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23.7.2004 | Von:
Helga Zeiher

Zeitbalancen

Lebensqualität hat auch mit Zeit zu tun. Über Zeitwohlstand verfügt, wer über die eigene Zeit selbst bestimmen kann. Es wird angeregt, Optionen für neue Balancen von Arbeit und Leben zu prüfen.

Einleitung

Obwohl wir auf eine Geschichte fortschreitender Arbeitszeitverkürzungen zurückblicken, fehlt heu-te mehr als zuvor die Zeit zur privaten Sorge für andere, vor allem für Kinder. Viele Menschen verzichten auf die Erfüllung ihres Kinderwunsches, weil sie sich nicht zutrauen, Erwerbs- und Sorgearbeit miteinander zu verbinden. Wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs, was die gesellschaftliche Ordnung der Sorge für die nachwachsende Generation betrifft. Die tradierte Verteilung von Erwerbsarbeits- und Familienzeit zwischen den Menschen wie auch in der Alltags- und Lebenszeit der Einzelnen ist obsolet geworden, neue Zeitbalancen werden gesucht.




Im Familienleitbild der westlichen Industriegesellschaft - dem der Ernährer-Hausfrau-Familie - gab es ein Gleichgewicht zwischen Erwerbs- und privater Sorgearbeit. Es basierte auf einer Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern: Die Männer taten die eine, die Frauen die andere Arbeit; der harten, ökonomisch bestimmten Welt draußen stand die private, emotional geprägte Familienwelt gegenüber. Geschlechter- und Generationenordnung waren durch diese Arbeitsteilung miteinander in einer Weise verzahnt, die private Sorgezeit für Kinder und andere Sorgebedürftige jederzeit sicherstellte - auf Kosten des Ausschlusses der Frauen aus der Arbeitswelt.

Heute breitet sich in den Vorstellungen junger Erwachsener das in Europa und Nordamerika vorherrschende Familienmuster aus: die prinzipiell gleiche Beteiligung beider Eltern an der Erwerbs- und Familienarbeit, ermöglicht durch zunehmende Auslagerung von Sorgezeit für Kinder in wohlfahrtsstaatliche Betreuungseinrichtungen und Ganztagsschulen. Die Arbeitsteilung zwischen Erwerb und familialer Sorge, die bisher zwischen den Geschlechtern bestand, hat jetzt jeder Elternteil innerhalb des eigenen Lebens selbst zu bewältigen; die Verbindung der Zeiten für Erwerbsarbeit und Familie ist zur individuellen "Arbeit des Alltags"[1] - noch immer überwiegend der Frauen - geworden. Die Sorgezeit wird jetzt arbeitsteilig zwischen Familie und wohlfahrtsstaatlichen Institutionen aufgebracht.

Neue Zeitbalancen zu finden bleibt Eltern überlassen, und zwar unter Bedingungen, die noch dem alten Familienmuster entsprechen. Denn in Deutschland setzen die Zeitstrukturen der meisten Schulen und auch das Angebot an Betreuungsplätzen noch immer die Hausfrau voraus, die ihren Kindern jederzeit zur Verfügung steht. Das macht den Alltag Erwerbstätiger mit Kindern zu einem immer neuen schwierigen Balanceakt zwischen nicht vereinbaren Zeiten, zumal zugleich die Zeitanforderungen der Arbeitswelt wachsen. Flexible, destandardisierte Arbeitszeiten können Abhilfe schaffen, gehen aber oft mit Verlagerungen und Verlängerungen der Arbeitszeit und mit einem größeren Zeitdruck einher. Es ist bewundernswert, wie es - ungeachtet solcher "strukturellen Rücksichtslosigkeit", die der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann schon vor langer Zeit angeprangert hat - vielen Eltern gelingt, diese Gratwanderung zu meistern, freilich unter ständig wachsendem Zeitstress. Großeltern, Freunde, Hauspersonal oder Dienstleistungsfirmen werden eingesetzt. Mit Hilfe flexibler und individualisierter Arbeitszeiten gelingt es einigen Eltern, zeitversetzt zu arbeiten, das heißt ihre Arbeitszeiten so zu teilen, dass ein Elternteil jeweils Zeit für das Kind hat - ein täglicher Staffellauf.

