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30.4.2004 | Von:
Elisabeth Schlemmer

Familienbiografien und Schulerfolg von Kindern

Im Beitrag wird untersucht, wie sich Umbrüche innerhalb der Familie - Trennung/Scheidung, (Wieder-)Verheiratung, Geburt von Halbgeschwistern - auf den Schulerfolg von Kindern auswirken.

Einleitung

Kinder leben und lernen in Familie und Schule. Diese soziale Tatsache wird erst öffentlich kommentiert, wenn der funktionale Zusammenhang bzw. die gesellschaftliche Arbeitsteilung von Familie und Schule nicht mehr im erwarteten Maße gegeben ist - was derzeit der Fall ist. Durch den gesellschaftlichen Wandel der Familie ist das Verhältnis von Familie und Schule zwar historisch nicht zum ersten Mal, aber aktuell mit deutlicher Frontenbildung wieder zur Streitsache geworden. Ein Blick auf empirische Studien über Lehrerurteile zur Familie bestätigt dies.[1] Ist von schwierigen Schülerinnen und Schülern die Rede, dann wird häufig die Familie als Verursacherin bezichtigt. Kinder von erwerbstätigen Müttern, Scheidungskinder, Kinder von Alleinerziehenden und so genannte Stiefkinder gelten aus Lehrersicht als besonders problematisch und auffällig. Umgekehrt stellen Eltern neue Forderungen an die Schule und ihre Erziehungs- und Betreuungsaufgaben, auf welche die Schule eher distanziert reagiert. Die Schule wiederum hat mit ihrer letzten großen Bildungsreform eine enorme Bildungsexpansion angestrebt, die jedoch nicht erst seit Vorliegen der Ergebnisse der PISA-Studie dahingehend kritisiert wird, dass sie ihr Ziel, Chancengleichheit für Kinder unterschiedlicher familialer Herkunft zu schaffen, nur partiell erreicht hat. Die Schulkinder geraten unter den Bedingungen des familialen und bildungspolitischen Wandels schnell zwischen die Fronten der Interessen von Familie und Schule. Sie haben sowohl Veränderungen der Familie als auch diejenigen der Schule zu balancieren.


Ich nehme den familialen Wandel in meinen weiteren Ausführungen in den Blick und frage nach der Auswirkung auf den Schulerfolg von Kindern.

Zur Analyse der Frage stelle ich empirische Ergebnisse aus der Bamberger Längsschnittstudie "Familienänderung und Schulerfolg" vor.[2] Erhoben wurden

- 1996 in einer ersten Welle Daten zu 910 Schulkindern aus der zweiten und vierten Jahrgangsstufe, d.h., die Kinder waren im Alter von ca. acht bis zehn Jahren, und

- 1998 in einer zweiten Welle Daten zu denselben Schulkindern, die nun in der vierten und sechsten Jahrgangsstufe bzw. zehn bis zwölf Jahre alt waren (im Falle von Wiederholern wurden auch die Jahrgangsstufen drei und fünf einbezogen).

Es wurden sowohl in der ersten als auch in der zweiten Welle jeweils die Daten der gesamten Klasse erhoben. Die zweite Welle fand statt, nachdem die Schüler/innen der vierten Jahrgangsstufe (aus der ersten Welle) von der Grundschule in dieweiterführenden Schulen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) übergetreten waren. Die neue Klasse, in die die übergetretenen Schüler/innen eingeschult wurden, wurde ebenfalls mit in die Studie aufgenommen (das Sample vergrößerte sich dadurch auf N = 3072). Mit dieser Erhebungsweise soll gewährleistet werden, dass der biografische Weg dieser Schulkinder in allen Schularten gesichert nachvollzogen werden kann und Schuleffekte angemessen kontrolliert werden können. Befragt wurden Eltern, Lehrerinnen und Lehrer und die Schülerinnen und Schüler selbst.


Fußnoten

1.
Vgl. Bernd Bossong, Lehrerurteile über Scheidungskinder in der Grundschule: Defizite und Reaktionen, in: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 42 (1995), S. 270 - 277; Rainer Brockmeyer, Schulberichte Deutschland. OECD/CERI - Regionalseminar vom 16. bis 20. Oktober 1995 in Dresden; Ferdinand Eder, Kindheit - Jugend - Schule: Veränderte soziale Bezüge, neue Aufgaben der Schule?, in: Herbert Altrichter/Wilfried Schley/Michael Schratz (Hrsg.), Handbuch der Schulentwicklung, Innsbruck-Wien 1998; Maria Fölling-Albers, Schulkinder heute. Auswirkungen veränderter Kindheit auf Unterricht und Schulleben, Weinheim 1992.
2.
Das Bamberger Projekt "Familienänderung und Schulerfolg" wurde mit Drittmitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Es wird gemeinsam mit Prof. Dr. Dr. h.c. Claus Mühlfeld, Universität Bamberg von der Autorin geleitet.