Aufkleber, die auf unterschiedliche Toiletten und Waschräume in einem Einkaufszentrum hinweisen

1.2.2019 | Von:
Tomas Vollhaber

Deaf Studies neu denken - Essay

Vor einigen Jahren löste Horst Ebbinghaus bei einer Deaf-Studies-Tagung unter den anwesenden Gehörlosen Entrüstung hervor, als er in seinem Vortrag den Deaf Studies die Eigenschaften einer Ideologie zuwies.[1] Schließlich war Ebbinghaus selbst Leiter des Studiengangs Deaf Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin, und mit seinem Ideologievorwurf stellte er die Wissenschaftlichkeit des noch jungen Fachs infrage. Er konstatierte: "Im Gehörlosendiskurs werden Deaf Studies nicht als akademische Disziplin betrachtet, die ihre eigenen wissenschaftlichen Interessen verfolgt, sondern Deaf Studies erscheinen als aus der Lebensperspektive Gehörloser gewonnene Summe von Anschauungen, Vorstellungen und Werturteilen, die bestimmte Zielvorstellungen klären und politisch umzusetzen helfen sollen. Deaf Studies erfüllen damit die wesentlichen Charakteristika einer Ideologie."[2] Problematisch werden diese Charakteristika dann, wenn damit "zugleich ein wissenschaftlicher Anspruch verbunden wird".[3] Damit reagierte Ebbinghaus auf den Text einer aus Gehörlosen bestehenden Arbeitsgruppe, die Deaf Studies als "Grundlage zur Stärkung des Empowerments" begreift.[4]

Mit dem Vorwurf, die wesentlichen Charakteristika einer Ideologie zu erfüllen, sind auch viele andere "Studies" wie Gender, Disability oder Black Studies konfrontiert. Er bezieht sich auf eine diesen Wissenschaftsformationen eigene Koinzidenz, die im traditionellen Verständnis akademischer Arbeit ausgeschlossen ist, um den normativen Merkmalen von Wissenschaftlichkeit gerecht zu werden: dass Gegenstand und forschendes Subjekt zugleich Teil des Reflexionsprozesses sind. Dies ergibt sich zunächst aus der Tatsache, dass sich in den sozialen Bewegungen, aus denen die jeweiligen Studies hervorgegangen sind und die es nach wie vor gibt, jene engagieren, die auch in den Studies anzutreffen sind. Die Frage muss also lauten: Erfüllen die Studies per se nicht die normativen Anforderungen, die an Wissenschaftlichkeit gestellt werden, und müssen deswegen mit dem Ideologievorwurf leben? Oder ist dieser unter anderem auch von Ebbinghaus formulierte Begriff von Wissenschaftlichkeit selbst in hohem Maß ideologisch?

Studies explizieren den Zusammenhang von forschendem Subjekt und beforschtem Gegenstand und entfalten ihre erkenntnistheoretischen Interessen darin auf drei Ebenen: erstens in ihrem praxisorientierten Denken; zweitens in ihrer sozial- und kulturkritischen Sicht auf gesellschaftliche Bedingungen; und drittens in ihrer Kritik an binären Konstruktionen wie männlich/weiblich, schwul/hetero, behindert/nichtbehindert, taub/hörend. Forschendes Subjekt und beforschter Gegenstand sind dabei diskursiv miteinander verbunden, allerdings nicht im Sinne normativer Forderungen, wie sie von sozialen Bewegungen gestellt werden, vielmehr als Denk- und Diskurspraxis der kritischen Infragestellung normativer Vorstellungen von Identität, Sprache und Tradition. Insofern sind Studies ein Ort, der allen offensteht.

