Aufkleber, die auf unterschiedliche Toiletten und Waschräume in einem Einkaufszentrum hinweisen

1.2.2019 | Von:
Elisabeth Wacker

Leben in Zusammenhängen. Behinderung erfassen und Teilhabe messen

"Mainstreaming Disability" in der Forschung

Für einen beeinträchtigungsbezogenen Fokus – die eine Schiene des Twin-Track Approach – sind Aufmerksamkeit und Expertise weiter verbreitet als für die schwerer greifbaren gesellschaftlich-sozialräumlichen Zusammenhänge. Über das Individuum hinaus ist aber erforderlich, die Gleichstellung von behinderten Menschen auf allen gesellschaftlichen Ebenen durchzusetzen. Daher weist die Präambel der UN-BRK unter d) nachdrücklich darauf hin "wie wichtig es ist, die Behinderungsthematik [disability mainstreaming] zu einem festen Bestandteil der einschlägigen Strategien der nachhaltigen Entwicklung zu machen".

Im Bewusstsein der Komplexität von Benachteiligungen und ohne Beeinträchtigungen und deren individuelle Folgen zu vernachlässigen, muss noch stärker und dauerhaft das Augenmerk auf die Wahrnehmung alltäglicher Ungleichheiten und den Abbau und die Vermeidung von Benachteiligungen gerichtet werden. Darin sind drei Querschnittsaspekte enthalten: das Gebot einer mehrdimensionalen Konzeption sowie Untersuchung von Inklusionsbedingungen und Teilhabemöglichkeiten; der gleichzeitige Blick auf Faktoren, die "dis-abling" beziehungsweise "en-abling" wirken; sowie die Berücksichtigung des Zusammenspiels mit anderen Diversitätskategorien. Entsprechend multiperspektivische Forschungsansätze und Denktraditionen liegen zwar seit Längerem vor, haben aber wenig Eingang in die Behinderungsforschung gefunden.[22] Neben den verschiedenen einzelnen Forschungsfeldern und -ebenen müssen somit zukünftig vermehrt auch Grundsatzfragen im Fokus stehen, die auf allen Ebenen relevant sind.

Systematische Konzepte liegen vor. Mit dem Ansatz des Entwicklungspsychologen Urie Bronfenbrenner lässt sich beispielsweise eine phänomenologisch geprägte Betrachtung der menschlichen Entwicklung im Kontext verfolgen. Hier treffen sich somit die beiden Spuren des Twin-Track Approach, denn die Betrachtung ist offen für eine "dauerhafte Veränderung der Art und Weise, wie die Person die Umwelt wahrnimmt und sich mit ihr auseinandersetzt".[23] Diese Umwelt enthält eine unmittelbare Umgebung (Haus, Schule, Straße) mit beteiligten Personen, ihren Rollen, entsprechenden Beziehungen, materiellen Ausstattungen und den ausgeübten Tätigkeiten – die Mikroebene. Sie wird umgeben von sozialen Netzwerken (Bekannten, Freundinnen, Kollegen) sowie den relevanten Institutionen wie Bildungseinrichtungen, Arbeitswelt, Behörden oder Medien – der Mesoebene. Nach einem Chronosystem werden Lebensübergänge kenntlich, etwa beim Eintritt ins Bildungssystem. Zudem geht es in einem Exosystem um für Personen relevante Faktoren, die aber nicht von ihnen direkt beeinflusst werden, wie etwa Fernsehprogramme. Weitere wesentliche Wirkfaktoren wie die Zugehörigkeit zu Nationen, Kulturen oder Subkulturen und deren entsprechende gesellschaftliche Einrichtungen und politische Vorstellungen bilden das umfassende System – die Makroebene.

Leben ist also in Zusammenhängen zu betrachten, und die Umwelt ist "eine ineinandergeschachtelte Anordnung konzentrischer, ineinandergebetteter Strukturen".[24] Personen beeinflussen ihre Umgebung und werden von ihr beeinflusst. Neben den wahrgenommenen Eigenschaften der Umwelt und dortigen Tätigkeiten werden Rollen entsprechend der Verhaltensweisen und Erwartungen ausgeübt, die mit einer Positionierung in einer Umwelt üblicherweise verbunden sind.[25] Für die Auseinandersetzung mit Behinderung in der Gesellschaft lassen sich hieraus Aufforderungen ableiten, nicht nur eine Beschreibung von Behinderung anzustreben, sondern sich auch ihrem Erklären und Verstehen zu widmen, sei es durch "Vermessungen" von Kausalitäten, sei es durch Erleben und Aufnehmen von Lebensweltbezügen.[26]Hierbei kommt die bereits erlebte Umwelt ins Spiel, die eine Aufmerksamkeit für Umweltbezüge nahelegt.[27]