Das Problem liegt freilich nicht nur in der Zeitkoordination der komplexer gewordenen alltäglichen Lebensführung. Es besteht vor allem darin, dass die beiden Arbeitsbereiche andere Zeit-, Beziehungs- und Handlungslogiken haben. Sorgen für das physische und emotionale Wohl von Menschen ist nicht vergleichbar mit marktförmiger Erwerbsarbeit und auch nicht auf diese Weise organisierbar. Wenn das Sorgen für Kinder, Kranke und Alte in die Arbeitswelt verlagert wird, wird es in Teilarbeiten zerlegt, die zeitlich und personell voneinander getrennt stattfinden. Damit wird die Ganzheitlichkeit der familialen Sorge aufgehoben. Als Erwerbsarbeit wird das Sorgen formal organisiert und marktgemäß rationalisiert. Die Zeitlogik der Ökonomie dringt damit in Lebensbereiche ein, die bislang davon ausgenommen waren. Doch Sorgearbeit lässt sich nicht ohne Qualitätsverlust rationalisieren.

Auch die verbleibende private Zeit gerät unter Veränderungsdruck. Zeit für privates Leben wird den Anforderungen aus der Arbeitswelt wohl oder übel nachgeordnet, und damit gewinnen diese an Macht. Sehr eindrücklich zeigt das die amerikanische Soziologin Arlie R. Hochschild.[2] Sie beschreibt in Fallstudien erwerbstätiger Eltern, wie sich die Zeiten der Beziehungspflege und Sorge im Familienalltag immer mehr verringerten, weil sich Zeitmangel, Segmentierung und Effizienzsteigerung innerhalb der knappen Zeit, die für die Kinder vorhanden war, wechselseitig so sehr verstärkten, dass diese Eltern aus den häuslichen Zeit-Anstrengungen in mehr Erwerbsarbeit flohen. Während Arbeitsplätze immer attraktiver wurden, zog zu Hause das aus der Arbeitswelt verschwundene tayloristische Arbeitszeitregime ein: auf subtilen Wegen mit dem Einverständnis der Menschen, ohne Zwang. Diese Dynamik der "verkehrten Welten", so Hochschild, beherrsche eine zunehmende Anzahl amerikanischer Familien, freilich neben einer ebenfalls zunehmenden Anzahl derer, denen eine Balance von Arbeit und Familienleben mehr oder weniger gut gelinge.

Die Schubkräfte der Balanceverschiebungen kommen keineswegs allein aus der Ökonomie, sondern sind auch auf demokratische Entwicklungen zurückzuführen. Der vermehrte Eintritt von Frauen in die Erwerbsarbeit hat einerseits ökonomische, andererseits emanzipatorische Gründe. Er erklärt sich sowohl aus dem Bedarf der Wirtschaft an weiblichen Arbeitskräften und dem in jüngster Zeit wachsenden Armutsrisiko von Familien als auch aus dem Emanzipationsanspruch der Frauen. Die kulturelle Dominanz der Arbeitswelt kommt darin zum Ausdruck, dass in der Frauenbewegung Gleichheit vor allem über die Beteiligung in der Erwerbssphäre angestrebt wurde. Die entsprechende Übernahme eines Teils der privaten Sorgearbeit durch die Männer folgt der Neuverteilung der Erwerbsarbeit nur sehr langsam. Männer sind traditionell weitaus mehr in arbeitsweltliche Wert- und Karrierestrukturen eingebunden.

Die Zeitstruktur des Kinderalltags, der zuvor allein durch die Schule arbeitsweltlich strukturiert war, wird jetzt auch durch die Arbeitszeit-Sorgezeit-Verteilungsmuster der Eltern geprägt. Dabei wird mehr Zeit, welche die Kinder bislang in der Familie verbracht haben, in externe Betreuungseinrichtungen und Bildungsinstitutionen verschoben. Es erfolgt eine Art Outsourcing von Sorgearbeit, das dem Interesse der Wirtschaft in doppelter Weise gerecht wird: dem Interesse an der aktuellen Arbeitskraft der Eltern und an einer besseren Qualifikation der Kinder als den künftigen Arbeitskräften. Auch das ökonomische Interesse an Kindern verbindet sich mit einem demokratischen Motiv. Denn mehr professionelle Betreuungs- und Beschulungszeit verspricht eine Emanzipation der Kinder - deren allmähliche Herauslösung aus der Abhängigkeit familialer Bildungsvermittlung - und damit eine größere soziale Chancengleichheit, ein Argument, das in den Debatten über die PISA-Ergebnisse betont wird.

