APUZ Dossier Bild

28.5.2004 | Von:
Matthias Kettner

Forschungsfreiheit und Menschenwürde am Beispiel der Stammzellforschung

Die Stammzellforschung bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der Forderung nach einer Ethik des Heilens und einer Ethik des Forschens. Zwischen diesen beiden Ansprüchen muss eine verantwortungsbewusste Güterabwägung stattfinden.

Traumhafte Medizin

Die öffentliche Debatte über moralische Probleme der Biomedizin konzentriert sich in Deutschland bisher auf zwei Gebiete: Embryonen verbrauchende Forschung und Präimplantationsdiagnostik.[1] Die molekulargenetisch revolutionierte Zellbiologie wird aber in vielen Feldern unser Gesundheitswesen verändern. Schon jetzt zeichnen sich im Licht der im Juni 2000 fertig gestellten Entschlüsselung des menschlichen Genoms einige "heiße" Bereiche eines erhofften, schnellen und dramatischen Wandels ab:


- Im Feld der medizinischen Tests wird mit rasanten Fortschritten genetisch basierter Diagnostik gerechnet, besonders in Form von Genchips.

- Ein weiteres Feld ist die gen-biotechnische Arzneimittel-Entwicklung, die zu individualisierten Heilmitteln führen soll.

- Wenn Menschen unter Bedingungen optimaler medizinischer Versorgung ihre natürliche Lebensspanne bei bester Gesundheit durchmessen könnten, wie lange wäre diese Lebensspanne? Hier öffnet sich das dritte Feld, die Lebensverlängerung.

- Versprochen wird auch die gezielte Veränderung der menschlichen Keimbahn, also die Intervention in das Genom zukünftiger Generationen.

- Noch mehr Aufregung zieht ein fünftes Feld auf sich, die Zelltherapie oder gewebe-regenerierende Medizin. Deren therapeutisches Ziel ist es, den Körper sozusagen mit Teilen aus seinem eigenen Werkzeugkasten zu heilen, neue Gewebe, am Ende sogar vollständige Organe zu züchten, um diejenigen zu ersetzen, die vom Alter geschwächt oder von Krankheit angegriffen sind.

Dies ist das wichtigste Terrain der hochfliegenden Pläne der Stammzellforschung (SZF). Die Forscher hoffen, die totale Formbarkeit von Zellen zu erreichen oder mit Hilfe natürlicher Kontrollsignale steuern ("reprogrammieren") zu können. Während die herkömmliche Medizin häufig Patienten zwar in die Lage versetzt, trotz Gewebsschädigungen zu überleben, aber keine Hoffnung auf Heilung gewährt, planen die Befürworter der regenerativen Medizin je nach Bedarf die Züchtung von neuem, jugendlichem Gewebe, nach Möglichkeit aus den eigenen Stammzellen (SZ) der Patienten, und stellen eine völlige Gesundung auch bei Krankheiten, die heute noch als unheilbar gelten, in Aussicht.


Fußnoten

1.
Vgl. Sigrid Graumann, Die Gen-Kontroverse. Grundpositionen, Freiburg i. Br. 2001.