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2.7.2004 | Von:
Reinhard Zedler

Neue Wege der Berufsausbildung

Eine Ausbildungsabgabe würde nicht zu einem Zuwachs, sondern zu einem Rückgang des Lehrstellenangebotes führen. Stattdessen könnten vorhandene Ressourcen besser genutzt und die betriebliche Ausbildungsbereitschaft gefördert werden.

Ausgangssituation und Fragestellung

Im Vordergrund der bildungspolitischen Diskussion steht derzeit die große Aufgabe, junge Menschen in Berufsausbildung zu bringen. Von Seiten der Regierung, von Verbänden, Kammern und Gewerkschaften wird viel unternommen, um zusätzliche Ausbildungsplätze und neue Ausbildungsbetriebe zu gewinnen. Dank dieser Aktivitäten in den vergangenen Jahren sind trotz angespannter konjunktureller Situation zum Schluss 95 bis 97 Prozent der Bewerber in eine Berufsausbildung vermittelt worden.






Dennoch ist die Zahl der Ausbildungsverträge seit 1998 stetig zurückgegangen. Sie hat sich bis 2003 um insgesamt 63 000 verringert.[1] Obwohl viele Betriebe (rund 60 Prozent) ausbildungsberechtigt sind, bilden doch nur etwa 30 Prozent aus. Besonders alarmierend sind die Daten aus den ostdeutschen Ländern. Hier ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge von 1999 bis 2003 um 26000 gesunken, wodurch sich die Chancen junger Menschen auf eine Berufsausbildung verschlechtert haben. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage stellt die Wirtschaft dort nur 58 Prozent der Ausbildungsplätze zur Verfügung, 32 Prozent der Jugendlichen werden mit öffentlichen Mitteln gefördert.

Angesichts dieser Daten stellt sich die Frage nach dem Bestand oder der Krise der Berufsausbildung im dualen System. Nun ist der Streit über die Zukunft der dualen Berufsausbildung nicht neu. Im Rückblick von 35 Jahren zeigt sich, dass dieses System beruflicher Qualifizierung junger Menschen immer wieder angefeindet und nicht angemessen bewertet wurde.[2] Einen ersten Höhepunkt erreichte die Kritik an der Berufsausbildung Anfang der siebziger Jahre, einen zweiten in den achtziger Jahren. Die dritte große Welle der Kritik an der Ausbildungsarbeit der Wirtschaft rollte in den neunziger Jahren. Derzeit meinen manche Experten Auflösungserscheinungen und Zerfallsprozesse beim dualen System der Berufsausbildung zu beobachten.[3] Es wird behauptet, die Unternehmen würden in der Ausbildung nichts unternehmen. Doch es sind objektive Schwierigkeiten der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes, die zu einer Verringerung des Ausbildungsplatzangebotes führen.

Der Streit über die Ausbildungsabgabe und das Berufsausbildungssicherungsgesetz hat das Thema Ausbildung in der Rangliste der öffentlichen Aufmerksamkeit nach vorn gebracht. Während in der Gesellschaft gegenüber der allgemeinen hohen Arbeitslosigkeit vielfach Gleichgültigkeit bis Resignation zu verzeichnen ist, aber keine Solidarität, herrscht hier großes Interesse. Dies ist ein erfreuliches Zeichen. Der Verfasser möchte mit diesem Aufsatz dazu beitragen, dass möglichst viele Jugendliche - in Köln oder Trier, in Crimmitschau/Pleiße oder Bad Freienwalde/Oder - eine Ausbildung erhalten.

Eine Vorschau auf den Lehrstellenmarkt zeigt, dass in den nächsten vier Jahren besonders in den westdeutschen Ländern 45 000 zusätzliche Ausbildungsstellen benötigt werden. Angesichts der gegebenen wirtschaftlich schwierigen Bedingungen sind die Ressourcen an betrieblicher dualer Berufsausbildung begrenzt. Deshalb gilt es, neue Wege zu gehen, um junge Menschen verstärkt in eine Berufsausbildung zu vermitteln. Bevor diese Wege skizziert werden, sind zunächst die Struktur der Berufsausbildung und die Ursachen für das geringere Ausbildungsplatzangebot zu beleuchten.


Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung, Berufsbildungsbericht 2004, Bonn 2004 (Manuskript).
2.
Vgl. Winfried Schlaffke, Die duale Berufsausbildung: Ein geschmähtes Erfolgssystem, in: Winfried Schlaffke/Reinhold Weiß (Hrsg.), Das duale System der Berufsausbildung: Leistung, Qualität und Reformbedarf, Köln 1996, S. 11ff.
3.
Vgl. Klaus Lorenz/Felix Ebert, Duales System - Quo vadis?, in: Günter Cramer (Hrsg.), Ausbildungspraxis 2004, Köln 2004, S. 33.