Bayern-Fahne mit blau-weißen Rauten

14.12.2018 | Von:
Marita Krauss

Kleine Geschichte Bayerns

Der Blick von außen auf Bayern ist oft getränkt von Klischees. Diese sind nicht zuletzt ein Produkt erfolgreicher weltweiter Fremdenverkehrswerbung, die seit mehr als 100 Jahren mit Bier und Bergen, mit malerischer Landschaft und schuhplattlnden Eingeborenen, mit Trachten und Volksmusik, mit Ganghofer-Romantik und den gebauten Träumen Ludwigs II. gute Geschäfte macht. Vieles ist keineswegs falsch: Ja, die Landschaft ist grandios, die Schlösser Ludwigs II. erfüllen Märchenträume, die Städte sind sehenswert, die Einwohner zahlenden Fremden gegenüber professionell tolerant. Für die Touristen findet der Almabtrieb in den Bergen gegebenenfalls mehrfach statt, bunte Abende bieten auch Trachten und Volksmusik und Schuhplattln. Aber ist das Bayern?

Natürlich nicht. Bayern ist schon längst das wichtigste Geberland im Länderfinanzausgleich, und im "World University Ranking" stehen die beiden Münchner Universitäten unter den Top 50. Bayern wächst, und es leben hier dank der guten Arbeitsmarktsituation immer mehr Menschen, die nicht aus Bayern stammen. München, Nürnberg und Augsburg sind prosperierende und seit dem 19. Jahrhundert schnell wachsende Großstädte, die durch ein differenziertes Spektrum an Unternehmen – und keineswegs nur durch die Brauindustrie – zu Motoren der Wirtschaftsentwicklung wurden. München glänzt als südliche Medienhauptstadt wie als Versicherungsmetropole, und es gibt in vielen Regionen Unternehmen, die in ihrer Nische Weltmarktführer sind.

Wie lassen sich solche Widersprüche zwischen Außenwahrnehmung und Realität erklären? Gibt es Traditionslinien in der Geschichte, die hierzu Aufschluss geben können?[1]

Mächtig, aber nicht mächtig genug

Ein Topos begleitet die Geschichte großer bayerischer Herrschergestalten bis heute und wurde ein Teil bayerischer Geschichtsdeutung, ja sogar bayerischer Politik: Ein bayerischer Herrscher muss vor einem mächtigeren Gegenspieler kapitulieren, und Bayern büßt seine Eigenständigkeit ein.

Ein erstes Beispiel dafür ist der unglückliche Agilolfinger Herzog Tassilo III. im 8. Jahrhundert, der von seinem Vetter Karl dem Großen abgesetzt und mit seiner Familie zu Klosterhaft verurteilt wurde. Tassilos große Klosterstiftung im heute österreichischen Kremsmünster ebenso wie der gewaltige Virgil-Dom in Salzburg zeigen seine damals königsgleiche Stellung: St. Virgil war sogar größer konzipiert als die Grablege der Merowinger- und Karolingerkönige in Saint Denis bei Paris. Doch dieses architektonische Auftrumpfen half ihm letztlich nichts gegen Karl, den Gründer des karolingischen Großreiches, zu dem Bayern seitdem gehörte.

Im 12. Jahrhundert erging es dem Welfen Heinrich dem Löwen, dem Gründer Münchens und Landsbergs am Lech, nur graduell besser. Er war Herzog in Bayern und zeitweise Vizekönig seines Vetters Kaiser Friedrich Barbarossa, galt als selbstsüchtig und übermütig, aber auch als weitblickend und kühn. Er stellte unerfüllbare Bedingungen für seine Beteiligung am Krieg Barbarossas gegen den oberitalienischen Städtebund, zog nicht mit nach Italien, und Barbarossa erlitt eine schwere Niederlage. Nach seiner Rückkehr rechnete Barbarossa mit Heinrich ab, der in zwei spektakulären Prozessen verurteilt wurde und zu seinem Schwiegervater, König Heinrich II., nach England emigrieren musste. Sein Sturz 1180 war der Beginn der über 700 Jahre währenden Herrschaft der Wittelsbacher in Bayern, belehnte doch Barbarossa seinen treuen Gefolgsmann Otto von Wittelsbach mit der bayerischen Herzogswürde.

Eine dritte derartige Herrscherfigur ist der Wittelsbacher Kurfürst Max Emanuel, der Bayern ab 1680 regierte. Er war ehrgeizig und ambitioniert, als Sieger über die Türken vor Wien und entscheidender Mitkämpfer bei der Eroberung der Festung Belgrad ein gefeierter Kriegsheld. Als Lohn erhielt er vom Habsburger Kaiser unter anderem die Generalstatthalterschaft der Spanischen Niederlande. Er residierte prachtvoll im reichen Brüssel, wo er große Kunstschätze erwarb, die bis heute die Alte Pinakothek in München zieren. Gerne hätte er Bayern gegen den Besitz der Spanischen Niederlande eingetauscht, wollte er doch ganz oben mitspielen. Seine Großmachtträume zerschlugen sich aber, als sein siebenjähriger Sohn starb, der Erbe der Krone Spaniens hätte werden können. Max Emanuel kämpfte nun im Spanischen Erbfolgekrieg an der Seite Frankreichs weiter. Bei Höchstädt erlitt er eine katastrophale Niederlage gegen John Churchill, Herzog von Marlborough, und verlor Heer und Land. Die Reichsacht wurde über ihn verhängt. Auch in Brüssel konnte er sich nicht halten, und er lebte bis zum Ende des Krieges als französischer Staatspensionär in beengten Verhältnissen. Der fürstliche Bankrotteur kehrte erst 1715 in sein durch österreichische Besatzung und hohe Schulden bedrücktes Bayern zurück.

