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Die geschichtspolitische Verortung des 20. Juli 1944


24.6.2004
Geschichtspolitik hat nicht den besten Ruf. Tatsache ist, dass die historische Erinnerungsarbeit z.T. Deutungsmonopole hervorgebracht hat, gegen die vorzugehen die wissenschaftliche Redlichkeit gebietet, zumal sie die politische Kultur herausfordern.

Renovierungsarbeiten an Geschichtsbildern



Man kann den Eindruck gewinnen, dass, je weniger Zeitzeugen der Ereignisse um den 20. Juli 1944 zur Verfügung stehen, desto mehr Zeitgenossen heute bezeugen, dass der Widerstand gegen das NS-Regime doch eine selbstverständliche und erwartbare Tat gewesen sei. Das Bild des Widerstandes in der Geschichte ist in Bewegung. Ähnliches hat man mit dem Datum 8. Mai 1945 erfahren. Dieses Ereignis wurde zwischenzeitlich für viele zu einem Tag der Befreiung,[1] und von daher kann die Tat des 20. Juli 1944 nur als eine versuchte Selbstbefreiung gelten.


Dieses durchaus verständliche Urteil verändert eine frühere Bewertung, denn der 20. Juli 1944 war in der Geschichte auch einmal als Staatsstreich bezeichnet worden. Niemand kam 1944 öffentlich auf den Gedanken, sich mit den Akteuren zu solidarisieren und für Widerstandsaktionen etwa nach dem Vorbild der französischen Résistance zu sorgen. Im Gegenteil: Der Propaganda des Regimes gelang es, weit über ihre Zeit hinaus erfolgreich von Verrat und Eidbruch zu sprechen. Diese Abwehrpolitik des Regimes blieb in der Bundesrepublik noch lange Zeit lebendig und wirksam.[2]

Der 8. Mai 1945 hat in der Bundesrepublik eine geschichtspolitisch weitreichende Umwertung erfahren, insofern als er im Rückblick zum Tag der Befreiung mutierte. Davon war bereits in der DDR die Rede. Uminterpretationen von historischen Ereignissen sind an sich Bestandteile autoritärer bzw. totalitärer, jedenfalls partizipationsschwacher Gesellschaften. Die herrschende Klasse kann relativ einfach - top down - neue Daten von Siegen, Geburtstagen und Ähnlichem verbindlich verordnen. Strapaziöser war es dagegen in der jungen Bundesrepublik, den Status einer besiegten Feindnation einzunehmen. Wir können uns deshalb fragen, ob es im Umgang mit Geschichte nun möglich wird, sich die Schicksalsdaten auszusuchen, sozusagen ein Geschichtsmenü zu bestellen?

Zu einem derartigen geschichtsingenieurhaften Vorgehen eignet sich, wie gezeigt, auch der 20. Juli 1944. Seine Vertreter verkörperten nach eigenem Selbstverständnis das "andere Deutschland"[3]. Und eben diesem meint man auch heute angehören zu dürfen. Insofern besteht die Gefahr, dass die Entstehungsbedingungen des NS- und SS-Staates nicht mehr verstanden werden. Man könnte von einem Entfremdungsprozess sprechen, weg von der realen Geschichte hin zu einer oppositionell gebliebenen. Insofern könnte von einer Bewusstseinsreinigung gesprochen werden, und dann hätte eine wahre geschichtspolitische Volte stattgefunden. Dies wäre nicht ungefährlich, und für diesen Tatbestand sprechen einige Beobachtungen. Damit würde man sich Distanz verschaffen zu den Tätern des NS-Regimes und auch ein wenig zu den Opfern, für die man dann ja nicht mehr unbedingt eine historische Verantwortung tragen müsste. Derartig geschichtlich entlastet lässt sich leichter den Tagesgeschäften nachgehen und tagesaktuell urteilen, etwa über die Politik Israels. Geschichtspolitische Entlastungen gebären offensichtlich manchmal Ungeheuer.

Vielleicht ist es besser, entlang der engeren Fachliteratur die Mühen der Archivarbeit zur Kenntnis zu nehmen. Dann werden die Akteure des 20. Juli 1944 in ihrer historischen Eingebundenheit und mit ihren Licht- und eben auch Schattenseiten[4] ernst genommen - und nur so wird ihre ungeheure Leistung in dürftiger Zeit deutlich. Denn wir haben zur Kenntnis zu nehmen, dass die meisten der Juli-Akteure nicht geborene Gegner Hitlers waren, sondern dass sie erst dazu wurden. Aus der Partizipation entstand erst die Opposition. Zur Opposition, ja zur Gegnerschaft Hitlers zu kommen, beruhte auf eigener Einsicht, die nicht von Anfang an gegeben war. Die Opposition blieb winzig klein, denn Heldentum macht einsam; Handeln gegen die übergroße öffentliche Meinung isoliert. Davon wussten auch die Nachkommen der Offiziersfamilien in der Bundesrepublik noch lange zu berichten. Der 8. Mai 1945 war für sie in der Tat eine Befreiung. Für sie entstand eine klare Erinnerung, die sich nicht zu ändern brauchte. Aber geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung fördert eben doch auch die Verstricktheit in das System zutage.[5] Sich zum Widerstand zu entschließen erforderte Selbstaufklärung, Urteilsvermögen und dann auch Tatkraft. Für die große Mehrheit der Kameraden aber war die damalige Entscheidung schlicht Verrat oder zumindest Gehorsamsverweigerung, wenn nicht Eidbruch.

