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1.3.2004 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Wie kommt eine Gesellschaft zu ihren Eliten? Wie sehen die Rekrutierungswege und Karrierepfade aus und welche Wertorientierungen, politischen Einstellungen und Kommunikationsmuster dominieren innerhalb der Führungsschichten?

"Unsere Gesellschaft braucht Eliten", hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Beginn seiner Amtszeit erklärt und im Januar 2004 durch den Ruf nach Elite-Universitäten bekräftigt. Die Debatte darüber ist in vollem Gange. "Eliten" - oder "gehobene soziale Schichten" - werden in den Sozialwissenschaften als mehr oder weniger geschlossene soziale und politische Einflussgruppen bezeichnet, die sich aus der Gesellschaft herausheben und im politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen System bestimmte Funktionen übernehmen.

Doch wie kommt eine Gesellschaft zu jenen fähigen und legitimierten Führungsgruppen, welche die anstehenden Aufgaben in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bewältigen? Wie entstehen Eliten, wie sehen die Rekrutierungswege und Karrierepfade aus, welche Wertorientierungen, politischen Einstellungen und Kommunikationsmuster dominieren innerhalb der Führungsschichten?

Eliten in Deutschland unterscheiden sich durch ihr Bildungsniveau deutlich von der Gesamtbevölkerung; sie kommen überproportional häufig aus Familien mit hohem sozialen Status - ausgenommen Gewerkschaftseliten und politische Eliten von SPD und Grünen, schreibt Bernhard Schäfers in seinem Essay. Anders als in den USA, Großbritannien und Frankreich erfolge die Elitenrekrutierung hierzulande jedoch auf einer vergleichsweise breiten Basis. Vor diesem Hintergrund werde die Forderung der Politik nach Elite-Universitäten von der Bevölkerung sehr kritisch verfolgt.

Nach den von Viktoria Kaina präsentierten Befunden der Potsdamer und Mannheimer Elitestudie sind die Zugangschancen zu Elitepositionen in der Bundesrepublik formal gesichert. Ungeachtet des nach wie vor bestehenden Einflusses der sozialen Herkunft sei die Rekrutierungsbasis für Elitepositionen insgesamt breiter geworden. Michael Hartmann widerspricht dieser These. Er bestreitet den Bedeutungszuwachs leistungsbezogener Auswahlkriterien. Nach seinen Untersuchungsergebnissen kann von einer sozialen Öffnung der deutschen Eliten keine Rede sein. Die Bildungsexpansion habe nur den Zugang zu den Bildungsinstitutionen erleichtert, nicht aber zu den Elitepositionen. Wer in Vorstände und Geschäftsführungen großer Unternehmen gelangen wolle, der müsse vor allem eines besitzen: habituelle Ähnlichkeit mit den Personen, die sich dort bereits befinden. Kaina sieht auf Grund dieser widersprüchlichen Befunde, die nicht zuletzt auf unterschiedliche Methoden der Datenerhebung zurückzuführen seien, weiteren Forschungsbedarf.

In den Topetagen der Wirtschaft sind die Eliten männlich. Auf Frauen trifft man nur in den Bereichen, in denen eine soziale Öffnung stattgefunden hat - wie in Politik, Gewerkschaften und Wissenschaft. Eine wesentliche Erhöhung des Frauenanteils in Spitzenpositionen hat es nach Hildegard Macha in den vergangenen 25 Jahren nicht gegeben. Die Autorin macht dafür die Strukturen der Elitenrekrutierung und der Reproduktion sozialer Macht verantwortlich. Sie verweist auf eine Barriere, die Frauen tendenziell am Aufstieg in die Elite hindere.

Auch Demokratien brauchen Eliten - durchlässige Gruppen, die sich von anderen Teilen der Gesellschaft nicht absondern. Nach Auffassung von Klaus K. Urban sind Elite und Demokratie nicht als Gegensätze aufzufassen. Vielmehr bestehe ein dialektisches Verhältnis zwischen im Prinzip offenen Eliten und einer demokratischen Verfassung, die gleiche Bildungschancen garantiere und zugleich Hochbegabten besondere Chancen einräume.