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23.7.2004 | Von:
Karlheinz A. Geißler

Grenzenlose Zeiten

Die Zeit hat ihren Ort und der Ort seine Zeit verloren. Orte und Zeiten werden flexibler, die Entgrenzung von Raum und Zeit beherrscht die Dynamik der Lebensverhältnisse - überall.

Einleitung

Italo Svevo, ein über Jahrzehnte verkannter Schriftsteller, beschreibt in einem seiner im Triester Kaufmannsmilieu der untergehenden österreich-ungarischen Monarchie spielenden Romane eine eher beiläufige Szene, deren Symbolik erst heute ihre volle Ausdruckskraft erlangt: In einem Handelsbüro taucht im Rahmen einer Modernisierung der Geschäftsräume ein überraschendes Problem auf. Niemand weiß, wohin ein Schild gehört, auf dem "Privat" steht. Keiner kann sagen, wo es noch gebraucht werden könnte. Das Private, so die Botschaft Svevos, ist nicht mehr länger lokalisierbar, es hat seinen Ort verloren. Jene Ratlosigkeit, vor der die Büroangestellten bereits vor 100 Jahren bei ihren Aufräumungsarbeiten standen, beschreibt eine Situation, die in den derzeitigen postmodernen Zeiten zum Dauerzustand wird.




Die Zeit hat ihren Ort und der Ort hat seine Zeit verloren. Rund um die Uhr und beinahe an jedem Ort können wir heute einkaufen und verkaufen. Demnächst wird es möglich sein, je nach Bedarf, und das heißt nichts anderes als unabhängig von aller Uhrzeit, die spontan gewünschten Programmangebote im Fernsehen abzurufen. Ähnliche Tendenzen kann man bei Verabredungen feststellen. Sie werden neuerdings relativ kurzfristig und damit potenziell zu jeder Zeit getroffen und verwirklicht. Das Mobiltelefon macht's möglich: "Ich komm gleich mal vorbei. Schön, dass Du da bist!"

Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen der Alltag des Lebens. Zumindest gilt dies für Herrn Dr. Habermann - und diese Habermanns vermehren sich rapide: Wie vereinbart, kommt Herr Dr. Habermann jeden Freitag um 14 Uhr in die Beratung von Frau Dr. Wedekind. Heute jedoch verspätet er sich. Frau Dr. Wedekind wartet also auf ihren Klienten. Um 14.10 Uhr erhält sie einen Anruf von ihm: "Entschuldigen Sie bitte, Frau Dr. Wedekind, ich kann heute nicht pünktlich bei Ihnen sein, da ich in einem Verkehrsstau stecke. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, können wir ja mit der Beratung schon mal anfangen."

Orte und Zeiten werden flexibler. Das gilt sowohl für Berater und Beraterinnen als auch für deren Klienten. Die ehemals starren Regime von Ort und Zeit stehen nicht nur für diese, sondern auch für alle anderen Bürgerinnen und Bürger dieses Landes zur Disposition. Beratung etwa kann neuerdings überall stattfinden, nicht nur in den dafür vorgesehenen Räumlichkeiten und nicht nur zu den vereinbarten Zeiten. Für viele tausend andere Aktivitäten gilt dies ebenso. Die Entgrenzung von Raum und Zeit beherrscht die Dynamik der Lebensverhältnisse. Das gilt auch im ursprünglichen Wortsinn. Ohne den Fuß vom Gaspedal nehmen zu müssen, können heute die Staatsgrenzen der EU passiert werden. Weitgehend entortet ist zudem das, was man kauft, was man isst, trinkt und auch vieles von dem, was erfahren und erlebt wird. Das orts- und das zeitgebunden Spezifische "verkommt" hingegen zunehmend zur Folklore.