Es wird gegenwärtig viel darüber nachgedacht, wie Eltern das Finden neuer Balancen im Alltagsleben erleichtert werden könnte. Dabei geht es um die Lage und Verlässlichkeit von Arbeitszeiten, um mehr Plätze für Kinder in Betreuungseinrichtungen und längere Zeiten der außerhäuslichen Betreuung sowie um längere tägliche Schulzeiten in Halbtagsgrundschulen und Ganztagsschulen. Kommunale Zeitpolitik soll dazu beitragen, dass Konflikte zwischen den Zeiten der Arbeit, der Kinderinstitutionen, der kommunalen und privaten Dienste und der Wege und Transporte vermieden werden. Um das Überhandnehmen ökonomischer Zwänge im Leben der Menschen zu stoppen, ist jedoch mehr als eine Konfliktentschärfung erforderlich. Vielmehr muss grundsätzlich darüber nachgedacht werden, wie die Zeitbalance von Arbeit und Leben, von zeitökonomisch rationalisierter Arbeit und Sorgearbeit aussehen könnte.

Zeit zum Sorgen füreinander, für die Pflege von Beziehungen und Bindungen darf keine Restgröße sein. Privates Sorgen für Sorgebedürftige jeden Alters sollte als ebenso wichtige Arbeit gelten wie Erwerbsarbeit, auch in der wohlfahrtsstaatlichen Ressourcenverteilung. Zwei nichtökonomische Gründe dafür hat Christel Eckart genannt:[3] erstens die individuelle Lebensqualität derer, die gemeinsame Zeit in wechselseitigen Beziehungen verbringen: "Fürsorge ist ein unerlässlicher Teil unserer Persönlichkeit, Grundlage bedeutungsvollen Handelns und der Intersubjektivität." Als zweiten Grund hat Eckart die gesellschaftliche Lebensqualität angeführt, die im "Sorgen für die gemeinsame Welt" (wie Hannah Arendt es nannte) bestehe, auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene, denn öffentliche demokratische Praxis wurzele in der Erfahrung privater Bindungen.

Es muss auch mit Blick auf das Alltagsleben der Kinder darüber nachgedacht werden, wie die richtige Balance von "Arbeit und Leben" aussehen soll. In der Regel gerät nur die "Arbeit des Alltags" der Eltern in den Blick; Kinder erscheinen als Auslöser von Zeitproblemen ihrer Eltern. Dieser einseitige Blick entspricht Verhältnissen, in denen Kindern keine eigenständige Position in der Gesellschaft zugebilligt wurde, sie vielmehr rechtlich und ökonomisch vollständig in die Familie eingeschlossen waren.

Inzwischen haben die Demokratisierungs- und Individualisierungsprozesse des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch auch die Kinder - als letzte Bevölkerungsgruppe nach den Frauen - erreicht. Heute haben Kinder wie Erwachsene einen Anspruch auf die Erfüllung der Grundrechte. Thomas Olk argumentiert zu Recht, dass ihr Anspruch auf Wohlfahrt als Bürgerrecht zu begründen sei, nämlich als individuelles Recht und nicht mehr nur als Recht, das aus - zunehmend von ökonomischen Erfordernissen beherrschten - Interessen Erwachsener abgeleitet ist.[4] Kinder haben danach ein eigenständiges Recht gegenüber der Gesellschaft - nicht nur gegenüber der Familie - auf die Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse und Interessen. Es genügt folglich nicht, nur im Leben der Eltern nach einer neuen Zeitbalance zwischen Erwerbsarbeit und Sorgearbeit zu suchen, vielmehr muss auch die Lebensqualität der Kinder, ihr Anspruch auf Zeit, größeres Gewicht erhalten. Das gilt nicht nur für die private familiale Lebensführung, sondern auch hinsichtlich politischer Entscheidungen, die Optionen der Eltern für Sorgezeiten betreffen, und für Entscheidungen über die Zeitorganisation im Bildungs- und Betreuungswesens.

Aber welchen Bedarf an Sorgezeit haben Kinder? Wieviel elterliche Zeit brauchen Kinder? Die Vorstellungen darüber haben sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Der sich in Sorgearbeit "aufopfernden" Mutter entsprach die Vorstellung vom in hohem Maße sorgebedürftigen Kind. Diese Vorstellung ist auch heute - ungeachtet anderer Lebensweisen der Mütter und veränderter Kindheitsbedingungen - noch realitätsmächtig. Seit alles Tun der Kinder als lern- und sozialisationsbedeutsam gilt, seit den siebziger Jahren, hat sich die Sorgearbeit verändert und erweitert; die Familie ist zum Dienstleistungsbetrieb für das Kind geworden. Doch Erwerbsarbeit von Müttern erlaubt es schwerlich, ein so umfassendes Sorgeverständnis zu realisieren. Jeanne Rubner hat kürzlich[5] den besonders niedrigen Anteil deutscher Frauen, die Kinder bekommen, auf einen, wie sie meint, falschen Umgang mit diesem Konflikt zurückgeführt: Zu viele junge Erwachsene würden eher auf Kinder verzichten als überzogene Ansprüche an gute Elternschaft zu revidieren.

