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11.3.2004 | Von:
Werner A. Meier

Gesellschaftliche Folgen der Medienkonzentration

Konzentrationsfolgen

Auch wenn horizontale, vertikale, diagonale und konglomerate Konzentration unterschiedliche Folgen nach sich zieht, wird hier vereinfachend davon ausgegangen, dass sich die Marktzutrittbarrieren für neue Unternehmen schon durch die Abnahme der Zahl wirtschaftlich unabhängiger Medienunternehmen erhöhen. Auch für bestehende Anbieter werden die Spielräume und Nischen enger, da die Kosten für einen nachhaltigen Marktauftritt steigen und dies die Lancierung neuer Produkte erschwert. Der zahlenmäßige Rückgang eigenständiger Medienunternehmen verhindert in der Regel nicht nur das Entstehen neuer journalistischer Arbeitsplätze. Der Abbau von Redaktionen führt auch dazu, dass zunehmend Jobs verloren gehen. Die unternehmerisch erzwungene Flexibilität der Medienschaffenden hat gleichzeitig eine Homogenisierung journalistischer Arbeitsweisen, Normen und Inhalte zur Folge.

Durch unternehmerische Oligopolisierung wird zudem der - interne und externe - publizistische Qualitäts- und Innovationswettbewerb eingeschränkt. Zugleich nimmt die kritische Kontrolle ab, die ein zentrales Instrument der Selbstregulierung ausmacht. Medienkonzentration schaltet die Selbstreflexion aus; der Ansporn, bessere journalistische Leistungen als die Konkurrenz hervorzubringen, wird geringer.

Die abnehmende Zahl wirtschaftlich unabhängiger Medien bei gleichzeitigem Wachstum der Unternehmen vergrößert allerdings die Einflussmöglichkeiten von Eigentümern und Anteilseignern. Die Einflussnahme kann wirtschaftlich oder politisch begründet sein. Medienbesitz ist verführerisch, da er Macht, Einfluss und Prestige suggeriert und ein erfolgreiches Mittel darstellen kann, um in den gesellschaftlichen Diskurs einzugreifen. Medienbarone zeichnen sich dadurch aus, dass sie die eigenen, meist partikularen wirtschaftlichen sowie gesellschaftspolitisch konservativen Zielsetzungen in den Vordergrund rücken und unternehmerische Strukturen schaffen, welche - intern und extern - die Herausbildung von Medien- und Meinungsvielfalt erschweren. Die selektive Auswahl des Führungspersonals und die forcierte Durchsetzung von Loyalität im Arbeitsalltag führen zu einer durch Medienbesitz gesteuerten Pressefreiheit, die der modernen Demokratie massiven Schaden zufügt.

Je mehr Medienkonzerne durch Aufkäufe und Fusionen wachsen, desto attraktiver erscheinen sie potentiellen Investoren und desto eher kommt es zu Übernahmen. Der Handel mit Medienprodukten und -unternehmen mit dem Ziel kurzfristiger Gewinne an der Börse nimmt zu. Zudem bemächtigen sich Industrieunternehmen zunehmend der Medien, um branchenspezifische Risiken abzusichern. Das Auftreten branchenfremder Investorengruppen führt nicht nur zu einer neuen, meist betriebswirtschaftlich ausgerichteten Unternehmenskultur. Die konglomerate Verflechtung geht mit Einschränkungen für die Redaktionen einher - meist durch unternehmerische Vor- und redaktionelle Selbstzensur. Je größer die Zahl der Unternehmen innerhalb komplizierter Holdingstrukturen ist, desto schwerer sind die Eigeninteressen der Investoren von außen zu erkennen. Damit steigt das Risiko, dass sich die Wirtschaftsberichterstattung immer mehr als Teil des Konzernjournalismus versteht.

