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1.3.2004 | Von:
Klaus K. Urban

Hochbegabtenförderung und Elitenbildung

Das Bild vom Menschen und seiner Entwicklung

Hinter dem Ruf nach Förderung von Begabungen als einem demokratischen Anspruch steht ein bestimmtes Bild des Menschen und seiner Entwicklung. Niemand kann heute noch ernsthaft ein einseitig biologisch-genetisches oder auf das Milieu bzw. auf Sozialisationsfaktoren bezogenes Begabungs- oder Entwicklungskonzept vertreten. Vielmehr ist von der Annahme interindividueller Anlageunterschiede auszugehen.[15] Dann aber können sich Begabungen und Fähigkeiten nur in Interaktion mit der sozialen Umwelt und vor dem Hintergrund der (kultur)historischen Entwicklung der jeweiligen Gesellschaft herausbilden. Im Zuge der aktiven Aneignung der Umwelt, die das bisher vorhandene Wissen einer Gesellschaft bzw. der Menschheit repräsentiert, und im sozialen Austausch mit anderen Menschen, die zugleich bestimmte Funktionen in der Gesellschaft ausüben, kann das Individuum seine Persönlichkeit entwickeln und am gesellschaftlichen Verkehr teilhaben.[16] Der Mensch wird dabei "in seiner Ganzheit gesehen als einer, der nur selbständige Person wird, indem er ,sozialisiert` wird, und der nur ein soziales Glied der Gesellschaft wird, indem er in der tätigen Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt Person wird"[17].

Diese Feststellung gründet auf der Annahme, dass Menschen prinzipiell über die Disposition zum Lernen und Handeln verfügen, sich aktiv ihrer Umwelt zuwenden, sie "begreifen" und verstehbar machen, ihrer Welt für sich und andere Sinn geben, Handlungskompetenz erwerben wollen.[18] Ziel von Erziehung wäre demnach die autonome, aber sozial eingebundene Persönlichkeit, das selbständig und kreativ denkende und handelnde Individuum mit hoher Sach- und Kulturkompetenz, von außergewöhnlicher Expertise und sozialer Verantwortung.


Fußnoten

15.
Vgl. Rainer Seidel/Gisela Ulmann, Ansätze zu einem neuen Konzept der Intelligenz, in: Rudolf Schmidt (Hrsg.), Intelligenzforschung und pädagogische Praxis, München 1978, S. 72 - 119
16.
Vgl. Klaus K. Urban, Besonders begabte Kinder im Vorschulalter, Heidelberg 1990.
17.
Ders., Entwicklungs- und Lernstörungen, in: Wilhelm Wieczerkowski/Hans zur Oeveste (Hrsg.), Lehrbuch der Entwicklungspsychologie, Bd. 3, Düsseldorf 1982, S. 21.
18.
Vgl. ders., Allgemeine Bedingungen des Lernens, in: Wolfgang W. Mickel (Hrsg.), Handbuch zur politischen Bildung, Bonn 1999, S. 302 - 307.