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24.6.2004 | Von:
Eberhard Görner

Der 20. Juli 1944 im deutschen Film

Erste filmische Versuche

In seiner 1944 im Exil in der Schweiz geschriebenen Erzählung "Der Leutnant Yorck von Wartenburg" (durch eine Novelle von Ambrose Bierce inspiriert) lässt der Schriftsteller Stephan Hermlin die zwischen Leben und Tod träumende Titelfigur sagen: "Ich habe diese Diktatur verachtet, Anna, jetzt hasse ich sie." Das ist ein Schlüsselsatz für die Problematik, der sich alle filmischen Versuche in der Bundesrepublik wie in der DDR und im wieder vereinigten Deutschland, dem Thema gerecht zu werden, stellen müssen. Hinter dieser Erkenntnis des Yorck von Wartenburg steht die Frage: Wo verläuft die Linie zwischen Zustimmung und Anpassung? Wann beginnt Verachtung, bis hin zum Hass, gegenüber einem Regime, auf das nicht wenige in Europa bis zum 1. September 1939 mit kaum verhohlener Bewunderung geschaut hatten, obwohl, wenn sie genau hingesehen und hingehört hätten, das Knirschen neuer Panzerketten und der auf dem Asphalt Unter den Linden explodierende Stechschritt einer immer aggressiveren Wehrmacht nicht zu überhören waren.

Es gibt im deutschen Kino, Ost wie West, nur wenige Spielfilme, die sich mit dem deutschen Widerstand auseinander gesetzt haben. Das Wort "Widerstand" taucht im 5. Band des Deutschen Sprichwörterlexikons von 1880, herausgegeben von Karl Friedrich Wilhelm Wander, interessanterweise nur einmal auf und wird so ausgelegt: "Je mehr Widerstand, um so mehr Fortgang." Vor dem "Widerstand" kommt das "Widersprechen", ein Wort oder besser eine Haltung, die Wander aus dem Französischen übersetzt mit dem bemerkenswerten Satz: "Wer nicht widerspricht, stimmt zu."[5]

Der Widerstand des 20. Juli 1944 war der neu gegründeten Bundesrepublik über viele Jahre suspekt, weil vielen nach der totalen Kapitulation der Gedanke "Widerstand gleich Verrat" näher lag. Hitler war nach der Niederlage des "Dritten Reiches" und seinem Selbstmord noch lange nicht tot. Die Langzeitwirkung seiner Worte hatte er genau berechnet, auch die, welche er nach dem missglückten Attentat persönlich ins Mikrofon des Reichsrundfunks sprach: "Es ist ein ganz kleiner Klüngel verbrecherischer Elemente, die jetzt unbarmherzig ausgerottet werden!"

In seiner bereits erwähnten Rede vom 26. Juli 1944 im Großdeutschen Rundfunk, die von 20.15 bis 21 Uhr von allen Sendern übertragen wurde und am 27. Juli, leicht überarbeitet, im "Völkischen Beobachter" abgedruckt wurde, beschwor Goebbels das deutsche Volk, sich hinter den "Führer" zu stellen, denn er wusste wohl, dass der von Hitler denunzierte, "ganz kleine Klüngel verbrecherischer Elemente" etwas ganz anderes war, nämlich die Spitze einer Widerstandsbewegung, in der alle Schichten vertreten waren: Arbeiter, Bauern, Intellektuelle, Künstler, Aristokraten, Vertreter des Großbürgertums, Wissenschaftler, Pfarrer, Bischöfe, Priester, Soldaten, Offiziere, Generäle, Wirtschaftsführer, Geheimdienstler, Kommunisten, Gewerkschaftler und Sozialdemokraten. Sie alle waren bereit, ihr Leben zu geben, um Deutschland und Europa vor einer politischen Verbrecherbande und ihren Welteroberungsplänen zu retten. Claus Schenk Graf von Stauffenberg steht für diese Gruppe: Die Widerspiegelung seiner Tat und seiner Zeit als "Aufstand des Gewissens" im deutschen Film ist deshalb nicht nur von filmpolitischem Interesse.

Das Thema "Widerstand und Antifaschismus" war in der DDR Staatsdoktrin, allerdings auf einem historisch schmalen Grat. Es ging vor allem um den kommunistischen Widerstand, in dem sich die wichtigsten Mitglieder der Partei- und Staatsführung ihre Biographien bestätigen und politisch legitimieren ließen. Der sozialdemokratische Widerstand fand immerhin Erwähnung; das Thema "Graf Stauffenberg und der 20. Juli 1944" stand bis 1981 nicht zur Debatte - jedenfalls nicht im Kino und auch nicht im Fernsehen.

