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24.6.2004 | Von:
Eberhard Görner

Der 20. Juli 1944 im deutschen Film

Bestandsaufnahme und Defizite

Am 19. Juli 1990 strahlte der Deutsche Fernsehfunk (DFF) der untergehenden DDR die Sendung "Briefe an Freya" aus. Auf Einladung des DFF las Gräfin von Moltke in den Kammerspielen des Deutschen Theaters die Briefe ihres Mannes Helmuth James von Moltke, die er vor seiner Hinrichtung als antifaschistischer Widerstandskämpfer, "als Verschwörer im Geist, als aristokratischer Citoyen und religiöser Weltbürger" an sie geschrieben hatte. Die Aufzeichnung des DFF stellt ein einmaliges Dokument dar, denn Freya von Moltke hatte diese Briefe niemals zuvor vor Publikum gelesen und kommentiert. Es war eine Ausnahme, zu der sie sich auf Grund der Veränderungen in Deutschland gegenüber den Menschen in der DDR verpflichtet fühlte, ein Ausdruck ihrer Verbundenheit, aber auch ein Ausblick auf eine Zukunft, in der die deutschen und europäischen Visionen ihres Mannes Realität werden könnten.

Freya von Moltke ergänzte die Lesung der Briefe durch sehr persönliche, zeitgenössische Kommentierungen. Sie wurde musikalisch begleitet durch ihre Schwägerin, die amerikanische Pianistin Veronica Jochum von Moltke. Mit dieser Fernsehsendung machte eine Zeugin unseres Jahrhunderts die Erinnerungen an den 20. Juli 1944 zur lebendigen Hoffnung auf eine europäisch geprägte Erneuerung in ganz Deutschland, getragen von adliger Gesinnung, christlicher Ethik und demokratischer Verantwortung.

Der Umgang mit dem 20. Juli 1944 ist für das politische Ethos des wieder vereinten Deutschlands und für sein Geschichtsverständnis von kaum zu überschätzender Bedeutung. Nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten wurden die Defizite deutlich, die das Thema widerspiegelt. Noch in der alten Bundesrepublik war zwar der erschütternde Spielfilm "Die Weiße Rose" (1982) von Michael Verhoeven und Mario Krebs entstanden, aber es gab keine filmische Bearbeitung des Lebens von Helmuth James Graf von Moltke, den geistigen Kopf des Kreisauer Kreises. Immerhin entstand 1999 der von der Berliner Neue Filmproduktion in Co-Produktion mit dem kanadischen Fernsehen hergestellte, beeindruckende Kinofilm "Bonhoeffer" mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle. Aber es gibt nach wie vor keinen Film über Bernhard Lichtenberg, den Domprobst an der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin. Es wurde auch noch kein Spielfilm gedreht über den Heldenmut der Frauen, die an der Seite ihrer Männer entscheidend dazu beitrugen, dass diese die Kraft zu ihrer Tat fanden, ich denke an Freya von Moltke, Barbara von Haeften, Clarita von Trott zu Solz, Charlotte von der Schulenburg, Marion Gräfin Yorck von Wartenburg, Annedore Leber, Rosemarie Reichwein, um nur einige zu nennen.

Ohne das unermüdliche Wirken Freya von Moltkes gäbe es die Internationale Jugendbegegnungsstätte Krzyzowa/Kreisau in Polen nicht. Der Wert filmischer Dokumentationen wie "Kreisau - Krzyzowa: vom Widerstand zum Dialog", 1996 im Auftrag des ORB entstanden, der den gemeinsamen Aufbau von Schloss Kreisau durch Polen und Deutsche festhält, zeigt sich heute. Anlässlich der Einweihung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Krzyzowa durch Bundeskanzler Helmut Kohl und Polens Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki im Jahre 1997 produzierte der Bayerische Rundfunk den Dokumentarfilm "Freya von Moltke - Von Kreisau nach Krzyzowa". Beide Dokumentationen erreichten in der ARD Tausende von Zuschauern und halfen mit, das Thema "20. Juli 1944" im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten.