Dass die Tat dann auch noch erfolglos blieb,[6] lässt ein erfolgsorientiertes Volk besonders kritisch urteilen, ja aburteilen. Die Alliierten bekundeten ebenfalls kein Interesse.[7] Und überhaupt war es ja nur eine Adelsrevolte: Die gerechte Sache hatte offensichtlich nur wenige Freunde. Das "andere Deutschland" waren ganz wenige, und heute möchten ganz viele dazugerechnet werden. Insofern kann man mit derartigen geschichtspolitischen Veränderungsprozessen wenig zufrieden sein. Geschichtsbewusstsein verlangt die Kenntnis des Gewordenseins. Geschichtspolitik wird aus dieser Sicht zur Konstruktion einer Vergangenheit, die so nicht oder nie existierte, sehr wohl aber ein nützliches Bild abgibt, etwa in geschichtspädagogischer Absicht. Deshalb sollte Skepsis gegenüber der Methodik des Konstruktivismus walten. Der Erfindbarkeit von Traditionen steht als Korrektiv die öffentliche Meinung gegenüber. Zudem könnten im Ausland die Dinge anders beurteilt worden sein als aus nationaler Perspektive. Und schließlich bieten intellektuelle Positionen unbotmäßig-oppositioneller Art eine Chance, konstruktivistische Perspektiven in Frage zu stellen.

Wie problematisch ein geschichtspolitischer Konstruktivismus auch immer sein mag: Ein geschichtspolitisches Denken herrscht durchaus vor. Der Disput um die Deutungshoheit hat seine eigenen Waffen und Regeln, denen man sich nicht ohne Schaden entziehen kann.



Fußnoten

1.
Vgl. Renate Köcher, Frieden, nicht Befreiung, in: Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1993 - 1997, hrsg. von Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher, München 1997, S. 523f.; vgl. ferner Das geteilte Geschichtsbewusstsein, in: ebd., S. 505 - 507, wo es heißt: "Der Beitrag der Demoskopie zur Geschichtswissenschaft besteht zu einem großen Teil darin, die Verschiebungen zu registrieren, die das Geschichtsbild erfährt. Die langsamen Wandlungen, die die Demoskopie in Westdeutschland registrierte, haben eine Tendenz: Sie legen eine immer schwerere Schuldlast auf die Deutschen der nationalsozialistischen Zeit. Immer weiter hat sich in den letzten Jahrzehnten die Ansicht ausgebreitet, die Deutschen hätten Widerstand leisten können." (S. 507)
2.
Vgl. Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1947 - 1955, hrsg. von Elisabeth Noelle/Erich Peter Neumann, Allensbach am Bodensee 1956, S. 138.
3.
Gerd Ueberschär (Hrsg.), Der 20. Juli. Das "andere Deutschland" in der Vergangenheitspolitik, Berlin 1998.
4.
Vgl. Hans Mommsen, Die Stellung des Militäropposition im Rahmen der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler, in: Thomas Vogel (Hrsg.), Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933 - 1945, Bonn 2002, S. 41 f.; vgl. auch die erste Ausgabe dieses Bandes: Annedore Leber/Willy Brandt/Karl-Dietrich Bracher (Hrsg.), Das Gewissen steht auf, Frankfurt/M. 1956.
5.
Vgl. Hermann Wentker, Gewissen im Vernichtungskrieg. Der nationalkonservative Widerstand gegen Hitler verdient eine differenzierte Betrachtung, in: Die Welt vom 15.5. 2004; Peter Steinbach, Der Attentäter. Stauffenberg und die Männer des 20. Juli 1944 kann man nur aus ihrer Zeit heraus verstehen, in: Die Welt vom 25.2. 2004.
6.
Vgl. Peter Steinbach, Widerstandsforschung im politischen Spannungsfeld, in: ders./Johannes Tuchel (Hrsg.), Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Bonn 1994, S. 597.
7.
Vgl. Gerd R. Ueberschär, "Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen ...". Die Sorge der Hitlergegner um das Bild vom deutschen Widerstand im Ausland, in: ders. (Hrsg.), Der deutsche Widerstand gegen Hitler. Wahrnehmung und Wertung in Europa und den USA, Darmstadt 2002, S. 13 - 21.