Aufkleber, die auf unterschiedliche Toiletten und Waschräume in einem Einkaufszentrum hinweisen

1.2.2019 | Von:
Swantje Köbsell

50 behindertenbewegte Jahre in Deutschland

Disability Studies

Aus den Behindertenbewegungen in den USA und Großbritannien entstand ab Ende der 1970er Jahre der Forschungsstrang der Disability Studies. Grundlage war jeweils eine Sichtweise von Behinderung als soziale Konstruktion. Um diesen Konstruktionsprozess untersuchen zu können, wurde die individuelle von der gesellschaftlichen Ebene getrennt betrachtet – Beeinträchtigung (impairment) einerseits und Behinderung (disability) andererseits. Diese Trennung wird seit geraumer Zeit stark kritisiert; sie verdeutlichte jedoch die Abkehr von der traditionellen Sicht auf Behinderung und ermöglichte die inter- und transdisziplinäre Erforschung von Behinderung als gesellschaftlich konstruierte Kategorie, die in ihren jeweiligen sozialen, historischen und politischen Kontexten betrachtet werden muss.

Auch aus der deutschen Behindertenbewegung gab es zahlreiche Personen, die mittels Lehrveranstaltungen und Veröffentlichungen die veränderte Sicht auf Behinderung und die Forderungen behinderter Menschen in den akademischen Diskurs einbrachten. Aktivitäten zur Entwicklung einer diese Perspektive vertiefenden Wissenschaft gab es jedoch nicht, und auch die Entwicklung der Disability Studies in anderen Ländern wurde nicht zur Kenntnis genommen. Dies änderte sich durch die Begleittagungen zur Ausstellung "Der (im-)perfekte Mensch" am Deutschen Hygiene-Museum in Dresden 2001/02, die unter Beteiligung von Vertreter_innen der anglophonen Disability Studies stattfanden und den Anstoß für die Gründung der "Arbeitsgemeinschaft Disability Studies in Deutschland" 2002 gaben.[31] Die Arbeitsgemeinschaft ist ein Zusammenschluss von behinderten Wissenschaftler_innen und Aktivist_innen aus der Behindertenbewegung, die daran interessiert sind, dass die Disability Studies sich auch in Deutschland etablieren. Die Sommeruniversität "Disability Studies – Behinderung neu denken", die im Juli 2003 in Bremen stattfand, bot erstmals einen größeren Rahmen, Perspektiven der Disability Studies in Deutschland zu diskutieren.[32]

Disability Studies gehen einher mit einem Perspektivwechsel in der Forschung zum Thema Behinderung. Es wird nicht mehr wie bisher über behinderte Menschen geforscht, sondern mit ihnen als Expert_innen für Behinderungserfahrungen beziehungsweise das Leben mit Beeinträchtigungen, wodurch sich ihre Rolle entscheidend verändert: Statt als passives Objekt beforscht zu werden, sind sie nun als aktives Subjekt einbezogen. Dies ermöglicht eine entscheidende Veränderung des Blickwinkels: "Die Mehrheitsgesellschaft wird aus Sicht der ‚Behinderung‘ untersucht, und nicht umgekehrt, wie es eigentlich üblich ist."[33]

Die Disability Studies gelten oft als wissenschaftlicher "Arm" der politischen Behindertenbewegung. Dies greift jedoch zu kurz. Selbstverständlich spielen Themen aus der Behindertenbewegung eine wichtige Rolle in den Disability Studies; sie ist jedoch nicht die alleinige "Auftraggeberin": "Zwar geht es tatsächlich darum, die Anliegen der Selbstorganisation und Selbstrepräsentation behinderter Menschen auf der forschungspolitischen Agenda zu platzieren. Gleichwohl stellt sich das Verhältnis zwischen Querschnittsdisziplin und Interessenvertretung nicht als einseitige Verpflichtung, sondern als wechselseitiger, durchaus auch kontroverser Austausch dar."[34]

Im Gegensatz zu den "Mutterländern" der Disability Studies ist die wissenschaftliche Etablierung der Disability Studies in Deutschland noch nicht weit vorangeschritten. Zwar sind in den vergangenen Jahren ein deutlicher Anstieg von deutschsprachigen Veröffentlichungen sowie einige Institutsgründungen zu verzeichnen,[35] und es gibt einige Professuren, die die Disability Studies in ihrem Namen führen. Eine Etablierung als Disziplin mit eigenständigen Lehrangeboten und Studienabschlüssen ist derzeit aber nicht in Sicht.