So finden sich gute Gründe für eine alltagsbezogene Forschung, die in "alltagsnaher" Form auch beschreibende und interpretierende Methoden einbezieht.[28] Da Leben primär in Geschehensformen stattfindet, sind Handlungsmodelle bezogen auf Individuen, Gruppen oder Kollektive eine Systematisierungsgröße, die dann kontextualisiert werden kann. Hierbei ist allerdings eine Janusköpfigkeit von Umgebung zu beachten: Umgebung ist etwas, das um ein Individuum herum existiert; zugleich meint Umgebung, dass ein Umfeld Gegebenheitscharakter hat. Dies kann Möglichkeiten und erreichbare Chancen, aber ebenso unüberwindliche Hindernisse und Herausforderungen bedeuten. Wieviel Eigen-Mächtigkeit hierbei tatsächlich gegeben ist, wird ebenso bedeutsam wie Verfügbarkeitsräume oder Einschränkungen. Folgt man dem Ökopsychologen Gerhard Kaminski, bilden auch Zuordnungen bereits solche einschränkenden Kontexte. Er lädt ein, darüber zu reflektieren, wie "im Zusammenhang mit dem Behinderungs-Begriff immer wieder gebrauchte Kategorien wie ‚körperbehindert‘, ‚mobilitätsbehindert‘, ‚geistig behindert‘, ‚lernbehindert‘, ‚sinnesgeschädigt‘ (…) eine Art der ‚Parzellierung‘ der Gesamt-‚Domäne‘ nahelegen, die die Entwicklung übergreifender deskriptiver und interpretativer Konzeptionen erschwert".[29]

Daraus lassen sich beispielsweise folgende Forschungsfelder abstecken: Auf der Makroebene etwa Sozial- und Behindertenpolitiken im internationalen Vergleich, auf der Mesoebene die Inklusivität von Organisationen und auf der Mikroebene etwa Ansprüche und Wirklichkeit von Teilhabechancen und -erfahrungen in unterschiedlichen Lebensbereichen.

Zugleich bleibt es ein Gebot der Stunde, sich mit neuen Forschungszugängen im Bereich Behinderung und Inklusion zu befassen. Hierzu zählen beispielsweise Fragen nach Potenzialen und Grenzen partizipativer Forschungsmethoden, die immer häufiger als Desiderat genannt werden und teilweise auch Anwendung finden, aber auch Fragen nach den Mandaten neuer Interessenvertretungen neben den klassischen Wohlfahrtsverbänden und -vereinen. Disability Studies und Diversity Studies formulieren beispielsweise ihre Anliegen, Teilhabeforschende zu sein. Ebenso sind für Konzepte und Strategien des "Disability-Mainstreaming" oder Diversitätsmanagements wesentliche theoretisch-konzeptionelle Desiderate offen. Zugleich entwickelt sich eine aktualisierte Definition von Behinderung, getragen von den vielfachen Diskursen um die beschriebenen Orientierungen an ICF und UN-BRK.

Das Sozialgesetzbuch IX bietet in Paragraf 2 Absatz 1 mit einem Aspekt der Differenz des Körper- und Gesundheitszustands "von dem für das Lebensalter typischen Zustand" und der Zielorientierung auf gleichberechtigte "Teilhabe an der Gesellschaft", die weder beeinträchtigt noch bedroht sein soll, Anknüpfungspunkte. Auf die mögliche "Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren" wird explizit verwiesen.

Durch Erkenntnisse der Diversity Studies,[30] die grundlegenden Ansätze der Disability Studies[31] sowie durch Intersektionalitätsforschung[32] rücken außerdem Fragen der Binnendifferenzierung innerhalb der Gruppe der Menschen mit Beeinträchtigungen beziehungsweise Behinderung in den Blick. Die verschiedenen Fähigkeiten ebenso wie beispielsweise verschiedene Lebensorientierungen werden nicht durch die gleiche Beeinträchtigung gleich gemacht. Vielfachzugehörigkeiten sind also ebenso zu beachten wie mögliche Wechselwirkungen, die Behinderungsrisiken gegebenenfalls stärken oder aufheben. Die Forschung hierzu kann sich nicht auf quantitative Studien beschränken, sondern muss mit Analysen über Biografieforschung, wissenssoziologische Zugänge, Sozialstrukturanalysen und auch durch Umfeldforschung angereichert werden.