In diesem Film geben Rosemarie Reichwein, Barbara von Haeften und Clarita von Trott zu Solz Auskunft über ihren Beistand für ihre Männer, die zum großen, geistig entscheidenden Kreis des Widerstandes gegen Hitler gehörten. Clarita von Trott zu Solz, die nach dem Attentat in Berlin inhaftiert wurde, beschreibt in ihren "Erinnerungen an Harald Poelchau" eine andere mutige Frau, Reinhild von Hardenberg. Ihr Verlobter war Werner von Haeften. "Auf dem Gefängnishof ging vor mir", erinnert sich Clarita von Trott zu Solz, "Reinhild von Hardenberg, deren Vater, Graf von Hardenberg, sich zu erschießen versuchte, als er abgeholt wurde. Er hat den Krieg im Krankenhaus überstanden. Reinhild war ein junges, zwanzigjähriges Mädchen, die die Zelle neben mir bewohnte und mit der ich große Freundschaft schloß."

Der DFF strahlte am 18. Juli 1990 den 55-minütigen Dokumentarfilm von Kurt Seehafer über Carl Hans Graf von Hardenberg aus: "Auch er wollte Hitler stürzen." Bis zu jenem Zeitpunkt gab es in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin (West) kein Porträt dieses Mannes, dessen zukünftiger Schwiegersohn, Werner von Haeften, zusammen mit Stauffenberg die Bombe im Führerhauptquartier Rastenburg zündete. Seehafer beschreibt, wie es zu diesem Film kam: "Seit langem ist es Ehrgeiz der Fernsehpublizistik, die mutigen Männer und Frauen des deutschen Widerstandes, insbesondere des 20. Juli 1944, ins rechte Licht zu setzen. Persönlichkeiten wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Friedrich Olbricht, Henning von Tresckow, Helmuth James Graf von Moltke, Peter Graf Yorck von Wartenburg und Adolf Reichwein wurden inzwischen filmisch gewürdigt. Wenigstens zwei Jahre lang trage ich mich mit dem Gedanken, einen Dokumentarfilm über Carl Hans Graf von Hardenberg zu machen. (...)

Carl Hans Graf von Hardenberg war ein Preuße reinen Blutes, seit 1921 als Standesherr in Neuhardenberg (jetzt Marxwalde, Kreis Seelow) mit über 7000 ha einer der mächtigsten Großgrundbesitzer des Landes Brandenburg (...). Wir haben viel gesucht und manches Einmalige gefunden: neben bisher unveröffentlichten Fotos und anderen Dokumenten in Privatbesitz das Original autobiographischer Notizen des Grafen im Zusammenhang mit dem 20. Juli, geschrieben Sylvester 1945. (...) Zu einer Verhandlung vor dem so genannten Volksgerichtshof ist es wegen des Vormarschs der Roten Armee nicht mehr gekommen. Carl Hans Graf von Hardenberg wurde zweimal enteignet: im September 1944 durch die Gestapo, im September 1945 durch die Bodenreform in der Provinz Mark Brandenburg. Aber: Er war ein Mann des 20. Juli."[15]

Kurt Seehafer und der Regisseur Jürgen Eike erlebten am 20. Juli 2003 gemeinsam mit Reinhild von Hardenberg und anderen Zeitzeugen und Gästen im Großen Saal der Stiftung Schloss Neuhardenberg die Premiere des 60-minütigen Dokumentarfilms "Der Junker und der Kommunist" von Ilona Ziok, in dem anhand der Biografie von Carl Hans Graf von Hardenberg das Drama deutscher Geschichte zwischen 1933 und 1945 beleuchtet wird. Namen erzählen viel: Marxwalde heißt heute wieder Neuhardenberg.