Die fortschreitende Verflechtung und Vernetzung der Medienbranche führt zu einer Einschränkung des intermedialen wirtschaftlichen Wettbewerbs. Die Kontrolle durch die Kräfte des Marktes nimmt kontinuierlich ab. Unternehmerische Einzelinteressen und Einflussnahmen auf Medieninhalte sind leichter durchsetzbar. Im Vordergrund steht auf der einen Seite die Erhöhung der Profitabilität, die durch Imitation, Vervielfältigung, Standardisierung und konzerninterne Werbung für die verschiedenen Medienprodukte erreicht werden soll. Auf der anderen Seite nimmt innerhalb des Konzerns die Orientierung an Werbekunden und Endverbrauchern zu. Es wird ein für das Produkt des Auftraggebers optimales Werbeumfeld geschaffen. Solange die Dienstleistungen kostengünstig erbracht werden können, werden auch Wünsche des Publikums berücksichtigt. In hoch integrierten Medienkonzernen wird nicht nur billiger produziert, sondern die konzerninterne Vermarktung bringt auch Vorteile gegenüber kleineren Anbietern. Die systematische Bevorzugung der konzerneigenen Produkte und Dienstleistungen in werblichen sowie redaktionellen Beiträgen ist betriebswirtschaftlich sinnvoll; sie verschlechtert gleichzeitig die Situation von nicht verflochtenen Wettbewerbern.

Konzentrationsprozesse verstärken publizistische Fehlleistungen in der Regel nur, sie sind aber nicht notwendigerweise deren Ursache. So können ein erhöhter Druck zur Profitabilität und Kommerzialisierungsschübe mit negativen publizistischen Folgen auch in hoch kompetitiven Wettbewerbsverhältnissen und keineswegs nur auf monopolistischen Märkten auftreten. Betrachtet man nämlich die Medienkritik in den USA, so werden dort lediglich die oligopolistischen Eigentümerstrukturen und die gewerkschafts- bzw. journalismusfeindliche Haltung der sehr konservativen Verlagsbesitzer mit der Medienkonzentration in Zusammenhang gebracht.[5] Gleichwohl nehmen mit wachsender Größe und diagonaler Verflechtung der Konzerne die Möglichkeiten von Eigentümern, Investoren, Management sowie ihnen nahe stehenden Kreisen zu, nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Interessen durchzusetzen. Medien-Tycoons wie Robert Maxwell, Rupert Murdock, Conrad Black, William Hearst, Robert Hersant oder Silvio Berlusconi haben ihre Macht als Medieneigentümer immer wieder mehr oder weniger subtil ausgespielt. Entlarvend war die Begründung von Maxwell für seine redaktionelle Einflussnahme: "Zeitungsbesitzer zu sein, gibt mir die Macht, bestimmte Themen wirkungsvoll zu lancieren. Mit einfachen Worten, Medien sind meine Megaphone."

Weniger rigoros, aber nicht minder problematisch ist die systematische Ausblendung von Gegenmeinungen, die in kleinen Kommunikationsräumen am ehesten gelingt. Monopolmedien müssen in der Regel weder finanzielle Einbußen noch schwindende Reputation befürchten, wenn sie partikulare politische Ziele verfolgen oder bestimmte Standpunkte de facto aus dem gesellschaftlichen Diskurs ausschließen.

Auch die Aushandlung und Gestaltung der Medienpolitik erfolgt immer stärker im Interesse von dominanten Medienunternehmen und weniger im Sinne der Öffentlichkeit bzw. einer demokratischen Gesellschaft. Im Gegensatz zu anderen Branchen können Medienunternehmen über ihre Verbände bzw. Mitglieder ständig eine interessegeleitete Publizität herstellen. Durch konzertierte medienpolitische Einflussnahme gelingt es den Branchenvertretern immer wieder, sowohl ordnungspolitische Rahmenbedingungen als auch staatliche Maßnahmen im Mediensektor maßgeblich zu beeinflussen.[6] Keine Regierung kann Medienpolitik gegen die Medien, sondern nur zusammen mit diesen durchsetzen.


Fußnoten

5.
Vgl. Susanne Fengler, Medienjournalismus in den USA, Konstanz 2002.
6.
Vgl. Matthias Schäfer, Medienmacht macht Medienpolitik. Die Durchsetzungsfähigkeit der Interessen von Medienkonzernen - eine Analyse am Beispiel der Genese des Dritten Rundfunkstaatsvertrages, Baden-Baden 1999.