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1.3.2004 | Von:
Klaus K. Urban

Hochbegabtenförderung und Elitenbildung

Ausblick

Die theoretische, empirische und praktische Auseinandersetzung und Arbeit mit hoch begabten Individuen hat - ob wir wollen oder nicht - stets soziopolitische Voraussetzungen und Folgen. Plausibilität, Legitimität, Effektivität und die Konsequenzen von Erforschung und Förderung Hochbegabter werden sowohl von dem jeweiligen Menschenbild als auch von der vorherrschenden Gesellschaftstheorie beeinflusst.

Im Sinne einer menschlichen, fortschrittlichen Entwicklung scheint mir eine nicht isolierte, gleichwohl differenzierte Erziehung Hochbegabter - verbunden mit einer breiten, allen gerechte Chancen bietenden Allgemeinbildung auf hohem Niveau - eine der wichtigsten Investitionen für die zukünftige Entwicklung jeder Gesellschaft zu sein. Bei den Bemühungen von Eltern, Erziehern, Lehrern und Psychologen sollte - trotz aller gesellschafts- und bildungspolitischen Überlegungen - das Wohlergehen jedes einzelnen Kindes, und eben auch des hoch begabten, im Mittelpunkt stehen.

Solche Anstrengungen haben letztlich nicht nur einen positiven Einfluss auf die individuelle Entwicklung der besonders Begabten, sondern auch auf das Erziehungs- und Bildungssystem, die kulturelle Szenerie und das wissenschaftliche Know-how eines Landes. Denn sie tragen dazu bei, wie es die Verfassung des World Council for Gifted and Talented Children als Ziel definiert, den "potentiellen wertvollen Beitrag hoch begabter Kinder zum Wohlergehen der Menschheit" zu realisieren. Die Fabel "Gleiches Recht für alle" (s.u.) sollte dabei nicht als Vorbild dienen.

Gleiches Recht für alle[19]
Eines Tages beschlossen die Tiere, dass sie etwas unternehmen müssten, um den Anforderungen der Zukunft gewachsen zu sein, und gründeten eine Schule. Sie führten einen Lehrplan für Leibesübungen mit den Fächern Laufen, Klettern, Schwimmen und Fliegen ein und beschlossen (weil das die Durchführung vereinfachte), dass jedes Tier an jedem Fach teilnehmen musste. - Die Ente war ein hervorragender Schüler im Schwimmunterricht und sogar besser als ihr Lehrer, bekam befriedigende Noten im Fliegen, war aber schwach im Laufen. Da sie im Laufen so langsam war, musste sie häufig nachsitzen und auch das Schwimmen aufgeben, um das Laufen zu üben. Das ging so lange, bis ihre Schwimmfüße arg verschlissen waren und sie nur noch ein durchschnittlicher Schwimmer war. Aber Durchschnittlichkeit wurde an der Schule akzeptiert, so dass sich keiner Gedanken darüber machte - außer der Ente. - Der Hase war anfangs Klassenbester im Laufen, erlitt dann aber einen Nervenzusammenbruch, weil er im Schwimmen so viel nachholen musste. - Das Eichhörnchen war ausgezeichnet im Klettern, bis der Unterricht im Fliegen es total frustrierte: Auf Anweisung des Lehrers musste es stets vom Boden aufwärts starten statt vom Baumwipfel aus nach unten. Diese Überanstrengung hatte zur Folge, dass das Eichhörnchen schließlich lahmte und eine Drei im Klettern und eine Vier im Laufen bekam. - Der Adler war ein Sorgenkind und wurde streng herangenommen. Im Klettern war er stets als erster auf dem Baum, bestand allerdings auch hartnäckig auf seiner eigenen Methode hinaufzukommen. - Am Ende des Schuljahres hatte ein nicht ganz normaler Aal, der außerordentlich gut schwimmen und auch ein bißchen laufen, klettern und fliegen konnte, den besten Notendurchschnitt und durfte auf der Abschlussfeier die Abschiedsrede halten.


Fußnoten

19.
G. H. Reavis, Gleiches Recht für alle - oder vom Segen der kompensatorischen Erziehung, in: Newsletter der National Association for Gifted Children, London April 1982.