Aufkleber, die auf unterschiedliche Toiletten und Waschräume in einem Einkaufszentrum hinweisen

1.2.2019 | Von:
Swantje Köbsell

50 behindertenbewegte Jahre in Deutschland

"Jedem Krüppel seinen Knüppel"

Ein skandalöses Gerichtsurteil im Februar 1980, in dem eine Gruppe behinderter Menschen im Urlaub als "Reisemangel" bezeichnet wurde, für den ein Teil der Reisekosten zurückerstattet werden musste,[17] wurde der Auslöser dafür, dass sich die verschiedenen Gruppierungen überregional vernetzten. Im Mai 1980 organisierten sie in Frankfurt am Main eine große Demonstration, an der viele behinderte Menschen und ihre Unterstützer_innen teilnahmen. In den Redebeiträgen wurde nicht nur das Urteil kritisiert, sondern auf die umfassende Diskriminierung behinderter Menschen hingewiesen. Das Fernsehen brachte via "Tagesschau" den Widerstand behinderter Menschen erstmalig in die deutschen Wohnzimmer. Der informelle Zusammenschluss wurde anschließend zur "Aktionsgruppe gegen das UNO-Jahr", die das Ziel hatte, die offiziellen Veranstaltungen im Rahmen des von den Vereinten Nationen für 1981 ausgerufenen "Jahr der Behinderten" für ihre Themen zu nutzen.

Unter dem Motto "Jedem Krüppel seinen Knüppel" organisierte das Aktionsbündnis die Störung der Eröffnungsveranstaltung, zu der in der Dortmunder Westfalenhalle unter anderem eine Rede des damaligen Bundespräsidenten Carl Carstens angekündigt war. Um dessen Rede zu verhindern, ketteten sich einige Aktivist_innen auf der Bühne an, auf der der Bundespräsident sprechen sollte. Mit einem großen Transparent, auf dem zu lesen war: "Keine Reden, keine Aussonderung, keine Menschenrechtsverletzungen" machten sie darauf aufmerksam, dass sie sich von den offiziellen Reden lediglich eine Glorifizierung der herrschenden Verhältnisse, jedoch keine Verbesserung der Lebenssituation behinderter Menschen im Hinblick auf Selbstvertretung und gesellschaftliche Teilhabe versprachen. Im Laufe des Jahres nutzten Mitglieder der Behindertenbewegung weitere offizielle Veranstaltungen zum UNO-Jahr dafür, mit aufsehenerregenden Aktionen selbstbewusst ihre Menschenrechte auf Selbstbestimmung und Teilhabe einzufordern. Dies stieß jedoch sowohl in der Öffentlichkeit als auch unter behinderten Menschen auf viel Unverständnis.[18]

Das aus der Behindertenbewegung heraus organisierte "Krüppeltribunal", mit dem "Menschenrechtsverletzungen im Sozialstaat" zur Anklage gebracht wurden, bildete den Abschluss des Jahres. Ziel der Organisator_innen war, "die Strukturen dieser Aussonderungspolitik in der BRD an(zu)klagen. Wir wollten uns gegen die Zerstückelung unserer Interessen durch Politiker, Heimaufseher und sonstige Fachleute in Sachen Behindertenunterdrückung zur Wehr setzen und die Betroffenen zur massiven und radikalen Gegenwehr anstiften."[19] Die Anklagepunkte bezogen sich unter anderem auf die Beschneidung der Menschenrechte behinderter Menschen in Heimen, durch Behördenwillkür und vorenthaltene Mobilität, in Werkstätten sowie in der Psychiatrie. Ein weiteres Thema war die durch das Aufeinandertreffen der Diskriminierung aufgrund weiblichen Geschlechts und Behinderung gekennzeichnete Lebenssituation behinderter Frauen.