Es gereicht der ARD zur Ehre, dass sie am 25. Februar 2004 den mit großem Aufwand von Autor und Regisseur Jo Baier gedrehten Fernsehfilm "Stauffenberg", in der Hauptrolle der kraftvoll spielende Sebastian Koch, gesendet hat. Der Intendant des SWR, Peter Voß, fasste zusammen, warum die ARD sich dieses Themas angenommen hat: "Das Besondere des Fernsehfilms 'Stauffenberg' liegt darin, dass er Geschehnisse nacherzählt, die dramatischer und tragischer nicht erfunden werden könnten. Für uns, die wir mehrheitlich in verlässlichen demokratischen Zusammenhängen leben, ist der Konflikt, in dem die Männer des Aufstands vom 20. Juli unentrinnbar steckten, schier unvorstellbar: sich selbst aufgeben, um der Gemeinschaft eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Heldenmut und Opferbereitschaft sind keine pathetischen Vokabeln - auch daran erinnert der Film 'Stauffenberg'. Im Geschichtenerzählen Werte vermitteln, im Nachbilden das Vergangene in die Zukunft retten: Es gibt historische Ereignisse, die nicht vergessen werden dürfen, weil sich in ihnen Momente unseres ethischen Selbstverständnisses erhalten. Dass es gelingt, solche Momente für eine breite Öffentlichkeit im Fernsehen erfahrbar zu machen, zeichnet 'Stauffenberg' aus und kann alle, die an der Herstellung des Filmes beteiligt waren, mit Stolz erfüllen."[16]

Filme, das weiß jeder, ob Autor oder Regisseur, der sich diesem künstlerischen Medium verschrieben hat, brauchen einen langen Atem. Es ist schwer zu verstehen, dass sowohl der WDR wie auch der BR, ORB und SFB 2004 dem Vorschlag, anlässlich des 60. Jahrestages des 20. Juli 1944 einen Film über "Die Enkel des 20. Juli 1944" zu produzieren, eine Absage erteilten. Die Begründung lautete, dass die ARD sich für den Schwerpunkt "Militärischer Widerstand" entschieden habe. Dagegen ist nichts zu sagen, aber von Interesse wäre es schon, in einer Dokumentation zu erfahren, dass die wenigsten "Enkel" noch in Deutschland leben: eine Elite, die ihr Wissen und Können den USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Italien, Hongkong, Lateinamerika und Afrika zur Verfügung stellt. Ihre Eltern hatten Deutschland bald nach 1945 den Rücken gekehrt, weil sie seiner Fähigkeit, sich demokratisch zu erneuern, misstrauten.

Auf einer Tagung der "Stiftung 20. Juli 1944" in Kreisau/Krzyzowa 2003 zum Thema "Peter Yorck von Wartenburg" war ich mit meinem Film "Der Leutnant Yorck von Wartenburg" in Anwesenheit von Freya von Moltke eingeladen. Ich traf Felicitas von Aretin, eine Enkelin von Henning von Tresckow, und erzählte ihr von meinem "Enkel-Film-Projekt". Sie schlug vor, ihr Buchprojekt zur Grundlage zu nehmen; es finde sich aber kein Verlag, der Interesse zeige. Da konnte ich helfen. Nach der Wende gründete Elmar Faber, bis 1990 Direktor des Aufbau-Verlages und des Verlages Rütten & Loening, in Leipzig den Verlag Faber & Faber. In der DDR wurden auch die Erzählungen von Stephan Hermlin bei Aufbau verlegt. Wir fuhren nach Leipzig, und das Gespräch verlief positiv.

Wie kommentierte Willy Brandt am 10. November 1989 den Mauerfall? "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört." Leicht verändert lautet seine These: "Jetzt wächst zusammen, was zusammen wachsen will." Das trifft im Besonderen auf die Auseinandersetzung mit dem 20. Juli 1944 zu.


Fußnoten

15.
DFF-Programmheft Nr. 29 vom 14./20.7. 1990.
16.
ARD-Programmheft "Stauffenberg", Erstes Deutsches Fernsehen (ARD), Hamburg 2004.