Bunte Kaffeekapseln für Kaffeemaschinen

30.11.2018 | Von:
Laura Moisi

Müll als Strukturfaktor gesellschaftlicher Ungleichheitsbeziehungen

Müll und Strukturelle Ungleichheit

Schmutz und Sauberkeit sind nicht nur konzeptuell miteinander verwoben, sondern auch in materieller und sozialer Hinsicht. Aus diesem Grund sind Theorien des Abfalls hilfreich, um zu verstehen, wie soziale Ausschlüsse und Formen der Herabsetzung entstehen. Darauf macht etwa die Kulturwissenschaftlerin Rosie Cox aufmerksam, wenn sie betont, dass die Entwicklung moderner Vorstellungen von Hygiene, Schmutz und Abfall zutiefst mit rassistischem Denken verbunden ist. Das Vokabular der Reinheit, das im 19. Jahrhundert entstand, artikulierte sich in rassistischen Vorstellungen von Mischung und Hybridität. Mit Blick auf häusliche Reinigungs- und Dienstarbeiten verdeutlicht Cox, inwiefern Vorstellungen von Sauberkeit historisch auf rassistische Entsprechungen von Weißsein mit Reinheit zurückgehen. Cox beschreibt, wie die Nähe zu Schmutz und Abfall auch heute – zum Beispiel im Kontext von häuslichen Pflege- und Reinigungsarbeiten – auf globale Weise rassistisch und geschlechtlich strukturiert ist. Die Sphäre des Privaten wird so zum Bereich, in dem soziale Ungleichheit kontinuierlich aufrechterhalten wird.[7]

Auch der Historiker Alain Corbin hat 1984 in seinem Buch über die sozialen Dimensionen des Abfalls darauf hingewiesen, dass die Angst vor Schmutz und Bakterien seit der Entstehung der Hygienebewegung im 19. Jahrhundert nicht nur gegen Objekte gerichtet war, sondern ebenso gegen Gruppen von Menschen. Als verdächtig und gefährlich – weil womöglich "unrein" – galten jene Personen, die sich mit "schmutzigen" Dingen oder Tätigkeiten befassten: "‚die Unberührbaren‘ der Stadt, Kumpanen des Gestanks, alle, die mit Schlick, Unrat, Kot und Sexualität arbeiten".[8] Abfall, argumentiert Corbin, ist historisch wie gegenwärtig zentral für die Aufrechterhaltung einer bürgerlichen Ordnung auf Kosten einer Gruppe davon Ausgeschlossener.

Dabei werden manche Personen und Gruppen mehr und andere weniger in der Nähe des Abfalls platziert – im übertragenen Sinne, wie auch buchstäblich, durch die Markierung von bestimmten Tätigkeiten als schmutzig, etwa Reinigungsarbeiten, der Umgang mit Körperflüssigkeiten oder das Sammeln von Müll. Dies lässt sich auch anhand der Geschichte der Müllabfuhr in den USA studieren. Seit jeher ist die Infrastruktur der Müllsammlung und -entsorgung geprägt von kulturellen, symbolischen und sozialen Dimensionen von institutioneller Ungleichheit. In der Geschichte der US-amerikanischen Müllabfuhr kommt das beispielsweise darin zum Ausdruck, dass sich das Personal der Müllabfuhr zu einem großen Teil aus afroamerikanischen Arbeitern sowie Einwanderern aus Lateinamerika rekrutiert, während in den Stadtvierteln, die von diesen Personengruppen bewohnt wurden, oft mangelhafte hygienische Zustände herrschten. Es gab und gibt dort oft keine befestigten Straßen, keine Kanalisation, die Wohnungen hatten keine Toiletten, und die Müllabfuhr blieb diesen Gegenden fern – Zustände, die, wie Rosie Cox feststellt, Bemühungen um häusliche Sauberkeit zu einem hoffnungslosen und somit demoralisierenden Unterfangen machten.[9]

Solche zugleich materiellen wie symbolischen Verhältnisse zwischen Menschen und Müll sind beispielhaft für soziale Ungleichheit. Einerseits wird Müll metaphorisch auf jene übertragen, die als randständig markiert werden. Andererseits sind es gerade die an den gesellschaftlichen Rand Gedrängten, die besonders von den Gefahren, die vom modernen Müll ausgehen, bedroht sind. Auf die Zusammenhänge zwischen gesundheitsgefährdenden Stoffen und struktureller Gewalt, die sich gegen marginalisierte Gruppen richtet, weisen die US-amerikanischen Bewegungen im Feld der Umweltgerechtigkeit seit den 1960er Jahren hin. Das Feld der Environmental Justice etwa problematisiert die Ansiedlungen von Mülldeponien an prekären Orten oder Gift im Trinkwasser von vernachlässigten Ortschaften oder Stadtvierteln. Dabei geht es vor allem um die Aufmerksamkeit für Umweltverschmutzungen, die unverhältnismäßig stark zulasten von afroamerikanischen und indigenen Bevölkerungsgruppen sowie von wirtschaftlich prekären Regionen gehen (das bleivergiftete Wasser in der Stadt Flint in Michigan ist nur ein Beispiel unter vielen). Studien zu Umwelt(un)gerechtigkeit zeigen, dass arme Bevölkerungsgruppen und people of color deutlich häufiger an Krebs, Asthma und anderen Krankheiten infolge von Umweltverschmutzung erkranken als die weiße Mittelschicht. Einer der Faktoren für diese strukturelle Ungleichheit ist die Standortwahl für die Deponierung von Müll. Die strukturelle Exklusion von marginalisierten Personen und der Eindruck, dass nur der Müll der Privilegierten verschwindet, sind zwei Seiten derselben Medaille.

Fußnoten

7.
Vgl. Rosie Cox, Cleaning up: Gender, Race and Dirty Work at Home, in: Christiane Lewe/Tim Othold/Nicolas Oxen (Hrsg.), Müll. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Übrig-Gebliebene, Bielefeld 2016, S. 97–116.
8.
Alain Corbin, Pesthauch und Blütenduft. Eine Geschichte des Geruchs, Berlin 1984, S. 191.
9.
Vgl. Rosie Cox, Dishing the Dirt: Dirt in the Home, in: dies. et al. (Hrsg.), Dirt: The Filthy Reality of Everyday Life, London 2011, S. 37–74, hier S. 61.
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Autor: Laura Moisi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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