Auch Vorstellungen über die Qualität des Zeitbedarfs von Kindern haben in allen Epochen dem Zeitgebrauch entsprochen, der in der Arbeitswelt vorherrschte. Im Industriezeitalter wurde die strikte Anpassung an vorgegebene Zeitstrukturen verlangt, in der Schule wie beim Stillen der Säuglinge. Es herrschte die Überzeugung, dass Kinder feste Alltagsrhythmen, insbesondere eine feste Zeitordnung für Essen und Schlafen, benötigten. In den späten sechziger Jahren, als sich der Dienstleistungssektor rasch vergrößerte und Individualisierungsprozesse tradierte Normen der Lebens- und Alltagsabläufe der Menschen außer Kraft setzten, entwickelte sich eine entgegengesetzte Vorstellung: Kinder könnten und sollten ihre Zeit selbst regulieren, nach Möglichkeit ohne Eingriffe von außen. Der Bürgerstatus, den wir Kindern heute zuerkennen, verlangt, sie nicht nur als Empfänger von Sorge und Erziehung, sondern auch als aktiv Handelnde einzubeziehen: Wie wollen Kinder selbst mit ihrer Zeit umgehen? Forschungsergebnisse zeigen: Kindern ist wichtig, ihre Zeit selbst einteilen zu können - sie können das oft früher, als die Eltern glauben. Und: Kinder wünschen sich, dass Eltern Zeit für sie haben. Eltern sollen sich ihnen zeitweise ganz zuwenden, aber es soll auch Situationen gemeinsamer Anwesenheit ohne gemeinsame Aktivitäten mit den Eltern geben. Kinder schätzen es durchaus, zeitweilig auf sich allein gestellt zu sein. Sehr wichtig ist dabei für sie, dass sie sich auf elterliche Zeiten verlassen können.

Damit sind genau die Kriterien angesprochen, die in der neuen Bewegung für Zeitpolitik gegenwärtig als Kriterien für zeitliche Lebensqualität, für "Zeitwohlstand", diskutiert werden:[6] über die eigene Zeit selbst bestimmen können, Zeit mit anderen Menschen verbringen zu können, also Zeit für Beziehungen und Bindungen zu haben, und Zeit, die nicht durch Entzug von Möglichkeiten entwertet ist. Anhand solcher Kriterien wären die Optionen für neue Balancen von Arbeit und Leben zu prüfen. Menge und Qualität der Sorgezeit Erwachsener für Kinder (unter anderen) und der Zeit der Kinder in Familie, Betreuungsarrangements und Schulalltag dürfen nicht zur Restgröße ökonomisch dominierter Entwicklung werden. Die zeitliche Lebensqualität aller Generationen in allen Bereichen des Lebens muss bei der Suche nach neuen Balancen auf den Prüfstand gestellt werden. Es geht dabei um Balancen nicht nur im Sinne konfliktfreier Zeitkoordination, sondern auch zwischen den Gewichten und den Zeitlogiken der verschiedenartigen Lebensbereiche, nicht nur innerhalb des individuellen Lebens, sondern auch zwischen dem eigenen Leben und dem Leben der anderen, für die Sorge getragen wird.


Fußnoten

1.
Karin Jurczyk/Maria S. Rerrich (Hrsg.), Die Arbeit des Alltags. Beiträge zu einer Soziologie der alltäglichen Lebensführung, Freiburg 1993.
2.
Vgl. Arlie R. Hochschild, Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet. Opladen 2002.
3.
Vgl. Christel Eckart, Balance zwischen beruflichen, familiären und zivilgesellschaftlichen Aufgaben. Vortrag in der Ev. Akad. Tutzing, März 2004. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Christel Eckart in dieser Ausgabe.
4.
Vgl. Thomas Olk, Kinder und Kindheit im Wohlfahrtsstaat - eine vernachlässigte Kategorie? Zeitschrift für Sozialreform, 50 (2004) 1 - 2, S.81 - 101.
5.
Vgl. Süddeutsche Zeitung vom 8./9.5. 2004.
6.
Vgl. Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik, Zeit für Zeitpolitik, Bremen 2003; Jürgen Rinderspacher (Hrsg.), Zeitwohlstand, Berlin 2002.