straße, am Wegesrand, auf der Wiese liegen.

Das, was als schmutzig, wertlos oder überflüssig wahrgenommen wird, ist, wie Mary Douglas bemerkt hat, nie etwas Isoliertes, sondern hat immer etwas mit unzulässigen Vermischungen zu tun. Die gibt es aber nur dort, wo auch positiv nach ausgewählten Kriterien unterschieden wird: "Wo es keine Differenzierung gibt, gibt es auch keine Verunreinigung."[5] Schmutz und Abfall sind vor allem eine Grenzverletzung: eine Bedrohung der kulturellen Kohärenz. Die Grenzziehung zwischen rein und unrein beruht dabei auf der Frage: Zwischen welchen Dingen lohnt es zu unterscheiden, und zwischen welchen nicht? Es sind fragile Grenzen – zwischen wertvoll und wertlos, sauber und schmutzig –, die fortwährend hinterfragt und neu gezogen werden. So ist die Kategorie des Abfalls bei Douglas sozial begründet und entsteht in Verbindung mit anderen Grenzziehungen. Reinheitsvorstellungen beziehen sich demnach nicht nur auf Körper und Gegenstände, sondern sie können ganze Denksysteme intakt halten und repressive Strukturen rechtfertigen. Auch deswegen wirken alle Randzonen als bedrohlich, seien es körperliche Zonen oder gesellschaftliche.

Fußnoten

3.
Mary Douglas, Reinheit und Gefährdung, Berlin 1985 (1966), S. 12.
4.
Ebd., S. 160.
5.
Ebd., S. 208.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Laura Moisi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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