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Editorial


24.6.2004
War in der alten Bundesrepublik lange Zeit die Vorstellung einer isolierten Militärrevolte am 20. Juli 1944 weit verbreitet, wurde in der DDR der Attentatsversuch als reaktionärer Junkeraufstand denunziert.

Der 20. Juli 1944 ist ein sperriges Gedenkdatum. War in der alten Bundesrepublik lange Zeit die Vorstellung einer mit dem Odium des Verrats behafteten, isolierten Militärrevolte weit verbreitet, wurde in der DDR der gescheiterte Attentatsversuch auf Hitler bis in die achtziger Jahre hinein als reaktionärer Junkeraufstand denunziert, um das Dogma von der zentralen Rolle des kommunistischen Widerstands gegen die Nationalsozialisten zu untermauern.

Seit der deutschen Vereinigung kommt es zu einer Renaissance des schwierigen Datums. Immer deutlicher arbeiten Zeithistoriker die verschlungenen Entwicklungslinien heraus, die im Umsturzplan "Walküre" im Sommer 1944 gipfelten. In der Öffentlichkeit ist präsent, dass es auch einen deutschen Widerstand gab - von der Militäropposition mit Verbindungen in höchste Regierungsstellen über den Kreisauer Kreis, die "Weiße Rose" der Geschwister Scholl und die kommunistische "Rote Kapelle" bis zum Einzelgänger Georg Elser, dessen waghalsiger Versuch, den Diktator in die Luft zu sprengen, im November 1939 um Haaresbreite geglückt wäre. Der Attentäter Claus Graf Schenk von Stauffenberg war der Titelheld von Jo Baiers sehenswertem Spielfilm, den über 7,5 Millionen Zuschauer im Februar in der ARD zu bester Sendezeit verfolgten.

Doch es waren nur allzu wenige in Deutschland, die den Schritt zur tatbereiten Opposition wagten. Und es war nicht unbedingt eine westliche, parlamentarische Demokratie oder gar die freiheitlich-demokratische Grundordnung der späteren Bundesrepublik, die den Verschwörern nach einem erfolgreichen Putsch als Staats- und Regierungsform vorschwebten. Stauffenberg, Tresckow oder Beck waren Offiziere. Erstes Ziel ihres mutigen Plans war das Bemühen, endlich den verbrecherisch vom Zaun gebrochenen Krieg zu beenden. Dafür musste Hitler beseitigt werden. Aus eigener Anschauung im Ostkrieg hatten sie begriffen, dass die Massenverbrechen gegen Juden, Sowjetbürger und Polen zum Handeln drängten. Die geglückte Landung der Alliierten inder Normandie nur wenige Wochen zuvor hatte eine zweite Front eröffnet, die allen, die sehen wollten, vor Augen führte, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war.

Der Tyrannenmord misslang. Hitler rühmte die "Vorsehung", die ein weiteres Mal seinen Gegnern in den Arm gefallen sei, und delektierte sich am im Film festgehaltenen Todeskampf der Verurteilten an den Fleischerhaken in Plötzensee. Es folgten - auf beiden Seiten, an allen Fronten und in den Konzentrations- und Vernichtungslagern - die verlustreichsten Monate des Zweiten Weltkrieges, bevor im Mai 1945 das NS-Reich bedingungslos kapitulierte. Deutschland war zerstört und besiegt, aber es war zugleich befreit.

Die inneren Kämpfe, welche die auf Hitler vereidigten und zu blindem Gehorsam erzogenen Militärs ausgefochten hatten, belegen, dass ihre Entscheidung zum Widerstand ethisch begründet war. Darin liegt die Bedeutung der Tat jener mutigen Männer und Frauen des 20. Juli 1944: Sie verteidigten in unmenschlicher Zeit die Traditionen europäischer Menschlichkeit, wie die Zeitzeugin Freya von Moltke in dieser Ausgabe hervorhebt.

Sie schufen damit einen Anknüpfungspunkt für die europäische Integration nach dem Zweiten Weltkrieg, ja, sie leiteten sie bereits ein. Die enge, fast selbstverständliche deutsch-französische Freundschaft, die Präsident Jacques Chirac und Bundeskanzler Gerhard Schröder bei den Feiern zum 60.Jahrestag des "D-Day" bekräftigten, aber auch die deutsch- polnische Aussöhnung, symbolisiert etwa in der Stiftung für europäische Verständigung in Kreisau/Krzyzowa, nahmen im Handeln des "anderen Deutschland" ihren Anfang.