Zukünftig werden also Forschungsfragen, Zuschnitte von Forschungsdesigns und Definitionen anders ausfallen als bei den aktuell noch üblichen Behinderungsstatistiken. Es wird sich zeigen müssen, ob es im Sinne der Ungleichheitsforschung gelingt, auch Personengruppen einzubeziehen, die ihre Leistungsansprüche nicht kennen oder keine Beschäftigung am Arbeitsmarkt anstreben; die Lebenslage von Personen zu erfassen, die Benachteiligungen durch einen anerkannten Behinderungsstatus befürchten; Abgrenzungen zu Personenkreisen im höheren Erwachsenenalter zu finden, die im Verlauf des Berufslebens Beeinträchtigungen "erworben" haben und für sich eine Behinderungsanerkennung beanspruchen, obwohl sie in der Teilhabe wenig eingeschränkt sind.

Mit Zahlen, Fakten, Aktionsplänen und bei Wechselwirkungen in sich wandelnden Umwelten ertastet man also für behinderte Menschen Möglichkeiten, die Wirklichkeit werden können. Dabei ist die Frage offen, wie Einheit der Gesellschaft insgesamt unter der Notwendigkeit vielfacher Differenzierungsprozesse mit bisweilen disruptiven oder innovativen Verläufen entstehen kann. Einfacher scheint da der eingleisige Fokus auf "Partizipation und Empowerment" beziehungsweise "Teilhabe und Selbstbestimmung", während der gesellschaftlich-sozialräumliche Anspruch momentan trotz Inklusionsrhetorik eher irgendwo am Horizont des gesellschaftlichen Geschehens und damit un-fassbar fern zu liegen scheint.

Fußnoten

22.
Vgl. Julia Zinsmeister, Diskriminierung ist (fast) immer mehrdimensional, in: Jutta Jacob/Swantje Köbsell/Eske Wollrad (Hrsg.), Gendering Disability, Bielefeld 2010, S. 113–128.
23.
Urie Bronfenbrenner, Die Ökologie der menschlichen Entwicklung, Stuttgart 1981, S. 19. Siehe auch Erving Goffman, Wir alle spielen Theater, München 1969; ders., Asyle, Frankfurt/M. 1972.
24.
Urie Bronfenbrenner, Ökologische Sozialisationsforschung, in: Lenelis Kruse/Carl-Friedrich Graumann/Ernst Dieter Lantermann (Hrsg.), Ökologische Psychologie, Stuttgart 1990, S. 76–79, hier S. 76.
25.
Bronfenbrenner bezieht sich auf Kurt Lewin, A Dynamic Theory of Personality, New York 1935, S. 68. Zugleich bezieht er Rollenerwartungen und -wirkungen in seine Überlegungen ein mit Rekurs auf George Herbert Mead, Mind, Self, and Society, Chicago 1934.
26.
Vgl. Gerhard Kaminski, Behinderung in ökologisch-psychologischer Perspektive, in: Johannes Neumann (Hrsg.), "Behinderung". Von der Vielfalt eines Begriffs und dem Umgang damit, Tübingen 1995, S. 44–74, hier S. 46.
27.
Vgl. Roger B. Barker, Ecological Psychology, Palo Alto 1968.
28.
Vgl. etwa M. Powell Lawton/Elaine M. Brody, Assessment of Older People, in: The Gerontologist 9/1969, S. 179–186.
29.
Kaminski (Anm. 26), S. 47.
30.
Vgl. u.a. Gertraude Krell/Barbara Sieben/Dagmar Vinz, Diversity Studies, Frankfurt/M.–New York 2007.
31.
Vgl. u.a. Tom Shakespeare, The Disability Studies Reader, London 1998; Michael Oliver/Colin Barnes, The New Politics of Disablement, Basingstoke 20122.
32.
Vgl. u.a. Helma Lutz/Maria Teresa Herrera Vivar/Linda Supik, Fokus Intersektionalität, Wiesbaden 2010.
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Autor: Elisabeth Wacker für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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