Das UNO-Jahr hatte der jungen Bewegung eine Bühne für einen öffentlichkeitswirksamen Auftakt geboten, mit dem es gelungen war, mediale Aufmerksamkeit zu erlangen. Tatsächliche Veränderungen waren jedoch noch nicht zu verzeichnen. So galt es nach dieser Phase der inhaltlichen Auseinandersetzungen und spektakulären Aktionen, die Bedingungen für die gesellschaftliche Teilhabe, Selbstbestimmung und rechtliche Gleichstellung behinderter Frauen und Männer zu schaffen.[20] Je nach Gruppierung und lokalen Voraussetzungen reichte dies von der Einrichtung von ambulanten Hilfsangeboten über die Sicherstellung von Mobilität und Barrierefreiheit bis hin zur "Selbstbestimmt-Leben-Bewegung" mit ihren gleichnamigen Beratungsangeboten. Daneben gab es weiterhin inhaltliche Auseinandersetzungen.

Ein wichtiges Thema, das die Behindertenbewegung von Anfang an begleitete, ist das Infragestellen des Wertes behinderten Lebens in historischer wie in aktueller Perspektive.[21] Von großer Bedeutung ist auch die Bewegung behinderter Frauen, die sich innerhalb der Behindertenbewegung früh herausbildete, da die Behindertenbewegung keinen Raum für die Themen bot, die sich aus dem Zusammentreffen von Behinderung und weiblichem Geschlecht ergeben.[22] Die Frauen brachten das "Tabu im Tabu", die sexualisierte Gewalt gegen behinderte Frauen, an die Öffentlichkeit. Im Rahmen der aufkommenden feministischen Kritik an den neuen Gen- und Reproduktionstechnologien konfrontierten sie die feministischen Kritikerinnen mit dem Zusammenhang von Eugenik, humangenetischer Beratung und selektiver Abtreibung. Damit setzten sie die oftmals kontrovers geführte Diskussion darüber in Gang, wie politisch das Private in dieser Hinsicht ist.[23] Ab den frühen 1990er Jahren wurde der Kampf für rechtliche Gleichstellung zum zentralen Thema, der von der Grundgesetzänderung 1994 – Ergänzung von Artikel 3, Absatz 3 Grundgesetz "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" – zur Verabschiedung der Bundes- und Landesgleichstellungsgesetze sowie des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes führte.[24]

Auch auf internationaler Ebene engagierten sich Vertreter_innen der deutschen Behindertenbewegung für die Selbstbestimmung und Teilhabe behinderter Menschen. So waren einige Aktivist_innen an der Formulierung des Textes der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) beteiligt.[25] Mit diesem internationalen Übereinkommen wird der Paradigmenwechsel in der Behindertenpolitik – von der Fürsorge zur Teilhabe – auf globaler Ebene vollzogen: Das Übereinkommen definiert Behinderung nicht als medizinisches oder individuelles Problem der betroffenen Menschen, sondern als Ergebnis einer Wechselbeziehung zwischen individuellen Voraussetzungen und gesellschaftlichen Barrieren. Mit der UN-BRK wird der Abbau behindernder Barrieren für die Staaten, die wie Deutschland die Konvention ratifiziert haben, zur Verpflichtung, die Menschenrechte behinderter Menschen sicherzustellen.

Behinderte Menschen in der DDR

Zu den parallelen Entwicklungen in der DDR bestehen noch große Forschungslücken. Es liegen jedoch verschriftlichte Erinnerungen behinderter Menschen aus der DDR vor. Diesen ist zu entnehmen, dass Behinderung in der DDR lediglich als gesundheitliche Einschränkung, jedoch nicht als gesellschaftliches Thema diskutiert wurde.[26] Die Versorgung der sogenannten Schwerbeschädigten war staatlich geregelt und durchgeplant. Solange Menschen als bildungsfähig eingestuft wurden, wurde für ihre (Aus-)Bildung und einen Arbeitsplatz gesorgt. Ab Vollendung des 18. Lebensjahres erhielten viele die Mindestrente, zu der sie hinzuverdienen konnten; darüber hinaus gab es ein abgestuftes Pflegegeld. Es gab jedoch keine ambulanten Hilfen, sodass Menschen, die im Alltag auf ständige Unterstützung angewiesen waren, nur zwei Optionen hatten: Verbleib in der Herkunftsfamilie oder schon als junger Mensch Umzug in ein "Feierabendheim".[27] Zusammenfassend kann man sagen, dass behinderte Menschen in der DDR zwar versorgt waren, Teilhabe und Selbstbestimmung jedoch kaum gelebt werden konnten.[28] Es war nicht möglich, sich in Selbstvertretungsorganisationen zusammenzuschließen, um (behindertenpolitischen) Forderungen Nachdruck zu verleihen, denn "[a]lle freien Organisationen wurden als Keim oppositioneller Tätigkeit betrachtet".[29]