Hingegen gab es in der Bundesrepublik bereits 1955 eine erste künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema. In "Es geschah am 20. Juli" (Regie: G.W. Pabst) besetzte der 36 Jahre alte Bernhard Wicki die Rolle des Stauffenberg. Im "Lexikon des Internationalen Films" heißt es dazu: "G.W. Pabst rekonstruiert das Geschehen chronologisch und minutiös, bis zur standrechtlichen Erschießung des Obersten, zeigt sich dabei redlich um historische Genauigkeit bemüht, verliert über den vielen äußeren Details aber die vielfältigen Anliegen der Widerstandsbewegung, vor allem die mit dem Attentat verbundenen Gewissenskonflikte, aus den Augen. Die Geschichte des fehlgeschlagenen Attentats wurde zur gleichen Zeit auch von Dr. Falk Harnack, selbst Mitglied des deutschen Widerstandes, filmisch nacherzählt. Der Vergleich beider Filme durch die Kritik fiel überwiegend zugunsten Harnacks aus."[6]

In seiner Biographie "Jenseits der Brücke. Bernhard Wicki - Ein Leben für den Film", schreibt Richard Blank: "Filme, die sich kritisch mit der Nazizeit und dem Krieg auseinander setzten, kamen beim Publikum nicht recht an. Weder Laslo Benedeks "Kinder, Mütter und ein General" (1954) noch Georg Wilhelm Pabsts 'Es geschah am 20. Juli' (1955) hatten ein großes Publikum." Wicki zog daraus seine künstlerische Konsequenz, indem er fortan selbst Regie führte und 1959 mit dem Antikriegsfilm "Die Brücke" ein Werk schuf, das inzwischen zur Filmklassik gehört. "Ein Film ist kein Essay zur Verbesserung der Menschheit und keine moralische Veranstaltung. Der Autor des Films, also der, der den Stoff und die Machart des Films bestimmt, folgt seinem inneren Material, das er möglichst stimmig nach außen bringt, in Bilder und Dialoge umsetzt. Erst im Abstand kann er, wenn nötig, seinen Film von außen betrachten und zu rationalen Erklärungen ansetzen."[7]

Während G.W. Pabst "Es geschah am 20. Juli" drehte, verfilmte Kurt Maetzig in den Babelsberger Studios der DEFA das zweiteilige Epos "Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse" und "Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse." Schon 1949 war bei der DEFA die Idee entstanden, den von den Nationalsozialisten im KZ Buchenwald ermordeten einstigen Vorsitzenden der KPD mit einem biographischen Film zu ehren. Maetzig, ein Schüler von Wolfgang Staudte, wäre heute um ein großes Filmwerk reicher, wenn ihm die DEFA einen Film über Stauffenberg angeboten hätte. Aber merkwürdigerweise spielte diese Problematik, die doch so nahe lag - 1954 hätte die DEFA mit einem solchen Film nach zehn Jahren das Attentat auf Hitler als "einen Aufstand mutiger Männer, die hofften, dass sich ihnen das deutsche Volk anschließen wird", ehren können -, nie eine Rolle.

Rudolf Jürschik, Chefdramaturg der DEFA von 1977 bis 1990, weiß zu berichten, dass das Thema 20. Juli 1944 auch zu seiner Zeit nicht zur Debatte stand. "Es gab Überlegungen", erinnert er sich, "mit einem sowjetischen Autor einen Film über General Paulus zu produzieren. Es gab auch den Vorschlag, im Sinne der Preußen-Welle, einen Film über Friedrich den Großen zu drehen. Über diese Linie wäre sicher das Umfeld 'Ethos des preußischen Offiziers' berührt worden, bis hin zum Nationalkomitee Freies Deutschland, aber das Thema '20. Juli 1944' war kein Schwerpunkt, wohl auch deshalb, weil wir Sorgen hatten, daß wir damit keine Zuschauer erreichen."[8]

Zwischen 1970 und 1990 bestand das Kinopublikum der DDR zu rund 90 Prozent aus Zuschauern zwischen 14 und 24 Jahren - eine Generation, die zu den Jahren 1933 bis 1945 keine Beziehung hatte. 1971 verfilmte Horst Brandt nach einem Buch von Wera und Klaus Küchenmeister "KLK an PTX - Die Rote Kapelle". Der Film nahm eine Verlagerung der Fakten und Emotionen vor und stellte die besondere Rolle der Kommunisten im Widerstand heraus. Er wurde aber auf der Leinwand kein Erfolg, was zu einer Absprache zwischen dem ZK der SED und dem Kulturministerium der DDR führte, die Thematik nicht noch einmal anzugehen.


Fußnoten

5.
Deutsches Sprichwörterlexikon, hrsg. von K. F. Wander, Bd. 5, Leipzig 1880, S. 223.
6.
Lexikon des Internationalen Films, Frankfurt/M. 2002, S. 809.
7.
Richard Blank, Jenseits der Brücke. Bernhard Wicki - Ein Leben für den Film, München 1999, S. 107.
8.
Rudolf Jürschik im Gespräch mit Eberhard Görner, Berlin, 16.5. 2004.