Studierende, Lehrende und Forschende müssen keine Frau sein, um mit den Denkmodellen der Gender Studies zu arbeiten, nicht schwul oder lesbisch für die Queer Studies, nicht behindert für die Disability Studies, nicht schwarz für die Black Studies, nicht jüdisch für die Jewish Studies und kein Migrant für die Postcolonial Studies, denn Studies fragen nach den Subjektformen der Akteure selbst, die sich vor dem Hintergrund kultureller Codes in den jeweiligen Studies in den historisch-kulturellen Praktiken und Diskursen konstituieren. Studies haben eine inter- oder transdisziplinäre Perspektive. Zwar ist es möglich, an manchen Universitäten einen akademischen Abschluss in einer der Studies zu erwerben; das Besondere an Studies ist jedoch, dass sie ihr innovatives und produktives Potenzial innerhalb der Gegenstände von Fächern entwickeln. Darin liegt das subversive – also politische – Potenzial der Studies, wonach kein Gebiet jenseits der Studies zu denken wäre. Wie verhält es sich aber im akademischen Feld der Deaf Studies? Müssen Studierende, Lehrende und Forschende taub sein, um sich in den Deaf Studies zu engagieren?

Exklusive Deaf Studies?

In Studiengängen, deren Gegenstand die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ist, hat es den Anschein, als ob Deaf Studies eine Funktion erfüllen, die in Form von "Landeskunde" Bestandteil fremdphilologischer Studiengänge ist und Informationen über Land und Leute vermitteln will, um einen kulturellen Zugang zu der Gemeinschaft zu ermöglichen, deren Sprache die Studierenden lernen. Den Hamburger Studierenden etwa werden zu Beginn ihres Studiums im Deaf-Studies-Modul Einblicke in die Kultur und in unterschiedliche Lebensbereiche tauber Menschen gewährt. Dabei ist den dort behandelten Themen eine Haltung als Selbstverständnis eigen, nach der es sich bei der Gehörlosengemeinschaft um eine geschlossene Sprachgemeinschaft handelt. Den Studierenden, von denen die meisten bisher keinen Kontakt zu tauben Menschen hatten, wird das Bild einer Gemeinschaft vermittelt, die sich ihrer Traditionen, Geschichte(n) und Kultur bewusst ist und durch das Band der gemeinsamen Gebärdensprache zusammengehalten wird.

Zweifellos hat das Erlernen der DGS viele Ähnlichkeiten mit dem Erlernen einer anderen Fremdsprache. Und doch wird gerade am Thema "Landeskunde" ein zentraler Unterschied zu anderen Fremdsprachen deutlich: Eigentlich bedürfte es keiner landeskundlichen Unterweisung, denn DGS ist eine Sprache, die in Deutschland gesprochen wird, einem Land also, das den Studierenden sehr vertraut ist. Aber – und das unterscheidet den DGS-Unterricht vom Erwerb anderer Fremdsprachen – sie wird von Menschen gesprochen und gelehrt, die nicht hören. Es ist also kein anderes Land, sondern die grundlegend andere Lebenserfahrung des Nichthörens, die es in DGS-Studiengängen zu denken gilt. Allerdings ist es auffällig, dass sich diese andere Lebenserfahrung nicht als Erfahrung des Nichthörens, sondern als Erfahrung eines Lebens in einer anderen Welt vermittelt, als ob Gehörlosigkeit erst unter Zuhilfenahme dieser Metapher denkbar werde.

Nun kann das Nichthören auf zweierlei Weise verstanden werden: Zum einen in einer Gesellschaft leben, in der Hören, Schwerhören und Nichthören Lebenserfahrungen auslösen, die sich fundamental unterscheiden – also eine Sichtweise, die "Normalität" kritisch befragt und die Auseinandersetzung damit betont. Die Fragen an Studierende der Deaf Studies, die sich in Bezug auf diese Sichtweise stellten, wären: Was gelingt und misslingt den einen anders als den anderen? Worin unterscheiden sich die Lebenserfahrungen von Hörenden, Schwerhörigen und Gehörlosen? Mit welchen akademischen Disziplinen und in welcher Sprache lassen sich diese differenten Erfahrungen beschreiben? Es sind Fragen, die Alterität und gleichzeitige Verwobenheit sowie das Miteinander-Sein hörender, schwerhöriger und tauber Menschen und somit ihre körperliche Verfasstheit reflektieren.

