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23.3.2004 | Von:
Jürgen Kocka

Die Rolle der Stiftungen in der Bürgergesellschaft der Zukunft

II. Abschnitt

Die Zahl der Stiftungen ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten kräftig angestiegen. Die Politik hat das ihre dazu beigetragen. Heute gibt es in Deutschland mit deutlich über 10 000 etwa dreimal so viel Stiftungen wie 1980, aber wohl immer noch deutlich weniger als um 1900. (Dabei rechnet die Statistik die zahlreichen kirchlichen Stiftungen nicht mit.) Vergleicht man die Zahl der Stiftungen pro Kopf der Bevölkerung, rangiert Deutschland weit hinter den USA, aber deutlich vor Ländern wie Frankreich, Italien oder Österreich. Dabei besteht ein West-Ost-Gefälle: Berlin rangiert weit hinter Bremen und Hamburg.[4]

Zweck und Gestalt der Stiftungen variieren sehr. Die eine betreibt Wissenschaftsförderung mit nationalem und internationalem Wirkungskreis, die nächste fördert ein Jugendorchester, eine dritte will etwas für die Bedürftigen einer kleinen Gemeinde tun. Auch die finanziellen Mittel sind sehr unterschiedlich: Das Vermögen reicht von mehr als fünf Milliarden bis zu wenigen zehntausend Euro. Mehr als ein Drittel sind Sozialstiftungen, etwa 19 Prozent konzentrieren sich auf Bildung, 13 Prozent auf die Förderung der Wissenschaft und elf Prozent auf Kunst und Kultur. Der Rest verteilt sich auf andere Zwecke wie Sport, Politik, Umwelt- oder Verbraucherschutz.

Die Institution der Stiftung ist viel älter als Idee und Realität der Bürgergesellschaft. Und nicht alle Institutionen, die heute Stiftung genannt werden, sind bürgergesellschaftliche Institutionen im oben umschriebenen Sinn. Beispielsweise rechnen die rein privaten Zwecken dienenden Familienstiftungen ebensowenig dazu wie Stiftungen, die vor allem öffentliche Mittel verteilen und staatlich oder kommunal dirigiert werden.

Die große Mehrzahl der bestehenden Stiftungen entspricht den definierten Kriterien der Bürgergesellschaft zwischen Staat, Markt und Familie. Es sind selbständige Institutionen, die private Mittel für öffentliche Zwecke bereitstellen, als gemeinnützig anerkannt und meist sehr individuell sind, aber mit überindividuellen Absichten und Wirkungen. Allerdings - und das begrenzt ihren bürgergesellschaftlichen Charakter - agieren die meisten nicht öffentlich, ihre Transparenz ist begrenzt, da ist man in den USA weiter. Trotzdem: Stiftungen sind ein gewichtiger Bestandteil der Bürgergesellschaft, seit und soweit man von einer solchen sprechen kann. Umgekehrt haben die Diktaturen, die der Bürgergesellschaft den Kampf ansagten - so das nationalsozialistische Deutschland und die DDR -, auch den selbständigen Stiftungen das Leben schwer gemacht oder den Boden entzogen.

Die Stiftung basiert auf einem Akt, der über das Leben des Stifters hinauszielt und im Prinzip nicht revidierbar ist. Dieser Akt setzt Ressourcen für einen bestimmten Zweck fest, in der Regel mit der Absicht längerer oder dauernder Wirkung. Garantiert ist diese nicht, aber in aller Regel überlebt die Stiftung den Stifter. Manche der heute existierenden Stiftungen sind älter als 1 000, ca. 20 Prozent älter als hundert Jahre. Die Stiftung bringt also in das oftmals sehr temporäre, auch wenig verbindliche, äußerst fluide bürgerschaftliche Engagement der Vereine, Initiativen und NGOs einen Schuss Nachhaltigkeit ein, eine intergenerationelle Perspektive, ein Stück Zukunft - was zivilgesellschaftliche Aktionen sonst, anders als die intergenerationell strukturierten Institutionen Familie, Staat und Kirche, nicht so leicht hervorbringen. Darin und in ihrer herausragenden finanziellen Kraft sehe ich den besonderen Beitrag der Stiftungen zur Bürgergesellschaft, die ohne sie sehr viel kurzatmiger, ärmer und schwächer wäre.[5]


Fußnoten

4.
Vgl. Rainer Sprengel, Stiftungen und Bürgergesellschaft: Ein empirischer, kritischer Überblick, in: Annette Zimmer/Stefan Nehrlich (Hrsg.), Engagierte Bürgerschaft, Opladen 2000, S. 231 - 245.
5.
Vgl. Elisabeth Kraus, Aus Tradition modern. Zur Geschichte von Stiftungswesen und Mäzenatentum in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, in: Historisches Jahrbuch, 121 (2001), S. 400 - 420.