Die Entgrenzung des Örtlichen und des Zeitlichen verändert das Angebot aber auch inhaltlich in fundamentaler Art und Weise. Tankstellen, ehemals begrenzt auf den Verkauf von Kraftstoffen und Dienstleistungen der Autopflege, tätigen einen Großteil ihres Umsatzes inzwischen mit Gebrauchs- und Verbrauchsgütern des täglichen Bedarfs. Folge ist, dass Tankwarte inzwischen mehr Brötchen backen als die dafür ausgebildeten Bäcker. In Einzelhandelsgeschäften kann man neuerdings Kraftfahrzeuge, Autozubehör und manchmal sogar Immobilien erwerben, im Stehkaffee Versicherungspolicen, Goldschmuck und Gartenmöbel. Ferienreisen beschränken sich nur mehr in wenigen Ausnahmefällen auf die Befriedigung eines einzigen Bedürfnisses. Die Reisebüros berichten, ihre Kunden bevorzugen derzeit eine Kompaktkombination von Kultur, Erholung, Bildung und Unterhaltung. Eine solche Vergleichzeitigung der "Unordnung" ist es, welche die höchsten Wachstumsraten beim Umsatz sowie bei Käufern und Verkäufern die attraktivsten materiellen und immateriellen Profite verspricht. Das endlose Glück auf Zeit hat seinen Preis.

Zeitliche und örtliche Entgrenzung geschieht überall. Ganz besonders aber lässt sie sich an den Verkehrsknotenpunkten dieser Welt beobachten, an den Rast- und Tankstellen, den Bahnhöfen und den Airports. Hier entstehen die großen Einkaufs-, Unterhaltungs-, Vergnügungs- und Begegnungszentren. Die Tore zur Welt werden selbst zur Welt, und stellen sich doch bei ihrer offerierten Entscheidungsvielfalt nicht selten als äußerst einfältig dar: an jedem Ort, zu jeder Zeit, die gleich sterile Vielfalt. Nicht nur am Münchner Flughafen können sich Hungrige zwischen Noodle-Bar, Sushi-Tresen, Thai-Food und lokal entgrenztem Hofbräuhaus entscheiden. Eine fast identische Ansammlung von Imbissbuden der gehobenen Klasse mit entsprechend gehobenen Preisen ist weltweit dort anzutreffen, wo sich eilige Menschen auf ihren Transport vorbereiten.

Es sind in allererster Linie die in diese flexible Gesellschaft hineinwachsenden jungen Menschen, die nicht auf die Vorteile entgrenzter Orte und Zeiten verzichten wollen. Mit Hilfe des Entgrenzungsinstrumentes "Walkman" können sie beispielsweise jederzeit und überall in die Welt von Bibi Blocksberg, Momo oder Madonna eintauchen. Etwa 80 Prozent aller 6- bis 13-jährigen Deutschen besitzen heute ein solches zeit- und ortsunabhängiges Illusionsgerät. Dazu noch viele andere; und täglich kommen neue dazu.

Der englische Soziologe Anthony Giddens verlieh dieser Tendenz das Charakteristikum der "Entbettung". Er beschreibt damit das "Herausheben sozialer Beziehungen aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen und ihre unbegrenzte Raum-Zeit-Spannungen übergreifende Umstrukturierung"[1]. Das führt, so Giddens, schließlich zu jenem Phänomen, das heute gerne "Globalisierung" genannt wird. Sie stellt sich als eine "Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen dar, durch die entfernte Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, dass Ereignisse an einem Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer entfernten Ort abspielen, und umgekehrt."[2] Die israelische Post hat diese Gidden'sche Erkenntnis in ein Dienstleistungsangebot transferiert und bietet konsequenterweise an, per E-Mail nach Jerusalem versandte Gebete auszudrucken, um diese dann von Angestellten zwischen die Steine der Klagemauer stecken zu lassen.

Zu diesem Thema gibt es erheblich mehr zu sagen, als es der redaktionell genehmigte Umfang dieses Beitrages möglich macht. Ausführlicheres steht in: Karlheinz A. Geißler, Alles.Gleichzeitig. Und zwar sofort – Unsere Suche nach dem pausenlosen Glück, Freiburg 2004.


Fußnoten

1.
Anthony Giddens, Konsequenzen der Moderne, Frankfurt/M. 1995, S. 33.
2.
Ebd, S. 85.