Die andere Lesart von Gehörlosigkeit bestünde darin, in einer Welt gehörloser Menschen zu leben, die zwar irgendwo in einem Kosmos hörender Menschen verortet ist, doch den Kontakt mit diesem Kosmos nicht denkt, sondern sich auf das Leben in der "Welt der Gehörlosen" beschränkt – im Sinne einer normativen Sichtweise, bei der das Nichthören selbst ein Tabu bleibt. Die Fragen an Studierende der Deaf Studies aus dieser Sichtweise heraus entsprechen jenen, die im Fach "Landeskunde" gestellt werden und die von einer substanziellen Trennung der Lebensbereiche hörender und tauber Menschen ausgehen im Sinne eines "Zwei-Welten-Konstrukts".

Die Idee einer "Welt der Gehörlosen" basiert unter anderem auf ethnisierenden Konzepten wie Deaf Ethnicity und Deafhood. Das Konzept Deaf Ethnicity, das mit dem Namen Harlan Lane verknüpft ist, begreift die Gehörlosengemeinschaft als eigene Ethnie, die über eine "kollektive Sprache, kollektive Identität, kollektive Kultur, kollektive Geschichte, kollektive Kunst, kollektive Epistemologien und Ontologien" verfügt, während das von Paddy Ladd entwickelte Deafhood-Konzept den Blick auf die jeweils regionalen gehörlosen Kulturgemeinschaften richtet und fordert, "traditionelles gehörlosenkulturelles Wissen, Weisheit und Erfahrungen zu respektieren und gleichzeitig die Tatsache anzuerkennen, dass Gehörlosenkulturen über einen Zeitraum von etwa 130 Jahren durch Audismus und Kolonialismus negativ beeinflusst und sogar aktiv geformt worden sind".[5]

Beide Konzepte prägt ein gemeinsames Merkmal: Sie leugnen die Existenz eines behinderten Körpers, der mit Bevormundung und Ausschluss verbunden wird. Eine taube Identität als Behinderte ist für die gehörlosen Vertreterinnen und Vertreter der Deaf Studies nicht vorstellbar. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Deaf Studies keinen Anschluss an Disability Studies suchen. Die durch Deafhood gewährleistete Stabilisierung der Gehörlosengemeinschaft ermögliche es, "Brücken zu anderen Fachdisziplinen aufzubauen", zu denen "Soziologie und Anthropologie, Philosophie, die Künste, Humangeografie, Minority Studies und Cultural Studies" gehören.[6] Disability Studies gehören offensichtlich nicht dazu, obwohl das von den Disability Studies formulierte soziale Modell von Behinderung mit dem kulturellen Modell der Deaf Studies große Ähnlichkeiten aufweist.

Fußnoten

1.
Horst Ebbinghaus, Ist Deaf Studies ein akademisches Fach?, Vortrag, Tagung "Eine Standortbestimmung der Deaf Studies in Deutschland", Berlin 17.11.2012.
2.
Ders., Deaf Studies zwischen Ideologie und Wissenschaft, in: Das Zeichen 95/2013, S. 392–400, hier S. 393.
3.
Ebd., S. 394.
4.
Katja Fischer et al., Leitbild: Deaf Studies in Deutschland, in: Das Zeichen 83/2009, S. 438f., hier S. 438.
5.
Paddy Ladd/Harlan Lane, "Deaf Ethnicity" und "Deafhood". Klärung zweier Konzepte und ihrer Beziehung zueinander, in: Das Zeichen 96/2014, S. 42–53, hier S. 51, S. 48.
6.
Ebd., S. 49.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Tomas Vollhaber für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.