In diese Traditionslinie ließe sich im 19. Jahrhundert. Auch König Ludwig II. von Bayern stellen, dessen Träume von königlicher Macht jedoch von Beginn an nicht mit militärischer Stärke unterfüttert waren. Bayerns Niederlage an der Seite Österreichs im Deutschen Krieg von 1866 war die Vorstufe dessen, was 1871 mit der Gründung des Deutschen Reiches nach dem gemeinsam gewonnenen Krieg gegen Frankreich vollzogen wurde: Bayern, das 1806 von Napoleons Gnaden zum Königreich geworden war, behielt zwar einige Reservatrechte, wurde jedoch Teil des Deutschen Reiches unter preußischer Führung. Ludwig II. zog sich immer mehr in die Traumwelten seiner Schlösser zurück. Längst waren in Bayern die Schulden eines Königs nicht mehr die Schulden seines Landes, und fast wären daher seine Schlösser noch unter den Hammer gekommen. Doch seine Entmündigung und sein Tod im Starnberger See 1886 verhinderten ein so peinliches und zutiefst bürgerliches Verfahren. Die Wittelsbacher Herrscherfamilie bezahlte die Schulden, und lachender Erbe war nach 1918 der bayerische Freistaat, der heute durch den Besucheransturm ein Vielfaches der Bausumme eingenommen hat.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, nach Revolution, Räterepubliken und dem blutigen Bürgerkrieg infolge ihrer Niederschlagung war es Gustav von Kahr, der als Ministerpräsident Bayern zur "Ordnungszelle" der jungen Weimarer Republik machen wollte. Bayern führte Grenzkontrollen zum übrigen Reichsgebiet ein, baute eine Ersatzarmee auf, ignorierte Haftbefehle aus Berlin und bot den steckbrieflich gesuchten rechtsgerichteten Kapp-Putschisten sicheren Aufenthalt. Kahr wagte in seiner Zeit als Generalstaatskommissar 1923 keinen Putsch, da ihn die Reichswehr nicht unterstützt hätte, und schlug Hitlers Putschversuch vom November 1923 nieder. Dennoch musste er 1924 zurücktreten: Er hatte sowohl innerhalb Bayerns als auch im Verhältnis zu Berlin den Bogen überspannt. Hitler eroberte die Macht dann nicht von Bayern aus, sondern über Berlin, und degradierte die Länder zu reinen Verwaltungseinheiten. Die Auszeichnung Münchens mit dem NS-Ehrentitel "Hauptstadt der Bewegung" kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Macht in Berlin konzentriert war. 1934 ermordeten die Nationalsozialisten Gustav von Kahr im Zuge der Röhm-Affäre.

Es ließe sich diskutieren, inwiefern Politiker wie die CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß oder Horst Seehofer in der Traditionslinie solcher mächtigen, aber letztlich scheiternden Bayern zu sehen sind: Sie trumpfen auf, fordern die Zentrale heraus, betonen Bayerns Eigenständigkeit und Machtanspruch. Doch letztlich gelingt es ihnen nicht, sich gegenüber den Größeren und Mächtigeren durchzusetzen.

Es gab natürlich auch einen ganz anderen bayerischen Herrschertypus. Exemplarisch dafür ist Kurfürst Maximilian I., eine zentrale Figur der Katholischen Liga im Dreißigjährigen Krieg, ein leidenschaftlicher Politiker, der als Reorganisator die bayerischen Finanzen in Ordnung brachte, dessen Armee die Schlacht am Weißen Berg bei Prag 1620 mitentschied und der Bayern in die große europäische Politik führte. Zu nennen ist auch König Ludwig I., dem es als begeistertem "Philhellenen" gelang, seinen Sohn Otto 1832 zum König von Griechenland erhoben zu sehen, der aber dann in klarer Erkenntnis der bayerischen Möglichkeiten darauf setzte, Bayern und München durch Architektur und Kunst groß zu machen. Im Gegensatz zu den preußischen Königen, für die das Militär immer eine herausragende Rolle spielte, frönten auch andere bayerische Herrscher lieber der Baulust. Das half zwar nicht, Schlachten zu gewinnen, war aber für Bayern sicher der langfristig bessere Weg zur internationalen Sichtbarkeit.

Fußnoten

1.
Für weiterführende Literatur und genaue Nachweise vgl. Marita Krauss (Hrsg.), Die bayerischen Kommerzienräte, München 2016; dies., Die königlich bayerischen Hoflieferanten, München 2008; dies./Ulrich Niggemann, Migration und Minderheiten in Mittelalter und Neuzeit: Bayern, Franken und Schwaben/Brandenburg, in: Werner Freitag et al. (Hrsg.), Handbuch Landesgeschichte, München 2018, S. 407–441; dies., Herrschaftspraxis in Bayern und Preußen im 19. Jahrhundert, Frankfurt/M.–New York 1997; dies. (Hrsg.), Integrationen. Vertriebene in den deutschen Ländern nach 1945, Göttingen 2008; Winfried Nerdinger et al. (Hrsg.), München und der Nationalsozialismus, München 2015; Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800–1866, München 1994; Friedrich Prinz, Geschichte Bayerns, München–Zürich 1997; Eberhard Weis, Montgelas, Bd. 2, München 2005; Peter Wolf et al. (Hrsg.), Götterdämmerung. König Ludwig II. und seine Zeit, 2 Bde., Augsburg 2011.
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Autor: Marita Krauss für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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