Dennoch schlossen sich viele behinderte Menschen in der DDR in informellen Gruppen zusammen, in denen sie sich über Missstände austauschten und sich etwa für den Abbau von Barrieren im Wohnumfeld einsetzten.[30] Aus diesen informellen Strukturen entstanden nach dem Ende der DDR Vereine, die sich 1990 im "Allgemeinen Behindertenverband in Deutschland (ABiD) – für Selbstbestimmung und Würde" zusammenschlossen. Der ABiD ist Teil der dritten Säule des Deutschen Behindertenrates, in dem die "unabhängigen", also aus der Behindertenbewegung entstandenen, Behindertenorganisationen vertreten sind.

Fußnoten

17.
Vgl. Ernst Klee, Behinderte im Urlaub? Das Frankfurter Urteil. Eine Dokumentation, Frankfurt/M. 1980.
18.
Vgl. Hans Heiler, Behinderteninitiativen (Bi.)/Behindertenverbände (Bv.), in: Erwin Reichmann (Hrsg.), Handbuch der kritischen und materialistischen Behindertenpädagogik und ihrer Nebenwissenschaften, Solms-Oberbiel 1984, S. 79–88, hier S. 87.
19.
Susanne von Daniels et al. (Hrsg.), Krüppel-Tribunal. Menschenrechtsverletzungen im Sozialstaat, Köln 1983, S. 9.
20.
Vgl. Mürner/Sierck (Anm. 5), S. 15.
21.
Vgl. Swantje Köbsell, Behinderte Menschen und Bioethik. Schlaglichter aus Deutschland, Großbritannien und den USA, in: Gisela Hermes/Eckhard Rohrmann (Hrsg.), Nichts über uns – ohne uns. Disability Studies als neuer Ansatz emanzipatorischer und interdisziplinärer Forschung, Neu-Ulm 2006, S. 59–79.
22.
Vgl. dies., Auf die Dauer hilft nur Power – 25 Jahre Bewegung behinderter Frauen, in: Brigitte Faber/Martina Puschke/Weibernetz e.V. (Hrsg.), 25 Jahre Bewegung behinderter Frauen. Erfahrungen, Anekdoten, Blitzlichter aus den Jahren 1981–2006, Kassel 2007, S. 26–37.
23.
Vgl. Bremer Krüppelfrauengruppe, Trau, schau, wem …, in: Frauen gegen den §218, bundesweite Koordination (Hrsg.), Vorsicht "Lebensschützer"! Die Macht der organisierten Abtreibungsgegner, Hamburg 1991, S. 227–231, hier S. 227.
24.
Vgl. Horst Frehe, Krüppelstandpunkt versus Emanzipationsgehabe (Interview), in: Mürner/Sierck (Anm. 5), S. 41–48, hier S. 44.
25.
Vgl. Sigrid Arnade, "Wir waren viele und wir waren überall". Ein persönlicher Rückblick zur Einbeziehung von Frauen in die Behindertenrechtskonvention, in: Jutta Jacob/Swantje Köbsell/Eske Wollrad (Hrsg.), Gendering Disability. Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht, Bielefeld 2010, S. 223–229.
26.
Vgl. Barbara Vieweg, Lebenssituation behinderter Frauen in der DDR, in: Gisela Hermes/Brigitte Faber, Mit Stock, Tick und Prothese. Das Grundlagenbuch zur Beratung behinderter Frauen, Kassel 2001, S. 61ff., hier S. 61.
27.
Vgl. ebd., S. 62.
28.
Vgl. Ilja Seifert, Für eine bessere deutsche Republik ohne Entmündigung, in: die randschau 5/1990, S. 6–9, hier S. 7.
29.
Ders., Schonzeit gab es nicht. Eine Dokumentation zur Entstehung des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland e.V. "Für Selbstbestimmung und Würde" (ABiD), Berlin 1990, S. 30.
30.
Vgl. ebd., S. 45.
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Autor: Swantje Köbsell für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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