Das Programm der Tagung "Zwischen Emanzipation und Vereinnahmung", die im Oktober 2018 Disability-Studies-Forscher_innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Berlin zusammenbrachte, vermittelte ein Bild von der aktuellen Breite und Vielfalt der Disability Studies im deutschsprachigen Raum. Die Tagung wurde als Auftakt zu einer Vernetzung genutzt, die dazu beitragen soll, die Disability Studies stärker in der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft zu verankern. Die Vernetzung soll die Sichtbarkeit der Disability Studies weiter erhöhen, die Förderung von Nachwuchswissenschaftler_innen unterstützen und die Eigenständigkeit der Disability Studies gegenüber anderen Ansätzen der Forschung zu Behinderung stärken und damit Vereinnahmungstendenzen entgegentreten. Darüber hinaus könnte die Vernetzung eine interdisziplinäre Fachzeitschrift initiieren, die für den fachlichen Austausch im deutschsprachigen Raum bisher noch fehlt.

Behindertenbewegung aktuell

Seit der Gründung des "Club 68" hat sich die Behindertenbewegung vielfach verändert. Die locker organisierten Gruppen der Anfangszeit, die in der Öffentlichkeit zunächst als "kleine radikale Minderheit" wahrgenommen wurden, haben sich im Laufe der Jahre gewandelt: Sie gründeten eingetragene Vereine, bauten ambulante Hilfsdienste und Beratungsstellen auf, die Zentren für Selbstbestimmtes Leben, die seit 1990 über eine eigene Dachorganisation verfügen, die wiederum Mitglied im Deutschen Behindertenrat ist. Die Behindertenbewegung hat damit wie andere Soziale Bewegungen "Prozesse der Institutionalisierung und Pragmatisierung" durchlaufen.[36] Parallel zu diesem Prozess wurden die Aktionsformen "braver" und angepasster, die Konfrontation wich der Kooperation, Einzelpersonen aus der Behindertenbewegung fingen an, sich wissenschaftlich mit den Themen der Bewegung zu beschäftigen.

Trotz der veränderten Aktionsformen ist die Behindertenbewegung ihren Zielen treu geblieben: Ablehnung des individualisierenden, medikalisierenden und normalisierenden Blicks auf Behinderung sowie der aktive Einsatz gegen Aussonderung und Diskriminierung behinderter Menschen. Diese Ziele haben über die Jahre trotz des Paradigmenwechsels in der Behindertenpolitik und veränderter Gesetze ihre Gültigkeit behalten, denn es hat sich gezeigt, dass um Erreichtes immer wieder gerungen und um darüber Hinausgehendes gekämpft werden muss. Und auch die Umsetzung der UN-BRK ist kein Selbstläufer, sondern braucht die kritische Begleitung durch eine wachsame und kämpferische Behindertenbewegung, die sehr genau auf das blickt, was auf der politischen Ebene passiert, und sich wenn nötig mit Aktionen und Kampagnen für die Selbstbestimmung und gegen die (drohende) Aussonderung behinderter Menschen einbringt. Dies gelingt den heutigen Aktivist_innen auch durch das Nutzen moderner Medien wie Twitter und Facebook und das Organisieren von Flashmobs. Und sie zeigen in ihren Blogs, dass es in der Gesellschaft nach wie vor ebenso zahlreiche physische Barrieren wie auch solche in den Köpfen gibt, die der Teilhabe und den Menschenrechten behinderter Menschen entgegenstehen und die es zu bekämpfen beziehungsweise abzubauen gilt.

Fußnoten

31.
Siehe http://www.disabilitystudies.de«.
32.
Vgl. die Tagungsdokumentation von Anne Waldschmidt (Hrsg.), Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies, Kassel 2003. Siehe auch Gisela Hermes/Swantje Köbsell (Hrsg.), Disability Studies in Deutschland – Behinderung neu denken!, Kassel 2003.
33.
Anne Waldschmidt, "Behinderung" neu denken: Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies, in: dies (Anm. 32), S. 11–22, hier S. 16.
34.
Dies., Disability Studies, in: Dederich/Jantzen (Anm. 3), S. 125-134, hier S. 129.
35.
Internationale Forschungsstelle Disability Studies (iDis), 2004 an der Universität zu Köln gegründet; Zentrum für Disability Studies (ZeDis), 2005 bis 2014 an der Universität Hamburg, seitdem an der Evangelischen Hochschule Hamburg; Bochumer Zentrum für Disability Studies (BODYS), 2015 an der Evangelischen Fachhochschule Bochum gegründet.
36.
Stoll (Anm. 7), S. 321.
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Autor: Swantje Köbsell für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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